Meinung : Zwischen uns

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Von Jeff Gedmin

WO IST GOTT?

Am 11. September bestieg ich morgens ein Flugzeug am Dulles-Airport Washington. Wir flogen westwärts, wie ein anderes Flugzeug auch, das fast gleichzeitig startete. Wie wir später erfuhren, war es dasjenige, das ins Pentagon rammte. Nach etwa einer Stunde informierte uns der Pilot, dass der Präsident den Ausnahmezustand erklärt hatte und alle Jets unverzüglich landen müssten. Wir wurden nach Pittsburgh dirigiert.

Dort landeten wir aber nicht, sondern in Indianapolis – weil ein Flugzeug vor uns auf unserer Route, der United-Flug 93 von Newark nach San Francisco, südöstlich von Pittsburgh abgestürzt war. Heldenhafte Passagiere hatten gegen die Entführer gekämpft, die es vermutlich in das Weiße Haus steuern wollten. Wir bemühten uns um mehr Informationen: über die Kreditkarten-Telefone an Bord. Erst hieß es, eine kleine Maschine sei gegen das World Trade Center gestoßen – ein Unfall. Nein, korrigierte ein anderer, es gab einen Crash in Washington. Dann der Schock: ein terroristischer Angriff auf New York und Washington.

Die Stimmung an Bord werde ich nie vergessen: eine unglaubliche Ruhe. Ein Geschäftsmann Mitte 50 stand auf und half den Stewardessen Kaffee servieren. Ein anderer verteilte die Imbiss-Päckchen. Als wir schließlich in Pittsburgh waren, boten Passagiere ihre Handys den anderen ohne Mobiltelefon an, damit sie zu Hause anrufen können. Mein Sitznachbar erzählte, seine Mutter lebe nur 60 Meilen von Indianapolis, er werde sie besuchen, und lud mich ein mitzukommen – auch später, falls ich kein Bett für die Nacht finde. Wir wussten, dass viele gestrandet waren. Die Hotels würden rasch ausgebucht sein.

Doch an Ruhe konnte ich nicht denken. Ich bekam einen der letzten freien Mietwagen und machte mich auf den Weg zurück nach Osten: 13 Stunden, zwei Stopps. Beim ersten an einer Raststätte wollte ich eine gute Straßenkarte kaufen. Es gab keine, aber der Mann an der Kasse hatte einen Routenatlas. Ich hatte gerade begonnen, meine Strecke zu studieren, da sagte er lächelnd: „Nehmen Sie ihn mit. Kostenlos, natürlich.“

Ich musste trotzdem nochmal anhalten, mitten in Virginia, im Kohlerevier, um in einer Kneipe nach dem Weg zur Schnellstraße zu fragen. Eine der beiden jungen Bedienungen meinte: „Haben Sie denn keine Angst, jetzt dorthin zu fahren?“ Ich solle reinkommen, etwas essen, sie würden für mich sorgen. Die Menschen fühlten sich vom Grauen gepackt an diesem Tag. Aber neben der Barbarei hatte er ein anderes Gesicht: Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit vieler fremder Menschen.

Und dann, schon zurück in Washington, kam mir plötzlich diese Szene in Erinnerung. Jeden Morgen fuhr ich mit der U-Bahn zur Arbeit, stieg in Farragut North aus und kam auf dem Weg zu meinem Büro Ecke 17th und M-Street erst am Mayflower Hotel und dann an einem Obdachlosen vorbei. Der ältere farbige Gentleman saß da jeden Tag, in eine Decke gehüllt, auch bei Hitze. Ich gab ihm meist einen Dollar oder zwei, er nickte, lächelte und wünschte mir einen guten Tag. Nur einmal, es war kurz vor dem 11. September, da wünschte er mir nicht einen guten Tag, sondern – einen sicheren Flug. Kein Scherz. An dem Tag flog ich wirklich: nach New York. Ich erzählte es Freunden, aber die meinten, ich müsste mich verhört haben.

Wo war Gott am 11. September? Für mich war er da, klar und deutlich: in der Zuwendung fremder Menschen. Man nennt sie, glaube ich, gute Samariter.

Der Autor ist Direktor des Aspen-Instituts Berlin.

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