Zwischenruf von Ursula Weidenfeld : Herr Altmaier, gründen Sie eine WG!

Allein leben - das tun zwar viele. Gesellschaftlich akzeptiert aber ist es aber offenbar nur als vorübergehende Erscheinung. Das Mindeste, was wir Bundesumweltminister Peter Altmaier angesichts dieser Lage empfehlen, ist: Gründen Sie eine WG!

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Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) während seiner Sommerreise.
Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) während seiner Sommerreise.Foto: dpa

Über 40 Prozent aller Deutschen leben in einem Singlehaushalt. Keine Lebensform ist verbreiteter als das Leben ohne Partner und Kinder. Keine Lebensform aber wird misstrauischer beäugt. Das muss jetzt jedenfalls Bundesumweltminister Peter Altmaier zur Kenntnis nehmen. Der Mann lebt allein. Kaum hatte er das am vergangenen Wochenende zugegebenermaßen ziemlich verschwurbelt gesagt, brach eine Debatte darüber aus, ob man tatsächlich alleine leben kann. Oder ob man etwas verbirgt, wenn man alleine lebt. Etwas, was man heutzutage wirklich nicht mehr verstecken muss.

Je gleichgültiger eine Gesellschaft gegenüber Konventionen wird, desto freundlicher kann sie alle möglichen Abweichungen von einer vermeintlichen Normalität tolerieren. Dieser Relativismus gelangt nun aber an seine Grenzen: Der Mainstream diktiert das Zusammenleben in allen denkbaren und auch in bis vor kurzem für undenkbar gehaltenen Konstellationen. Das Alleinleben wird unter der Marke „abweichendes Verhalten“ verbucht. Es wird suspekt.

Allein leben, das tun zwar viele. Gesellschaftlich akzeptiert aber ist es nur als vorübergehende Erscheinung. Bei jungen Menschen, die ihren Partner noch nicht gefunden haben. Bei Mittelalten als Zwischenleben zwischen zwei Beziehungen. Bei Alten, wenn einer der Partner schon verstorben ist. Das Alleinleben an sich aber gehört nicht mehr zu den hinnehmbaren Lebensformen. Ist da einer etwa homosexuell und traut sich nicht, es zu sagen? Keine Angst, rufen wir ihm zu, es ist doch normal, schwul zu sein. Ist einer noch verheiratet und lebt nur heimlich mit einer Freundin? Ach was, schmunzeln wir, nur heraus damit, der Bundespräsident tut das doch auch. Ein Erwachsener mag Männer und Frauen? Je nun, soll er doch! Die pluralistische Gesellschaft sehnt sich geradezu danach, jede Lebensform tolerieren zu dürfen.

Aber dass einer nur alleine lebt? Weil es ihm vielleicht zu lästig ist, die ständigen Kompromisse des Zusammenlebens auszuhandeln? Weil er sich aus religiösen Gründen gegen das Leben in einer Familie entschieden hat? Weil er Menschen um sich herum nicht gut erträgt? Das ist nicht vorgesehen. Toleranz erweist sich als Intoleranz, und hinter unserer zur Schau gestellten Unkonventionalität verbergen sich neue Konventionen. Das Mindeste, was wir Peter Altmaier angesichts dieser Lage empfehlen, ist: Gründen Sie eine WG!

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