Zwischenruf : Schluss mit den "(Euro)-Schein-Lösungen"

Barbara John über neue Erkenntnisse, wie Arme einkaufen und was das für die Sozialpolitik bedeutet.

Barbara John

Denken nicht die meisten über die Armen so: Sie geben das wenige Geld falsch aus; beispielsweise für Zigaretten und Alkohol statt für Gemüse. Ihre Wohnungen sind vollgestopft mit teurer Elektronik: Flachbildfernseher, Laptop, DVD – alles vorhanden wie in jedem Mittelstandshaushalt. Dabei verfügen sie doch nur über einen Tagessatz von etwa 12 Euro (Hartz IV), der schon für das Notwendige an Nahrung, Hygiene, Fahrkosten, Kleidung nicht reicht. Und eben diese Unvernunft unterscheidet sie von den Wohlhabenden. Wären die Armen auch so überlegte Konsumenten wie jene, könnten sie ihr Schicksal zum Besseren wenden.

Nun räumt die Studie „Poor Economics“ aus dem M.I.T. im amerikanischen Cambridge mit solchen Zerrbildern radikal auf. Zwei Wirtschaftswissenschaftler haben 15 Jahre lang untersucht, wie die Allerärmsten, also diejenigen, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen, tatsächlich wirtschaften. Und siehe da: fast genauso wie Menschen, die mehr Geld haben, nur viel berechnender. Dennoch verzichten sie nicht auf Genussmittel wie Tabak und Alkohol (gerade gestrichen aus dem Hartz-IV-Warenkorb). Auch sie wollen entspannen und genießen. Und wenn Grundnahrungsmittel billiger werden, dann geben sie das Gesparte für hochwertige Elektronik oder für Leckereien aus, wie es die „Betuchten“ ja auch tun. Einkommensarme hier unterscheiden sich auch darin nicht von den Ärmsten dort. Während aber das gute Leben die Reichen nicht gleich finanziell ausbluten lässt, kann der kleine Luxus die Armen in den Ruin und die Obdachlosigkeit treiben. Ihre Verantwortung, nicht zu scheitern, ist also viel höher. Wirtschaftlich balancieren sie immer auf einem dünnen Seil. Verzichtsfreie Tage gibt es nicht. Es klingt wie Hohn, wenn sie dennoch pausenlos dazu aufgefordert werden.

Die Studie legt zwingend nahe, Arme anders wahrzunehmen und die Armutsbekämpfung zu verändern. Schluss mit den „(Euro)-Schein-Lösungen“, also der Forderung, ihnen nur mehr Geld in die Hand zu drücken; Bio-Läden werden sie auch dann meiden. Aber unbedingt mehr investieren in qualifizierte Erziehung und gesunde Versorgung der Kinder in öffentlichen Einrichtungen. In Arbeit bringen, und ist der Verdienst zu gering, dann aus Steuern aufstocken. Kinder mit Armutsrisiko werden dann von ihren Eltern schulisch unterstützt, wenn ein verwertbarer Abschluss, eine Bildungsgarantie unterhalb des Abiturs, greifbar ist und nicht madig gemacht wird.

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