Menahem Pressler : "Ich liebe Knackwürstchen“

Menahem Pressler plauderte mit Thomas Mann und spielte für Alma Mahler-Werfel. Im Interview beantwortet der Pianist, was ihn von Mick Jagger unterscheidet – und warum Barenboim mehr üben sollte.

Interview: Andreas Austilat,Anna Kemper
Menahem Pressler
Menahem Pressler: "Der Unterschied zwischen mir und Jagger ist: Ich bin vor allem emotional sehr gefordert."Foto: dpa

Herr Pressler, wenn Sie Klavier spielen, haben Sie eine sehr ausdrucksstarke Mimik: Sie verziehen das Gesicht.

Ich spitze immer den Mund so komisch, manchmal sehe ich aus wie ein Goldfisch.

Merken Sie das?

Nein, ich bin absolut konzentriert. Meine Mimik hat mich allerdings schon in schwierige Situationen gebracht: Einmal saß eine Frau neben mir, die die Noten umblättern sollte. Sie blättert also um, an der falschen Stelle. Ich blättere zurück, dann kommt die Stelle, wo sie blättern muss, sie blättert aber nicht. Ich war schweißgebadet.

Konnte sie keine Noten lesen?

Nein. Sie hat einfach geblättert, wenn ich genickt habe. Leider nicke ich oft beim Spielen.

War das Ihr schlimmster Moment auf der Bühne?

Ach, nicht mal. Einmal hatte ich eine sehr korpulente Frau als Umblätterin, die trug kein Kleid, sondern eine Art Zelt. Immer, wenn sie sich vorbeugte zum Umblättern, fiel der weite Stoff auf die Tasten. Ich wusste weder, wo meine Hand ist, noch, wo die Noten sind.

Daniel Barenboim hat mal gesagt, was er mit 25 gelernt habe, sei ihm geblieben. Aber von einem Klavierkonzert, das er erst mit 40 einstudiert habe, könne er keine zwei Takte mehr auswendig.

Dass gerade Barenboim das gesagt haben soll, wundert mich, er hat doch das beste Gedächtnis von uns allen. Phänomenal, was der an Partituren im Kopf hat. Aber er hat recht: Ich habe heute morgen die „Hommage à Schumann“ gespielt, ein Stück, das György Kurtág für mich und das Beaux Arts Trio geschrieben hat. Früher ist mir das zugeflogen, diesmal fiel es mir schwer.

Sie haben heute früh schon wieder geübt, obwohl Sie gestern Abend erst ein Konzert hatten?

Ohne Üben geht es nicht. Ich bin gestern Nacht um halb zwei ins Bett gegangen, heute Morgen um 8 Uhr 30 habe ich geübt. Leider nur anderthalb Stunden.

Von Daniel Barenboim heißt es, er übe nicht gern.

Ich weiß. Manchmal klingt es auch so. Er ist großartig, ich verehre ihn, ich habe schon mit ihm zusammen gespielt, als er erst 14 war. Er ist ein Genie, er kann mehr als wir alle, als Dirigent wie als Pianist. Aber wenn du nicht übst, dann kannst du nicht mehr spielen. Das ist so, als ob dein Wagen kein Öl hat.

Sie waren 53 Jahre lang der Kopf des besten Klaviertrios der Welt. Haben Sie es bereut, sich gegen eine Solokarriere entschieden zu haben?

Niemals. Ich hatte ja die Wahl. 1955, bei der Gründung des Beaux Arts Trios, war ich bereits zehn Jahre lang Solist. Aber ich habe gespürt: Wenn wir zusammen spielen, geschieht etwas ganz Besonderes. Die Chemie stimmte, dieses Gefühl für Inspiration.

Aber Sie mussten Ihr eigenes Ego zurückstellen.

Wer sich nicht in ein Ensemble einfügt, kann sich auch nicht tief in ein Kunstwerk einfühlen. Da musst du immer dein Ego zurückstellen. Es ist nicht das Werk, das dich verschönert wie ein Kleid, sondern du als Diener verschönerst dieses Werk.

