Meinung : Zwölf Jahre kirchliche Sonnenfinsternis

„Kreuze und Hakenkreuze“ vom 2. Februar

Es ist wichtig, die fatalen Verirrungen und die Schuld der „Deutschen Christen“ während der NS-Diktatur aufzuzeigen und in nachdrücklicher Weise daran zu erinnern. Deshalb kann dieser umfangreiche Tagesspiegelbericht dazu beitragen, solche „braune Vergangenheit“ aufzuarbeiten. Wenn zugleich „der Kirche“ bereits in der erläuternden Überschrift unterstellt wird, sie drücke sich auch noch 80 Jahre später vor einer Aufarbeitung der Vergangenheit, dann ist dies ein bitterer Schlag gegen zahlreiche Mühen darum. Schon lange und in vielfältiger Weise haben sich kirchliche Institutionen, Kirchengemeinden und Kirchenkreise, engagierte Einzelne und Arbeitsgruppen, Seminare und Tagungen mit dieser „zwölfjährigen kirchlichen Sonnenfinsternis“ kritisch auseinandergesetzt. Das sollte wahrgenommen werden. Dass der (inner-)kirchliche Widerstand gegen die „Deutschen Christen“ in nur wenigen Zeilen und Beispielen vom Verfasser benannt wird – und z. B. die Bekenntnissynode, die Stuttgarter Schulderklärung oder das Darmstädter Wort nicht einmal Erwähnung finden –, lässt dann doch nach der Absicht dieses Artikels und nach der Kompetenz des Verfassers fragen.

Siegfried Schmidt, Berlin-Spandau

Manfred Gailus behauptet, die Theologische Fakultät der Humboldt-Universität habe „in den mehr als 20 Jahren seit der Wende fast nichts zur Aufarbeitung der braunen Hauptstadtkirche und ihrer schrecklichen Universitätstheologen beigetragen“. Offenbar weiß der Autor nichts von dem schon 1960 an der damaligen Kirchlichen Hochschule in Berlin-Zehlendorf gegründeten Institut Kirche und Judentum, das sich als Werk der Evangelischen Kirche Berlin–Brandenburg–schlesische Oberlausitz seit 1993 mit dem Status eines An-Instituts an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität befindet. Von dem Neutestamentler und Pfarrer der Bekennenden Kirche Günter Harder ins Leben gerufen, danach maßgeblich von seinem langjährigen Leiter Peter von der Osten Sacken geprägt, erforscht das Institut Kirche und Judentum seit seiner Gründung die Verstrickung der Evangelischen Kirche in die Gräuel des Nationalsozialismus. In diesem Zusammenhang bietet das Institut Kirche und Judentum seit 1960 einschlägige Lehrveranstaltungen an, führt regelmäßig eine christlich-jüdische Sommeruniversität durch und hat bis heute zahlreiche Studien zur Geschichte der Evangelischen Kirche und der evangelischen Theologie in der Zeit des Nationalsozialismus herausgebracht, darunter die auch international viel beachteten Monografien von Detlef Minkner „Christuskreuz und Hakenkreuz. Kirche im Wedding 1933–1945“, von Wolfgang Gerlach „Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und die Juden“ oder von Oliver Arnhold „’Entjudung’ – Kirche im Abgrund“. Merkwürdigerweise erwähnt Gailus auch nicht die 1935 als Reaktion auf die deutsch-christliche und nationalsozialistische Prägung theologischer Fakultäten an den deutschen Universitäten gegründete Kirchliche Hochschule in Berlin-Zehlendorf, deren Dozenten und Studierende durch den nationalsozialistischen Staat mit Lehrverbot, Exmatrikulation und teilweise mehrmonatige Inhaftierungen bestraft wurden und die schließlich vom NS-Staat geschlossen wurde, bevor sie 1945/46 wieder eröffnet werden konnte. Dass die evangelische Kirche und die theologische Fakultät in Berlin in der Zeit des Nationalsozialismus über weite Strecken versagt und eine verheerende Rolle gespielt haben, steht außer Frage. Dass sie fast nichts zur Aufarbeitung ihrer Geschichte getan hätten oder fortlaufend tun würden, ist schlichtweg falsch.

