Meinung : Zwischen Waffe und Wahlurne

Martin Alioth

Die Bush-Administration hatte die amerikanische Umarmung und Betörung der IRA und ihres politischen Zwillings Sinn Féin schon vor dem 11. September eingestellt; das war ihnen wohl zu unappetitlich und vielleicht auch etwas zu komplex als politische Strategie der Verführung. Das republikanische Herz (das amerikanische) sucht Trost in London und misst den Bindungen an die irische Scholle geringere Bedeutung bei. Nach den Terror-Anschlägen indessen brach die Eiszeit aus. Jene, die auch nur mit dem Gedanken spielten, ihre politischen Anliegen mit Waffengewalt herbeizuführen, wurden geächtet.

Die Kalkulation der IRA und Sinn Féins, ihre Waffenarsenale als Faustpfand für politische Zugeständnisse zu benutzen, stieß in Washington auf kategorische Ablehnung. Aus nordirischer Perspektive sah die Lage natürlich völlig anders aus: Hier wurden die Waffen der IRA nicht so sehr als akute Bedrohung empfunden, sondern als mangelnde Einsicht in eine verfassungskonforme Politik. Die nordirischen Protestanten hatten sich schon seit Jahren in ihre Forderung nach einer Entwaffnung oder Abrüstung der IRA verbissen, weil sie darin einen greifbaren Beweis für die langfristig friedlichen Absichten der IRA wie auch Sinn Féins erblickten. Das war zwar ein legitimes Anliegen, hatte aber den gravierenden Schönheitsfehler, dass es der IRA ein Vetorecht über den politischen Prozess einräumte.

Es scheint nun unbestritten, dass die IRA sich im Verlaufe des Frühlings / Sommers 2001 dazu durchrang, mit der Abrüstung tatsächlich zu beginnen. Denn der politische Prozess schlitterte unaufhaltsam an den Abgrund, weil die größte Protestantenpartei sich selbst zerfleischte. Chefminister und Parteivorsitzender David Trimble drohte der Sturz von innen, wenn er den Zweiflern in den eigenen Reihen dieses stählerne Faustpfand nicht vorweisen konnte. Und Sinn Féin wiederum war schlau genug zu verstehen, dass ohne Trimble keine Koalitionsregierung denkbar war. Aber es fehlte der äußere Anlass, der eine Entwaffnung erlaubte, ohne sie als Kapitulation wirken zu lassen. Genau diese Kulisse bot die veränderte globale Lage nach dem 11. September.

Etwas weiteres kam hinzu: Im August waren drei mutmaßliche IRA-Leute in Kolumbien verhaftet worden, während sie angeblich ihre Erfahrungen beim Bombenbau mit der dortigen Guerilla-Armee FARC austauschten. Washington war empört, denn dort wird FARC als Beelzebub und Paria gesehen. Wie konnte die amerikanische Regierung eine nordirische Gruppierung wohlwollend behandeln, wenn diese gleichzeitig einem Erzfeind beibrachte, wie man seine terroristischen Methoden verbessert? Sinn Féin bestritt jede Verwicklung, gab später jedoch zu, dass die Verhafteten sehr wohl in ihren Dunstkreis gehören.

Als der Beginn der Entwaffnung dann am 23. Oktober bestätigt wurde, kam Sinn Féin zurück aus der Kälte. Der Schritt erfolgte bestimmt früher als geplant - die irische Wahl im kommenden Frühling erschien den Strategen ursprünglich vielversprechender - und kam damit gerade noch rechtzeitig, bevor Trimble handlungsunfähig wurde. So konnte die nordirische Regierung wieder gebildet werden, die Polizeireform, die schon vorher dramatische Fortschritte gemacht hatte, wurde in die Tat umgesetzt.

Es lohnt sich vielleicht zum Schluss, die Motive Sinn Féins und der IRA zu formulieren: Die Ächtung durch die amerikanische Regierung erschien den republikanischen Politikern als allzu hoher Preis. Da verzichteten sie lieber auf einige Waffen und brachen damit ihr eigenes Dogma. So handeln nur Politiker, die langfristig an Wählerstimmen, politischer Verantwortung und legitimer Macht interessiert sind.

Das ist die positive Einsicht aus den Windungen des nordirischen Friedensprozesses im Jahre 2001 - vor die Wahl zwischen der "armalite", dem halbautomatischen Gewehr, und der "ballot box", der Wahlurne, gestellt, wählten Sinn Féin und die inzwischen berechenbarere IRA das letztere. Die Ironie der Geschichte: Ursprünglich hatte Sinn Féin gehofft, diese Wahl nie treffen zu müssen.

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