ZWISCHEN Ruf : Wann, wenn nicht in der Rushhour des Lebens?

In welchem Alter ist man am besten in der Lage, die richtigen Prioritäten zu setzen? Vermutlich in genau dem Alter, in dem die Soziologen jetzt die furchtbare Lebensrushhour mit drohendem Burn-out-Syndrom definieren.

Ursula Weidenfeld

Wieder einmal wurden Eltern in einer großen Meinungsumfrage befragt, wie es ihnen so geht. Wieder einmal haben die Eltern gesagt, sie kämen mit den Kindern gut zurecht, das Familien-und-Berufsleben sei schön, aber ziemlich anstrengend. Wieder einmal haben sie gefordert, dass der Staat ihnen mehr hilft, die Gesellschaft sie mehr unterstützt und dass sie die ganze Last nicht immer nur alleine tragen müssen.

Und wieder einmal fiel der Begriff der Rushhour des Lebens. Es sei einfach zu viel zu tun im Alter zwischen 30 und 45, wenn man Kinder hat, beruflich weiterkommen will, vielleicht eine Immobilie bezahlen muss und sich dann möglicherweise auch noch um die alten Eltern kümmern soll. Stress pur, und das macht einen fertig.

Das stimmt. Aber warum ist das zu viel? Wer von der Rushhour des Lebens spricht, unterstellt, dass es besser wäre, mehr Zeit für sich und weniger Verantwortung für andere zu haben. Das ist eine Illusion. Die Wahrheit über diese Form der Rushhour ist, dass man in einem Alter stark gefordert wird und sich stark fordern lässt, in dem man auch besonders leistungsfähig ist. Wann, wenn nicht zwischen Ausbildung und echtem Alter, ist man in der Lage, mit Belastungen umzugehen und an ihnen zu wachsen? Verantwortung zu übernehmen, persönliche Grenzen zu erkunden, ist nicht nur anstrengend, es macht Spaß. Wann, wenn nicht jetzt, lernt man, neues Wissen und erworbene Erfahrung zu einem zeit- und energiesparenden Leben zu kombinieren, in dem wieder Zeitreserven für neue Herausforderungen entstehen? In welchem Alter ist man am besten in der Lage, die richtigen Prioritäten zu setzen?

Vermutlich in genau dem Alter, in dem die Soziologen jetzt die furchtbare Lebensrushhour mit drohendem Burn-out-Syndrom definieren. Solange ein striktes Zeitmanagement nicht erforderlich ist, vertrödelt man Zeit, sammelt unnötiges Wissen, liest alberne Bücher, schaut merkwürdige Filme, oder verbringt viel Zeit mit Menschen, die einen nicht interessieren. In späteren Jahren braucht man länger, neues Wissen zu erwerben oder neue Techniken anzuwenden. Es gibt keine bessere Zeit für Beruf, Familie, Karriere und Verantwortung als die zwischen 30 und 45.

Vor diesem Hintergrund wird die Botschaft von der Rushhour des Lebens ganz banal. Sie heißt: Das Leben ist kurz. Man muss Prioritäten setzen. Diese Erkenntnis haben übrigens alle Generationen gemein.

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