ZWISCHEN Ruf : Regulierung kostet künftiges Wachstum

Die Krise auf dem Finanzmarkt rückt schonungslos gerade, was viele in den letzten Jahren gerne vergessen haben: Um in stabilem Wohlstand leben zu können, braucht man ordentliches Wirtschaftswachstum.

Ursula Weidenfeld

Das ist nun in Gefahr, und prompt beschweren sich ausgerechnet die, die vorher gerne über Wirtschaft ohne Wachstum, bedingungsloses Grundeinkommen und Bürgerarbeit philosophiert haben.

Die nun wieder wachsende Angst um den eigenen Job macht schmerzhaft klar, dass es etwas anderes ist und etwas anderes bleibt, eine bezahlte Arbeit zu haben als ein unbezahltes Ehrenamt auszuüben. Das Erschrecken über mehr Inflation, weniger Überschussbeteiligung bei der Lebensversicherung, und schmelzenden Aktienwert zeigt, dass es im Kern eben doch um die Wirtschaft geht. Nur wenn es der Wirtschaft gut geht, lässt sich trefflich über Luxusprobleme streiten. Wenn es ihr schlecht geht, geht es an die Substanz.

Die nun beklatschte Regulierung des Kapitalmarktes mag eine Genugtuung für die Wütenden sein. Aber sie wird keines der Probleme lösen, die wir zurzeit haben. Gleiche Rahmenbedingungen für alle sind eine schöne Vorstellung. Doch sie lassen sich kaum weltweit durchsetzen, schon gar nicht in einer Zeit, in der es eher weniger internationale Kooperationsbereitschaft gibt anstatt mehr. Wer soll die internationale Regulierungsinitiative koordinieren? Die USA? Wer sorgt dafür, dass die Interessen der westlichen Industrieländer, der gelenkten asiatischen Ökonomien, Lateinamerikas und Russlands ausgeglichen werden? Die G8-Nationen? Da werden sich die anderen herzlich bedanken. Werden dieselben Personen das Design der Regulierung machen, die auch für das Design der Spekulationsblase verantwortlich sind? Wer sonst?

Bleibt die Regulierung im Einzelfall als wahrscheinlichste und schlechteste aller Möglichkeiten übrig. Warum dürfen zum Beispiel Hedgefonds jetzt auf den Fall einiger Aktien wetten, auf die Verluste anderer dagegen nicht mehr? Leerverkäufe wurden schließlich nur für einen Teil der Unternehmen vorübergehend verboten. Das schafft keine Ruhe, sondern neue Verzerrungen.

Die klügsten Köpfe werden auf der anderen Seite bleiben: Weil dort viel besser verdient wird, werden die Regulierer in Wissen, Umtriebigkeit und Kreativität immer weit hinterherhinken. Allein die Vorstellung, dass die Politiker-Aufsichtsräte der staatseigenen Banken auch in den Gremien der Regulierungsfirma säßen, muss einem den Angstschweiß auf die Stirn treiben.

Und: Mehr Regulierung wird künftiges Wachstum kosten. Die Finanzmärkte sind das Schmiermittel für die Weltwirtschaft. Was passiert, wenn dieses Schmiermittel ausgeht, haben wir in den vergangenen Tagen gesehen.

Ein Mittel gegen die Wut gibt es dennoch: Das Verhältnis von Arbeits- und Kapitaleinkommen wird sich in diesem Jahr dramatisch zugunsten der Arbeitseinkommen verschieben. Für den Rest braucht man einen kühlen Kopf. In diesen Zeiten mehr denn je.

Die Autorin ist Chefredakteurin von „Impulse“.

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