Sie vertreten eine Generation von Pianisten, die sich selbst wenig inszenierten. Ein junger Pianist wie Lang Lang wird zum Spielen an einem gläsernen Flügel in einen Wasserfall gesetzt.

Das ist nicht seine Schuld, dass man ihn in einen Wasserfall setzt! Abgesehen davon kriegt er es sehr gut bezahlt. Und er hat das Glück, dass ein Barenboim ihn unterrichten will. Lang Lang ist ein lieber Junge, ich kenne ihn sehr gut, er hat wunderbare Hände. Aber er hat nicht das, was wirklich tief in ein Werk führt. Das ist es, was Barenboim ihm zeigen kann.

Kann man das denn überhaupt lernen?

Man muss es haben, und man muss lernen, es zu aktivieren. Es gibt Leute, die stottern, aber sie haben etwas Wichtiges zu erzählen. Und es gibt Leute, die wunderbar sprechen, aber heraus kommt nur Cocktailtalk.

Es fehlt die zweite Ebene.

Die große Ebene. Artur Schnabel hat nicht technisch perfekt gespielt, Alfred Brendel und Radu Lupu auch nicht. Vladimir Horowitz, der war technisch phänomenal, aber perfekt? Nein. Es ist nicht die technische Perfektion, die sie so wunderbar macht – es ist ihre Inspiration.

Sie sind berühmt als Menahem Pressler. Aber eigentlich heißen Sie Max.

Ja, Max war als Kind mein Rufname.

Sie wurden in Magdeburg geboren, bis zu Ihrem 15. Lebensjahr haben Sie dort mit Ihren Eltern und Geschwistern gelebt.

Meine Eltern hatten dort ein Geschäft für Bekleidung, vor allem für Herrenkonfektion. Das war ganz in der Nähe vom Alten Markt, in der Buttergasse, aber die existiert heute nicht mehr. Es war kein besonders großes Geschäft, meine Eltern hatten vielleicht drei oder vier Angestellte.

Erinnern Sie sich an den 9. November 1938?

Ja, an diesem Tag ist das Geschäft meiner Eltern zerstört worden. Die Scheiben wurden eingeschlagen, die Sachen rausgerissen. Schon vorher hatten Schilder an der Tür gehangen: „Kauft nicht bei Juden“. Wir saßen zu Hause und hatten Angst. Ein Gefühl, das ich so später nie wieder empfunden habe.

Sie waren damals Schüler.

Nicht mehr. Eigentlich war ich Schüler auf dem Jungengymnasium, aber da durfte ich ja schon nicht mehr hingehen.

Können Sie sich noch daran erinnern, wie Sie in der Schule diskriminiert wurden?

Ich weiß nur, dass wir dachten: Das kann nur vorübergehend sein, das muss wieder vorbeigehen. Ich erinnere mich lieber an gute Sachen: An meinen Klavierlehrer, der Organist in der Kirche war und mich weiter unterrichtete, obwohl das nicht erlaubt war. Oder an einen SA-Mann, der meinen Bruder versorgte, als der mit dem Fahrrad stürzte und sich den Fuß brach.

Über Italien entkamen Sie mit Ihren Eltern und Geschwistern nach Palästina. Haben Sie Ihre Noten auf die Flucht mitgenommen?

Ich hatte ja kaum Noten. Aber meine eigenen Kompositionen habe ich mitgenommen. In Triest habe ich sogar Unterricht genommen, als wir auf das Schiff nach Palästina warteten. Und auf dem Schiff habe ich beim Captain’s Dinner gespielt.

War das Klavierspielen selbst eine Flucht für Sie?

Ohne Zweifel. Das Klavier hat meinen Geist gerettet und meinem Leben einen Zweck gegeben. Es ließ mich vieles vergessen. Meine Geschwister sagen oft: „Was, daran erinnerst Du Dich nicht?“ Dabei sind sie jünger als ich.

Ein Großteil Ihrer Familie wurde im Holocaust umgebracht.

