Zwischenruf : Die CDU weiß nicht, was Familie ist

Wenn es nur darum geht, für möglichst alle Formen des Zusammenlebens staatliche Unterstützungsleistungen zu erfinden, kann man die Förderung gleich lassen

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Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".
Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin. Sie war unter anderem Chefredakteurin von "impulse".Foto: Mike Wolff

Die CDU hat sich in dieser Woche entschieden, homosexuellen Lebenspartnern das Ehegattensplitting zu verweigern. Damit hat sie ihren Konservativen ein Schmusekissen zum Trost für all die anderen verloren gegebenen Werte gehäkelt. Doch gleichzeitig hat sie offenbart, dass ihr in einem ihrer Kerngebiete, der konservativen Familienpolitik, der Kompass komplett abhanden gekommen ist.

Früher ging es bei der Familienförderung um die Ehe. Man ging davon aus, dass sich Kinder schon einstellen, wenn man einmal verheiratet ist. Als das anders wurde, begann man die Kinder extra zu fördern. Als immer mehr Kinder bei unverheirateten Paaren aufwuchsen, erfand die CDU den Slogan „Familie ist da, wo Kinder sind“. Wenn die Paare sich trennten, wurden auch die Alleinerziehenden großzügig in den Familienbegriff eingemeindet. Hätte die Union sich dazu durchgerungen, das Thema tatsächlich zu Ende zu denken, hätte sie beim Splitting für Homosexuelle anders entscheiden müssen. Damit aber wäre klar geworden, dass es gar nicht mehr um die Kinderfrage geht. Paare, homo- oder heterosexuell, die dauerhaft ein Bett teilen, wären begünstigt worden. Wie lange hätte es wohl gedauert, bis auch Lebensgemeinschaften, die das nicht tun, Gleichberechtigung gefordert hätten – Ordensleute, die pflegende Schwester und ihr Bruder, der kranke alte Mann und die Haushälterin? Nach dem Motto: Familie ist überall.

Der CDU fehlt eine Idee davon, was eine Familie eigentlich ist, was sie sein sollte, und wie man sie sinnvoll unterstützen kann. Deshalb hat sie sich entschlossen, lieber alles zu fördern, was irgendwie nach Familie riecht. Schwule riechen einfach noch nicht genug nach Familie. Das ist ihr Problem.

Familienpolitik aber hat nur dann einen Sinn, wenn ihr die Überzeugung zugrunde liegt, dass Menschen am besten in stabilen Gemeinschaften leben, in dem zumindest die Erwachsenen einen verbindlichen Vertrag über das Zusammenleben schließen. Wenn es nur darum geht, für möglichst alle Formen des Zusammenlebens staatliche Unterstützungsleistungen – Splitting-, Mitversicherungs-, Eltern-, Erziehungs-, Pflege-, Alleinerziehenden-, Haushaltshilfegeldleistungen – zu erfinden, kann man die Förderung gleich lassen. Wenn alle etwas bekommen sollen, wären alle besser dran, wenn sie weniger Steuern und Sozialabgaben bezahlen müssten. Außerdem müssten sie dann nicht mehr immerzu Familie sein. Sie dürften einfach nur Bürger sein.

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