Prof. Dr. Markus Witte, Humboldt-

Universität Berlin, www.ikj-berlin.de

Dankenswerterweise setzt sich Prof. Gailus intensiv mit der Rolle der Evangelischen Kirche im Nationalsozialismus auseinander. Unverständlich ist mir, dass er schreibt, er habe den Eindruck, die kircheninterne Parole sei „Nun ist aber genug“. Ganz im Gegenteil! Wir beschäftigen uns intensiv mit der Aufarbeitung unserer Geschichte. In diesem Jahr gilt unser besonderes Augenmerk den deutschen Christen. Die große Schuld, die viele Christen auf sich geladen haben, will von uns auf keinen Fall ausgeblendet werden. Nicht zuletzt der Beirat unserer Kirche „Lernen an kirchlichen Erinnerungsorten in Berlin 1933–45.1989“ sieht seine zentrale Aufgabe in der Auseinandersetzung mit unserer Geschichte. Auch in diesem Jahr werden wir Veranstaltungen zum Thema anbieten, auch in Zusammenarbeit mit Prof. Gailus.

Ulrike Trautwein, Generalsuperintendentin, Evangelische Kirche Berlin–

Brandenburg–schlesische Oberlausitz

Auch die religiöse Verbrämung der Nazis gehörte zur „Machtergreifung“. Die braun-bewegten evangelischen Pfarrer waren schlimm, und schlimm verhielten sich später noch seriöse kirchliche Persönlichkeiten, die die aktuelle Lage im Januar 1933 katastrophal falsch einschätzten. Erinnerung daran und neue Reflektion darf nicht aufhören. Die Kirche drücke sich vor der Aufarbeitung der fatalen Verirrung, schreibt Gailus. Da fehlen ihm wohl Kenntnisse. Im Oktober 1945 formulierte der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland die Stuttgarter Erklärung: „ … Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden …“ Im August 1947 schrieb ein Kirchengremium in Darmstadt: „ … Wir sind in die Irre gegangen, als wir begannen, den Traum einer besonderen deutschen Sendung zu träumen ... Das Bündnis der Kirche mit den das Alte und Herkömmliche konservierenden Mächten hat sich schwer an uns gerächt …“ In den 50er und 60er Jahren wurde oft an diese Erkenntnis erinnert, mit ihr argumentiert, das Verhältnis von Kirche und Politik neu bestimmt. Kaum ein Semester der Kirchlichen Hochschule Berlin ohne dieses Thema. Kenntnis und Bewertung der Vorgänge 1933–1945 ist für angehende Pfarrerinnen und Pfarrer Pflicht. Die Denkschrift der Evangelischen Kirche „Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen östlichen Nachbarn“, die die Versöhnung mit Polen einleitete, wäre ohne die von Professor Gailus vermisste Aufarbeitung nicht denkbar. Gewiss, in der Öffentlichkeit, gerade in der West-Berliner Presse, wurden kirchlich-religiöse Themen bis in die achtziger Jahre als Privatsache abgetan. Es interessierte eigentlich nur, wie sich kirchliche Sprecher zur deutschen Einheit und zur DDR äußerten. Und zu den Achtundsechzigern. Insgesamt war der westdeutschen Mehrheit damals die ganze kirchliche Selbstbesinnung auf nationalsozialistische Irrtümer und Verbrechen unangenehm. In der Bundesrepublik gibt es mehrere Lehrstühle und Institute speziell für das Thema. Die Humboldt-Universität, in die ja die ehemalige Kirchliche Hochschule Berlin nach der Wiedervereinigung integriert wurde, sollte das Thema nicht vernachlässigen. Und der Autor, Professor für Neuere Geschichte, sollte über Studentenerkenntnisse eines Proseminars hinaus sich mal die Bibliografie zum Thema Kirchenkampf anschauen.

Emil Cauer, Berlin-Mitte

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