Meine Großeltern, meine Onkel … Der Bruder meines Vaters war ein wunderbarer Tenor. Als seine Frau abtransportiert wurde, ist er zu diesem Lager oder was das war gegangen und hat gesagt: Nehmt mich, lasst meine Frau raus. Da haben sie ihn auch behalten. Ihr Kind, mein Cousin, überlebte. Nach dem Krieg kam er zu uns nach Palästina.

Mitte der 50er Jahre gaben Sie Ihr erstes Konzert in Deutschland. Haben Sie gezögert, in das Land zurückzukehren, das Ihrer Familie solche Grausamkeiten angetan hat?

Eigentlich nicht. Damals, in den 50ern, waren viele andere jüdische Künstler nicht bereit dazu, nach Deutschland zu reisen. Ich beschloß allerdings, das Geld, das ich in Deutschland verdiene, Israel zu spenden. Das war eine Idee meiner Frau. Ich spende noch heute dem Staat Israel Geld.

Wann haben Sie Ihren deutschen Namen abgelegt?

Mit 17, als ich zum Debussy-Wettbewerb nach San Francisco fuhr. Damals änderten viele Emigranten in Israel ihre Namen. Nur meine Frau nennt mich manchmal noch Max.

Sie gewannen den Wettbewerb, Ihre internationale Karriere begann. Wie sind Sie von Tel Aviv nach San Francisco gekommen – das war 1940 doch eine unglaubliche Distanz?

Von Tel Aviv nach Kairo, dann mit dem Flugzeug von Kairo nach Athen und immer weiter mit Zwischenlandungen nach New York. Und dann ging es von New York nach San Francisco in drei Tagen mit der Bahn.

Bis heute sind Sie ständig unterwegs: Gestern haben Sie in Toulouse gespielt, heute geben Sie in Hamburg Interviews, morgen früh fliegen Sie in die USA.

Nach meiner Ankunft dort habe ich ein Konzert in meiner Heimatstadt Bloomington in Indiana, zwei Tage später spiele ich in Los Angeles, drei Tage später in Vancouver, dann in New York.

Sie leiden nicht unter Jetlag und sitzen ohne Brille am Klavier. Wie kommt es, dass Sie so fit sind?

Mein Arzt sagt: Der liebe Gott hat mich vergessen. Mein Fitnessprogramm? Nun, ich laufe von Gate 15 nach Gate 20 oder von Terminal E zum Terminal B. Wenn die Zeit knapp ist, muss ich ganz schön pusten. Ich habe sogar schon mal zwei Konzerte an einem Tag gegeben: Erst in Hongkong, dann in Pittsburgh. Wegen der Zeitverschiebung konnte ich nach dem Konzert abends starten und rechtzeitig zum nächsten Konzert am selben Tag da sein. Ich spiele und spiele – das hält mich fit.

Mick Jagger wiegt nach einem Konzert drei Kilo weniger als vorher. Sie sitzen mehr als Jagger, aber verlieren Sie auch Substanz bei einem Auftritt?

Natürlich ist das sehr anstrengend. Und obwohl ich sitze, bin ich physisch aktiv. Der Unterschied zwischen mir und Jagger ist: Ich bin vor allem emotional sehr gefordert.

Jagger nicht?

Er wird auch musikalisch gefordert, aber ich meine die Inspiration, die man braucht, wenn man tief in ein Meisterwerk eindringt. Die Lieder, die Jagger singt, sind ja keine Meisterwerke. Sie sind nett, manche sind wunderbar und auf jeden Fall sehr populär. Aber wenn du Schumann spielst oder Goethe liest, wenn du dich auf Dinge einlässt, die zum Schönsten zählen, was der menschliche Geist hervorgebracht hat – dann zehrt das an dir. Das geht ganz tief.

Anne-Sophie Mutter sagt, wenn sie Beethoven spielt, denke sie an sein Schicksal und daran, wie er langsam taub wurde. Sie haben auch gerade Beethoven eingespielt.

Er muss furchtbar gelitten haben unter diesen Quacksalbern, die an seinem Ohr rummachten. Aber seine Musik hat damit nichts zu tun. Beethoven war im Geist nie taub. Ich denke beim Spielen nur daran, was er zu sagen hat. Das drückt etwas so Gewaltiges aus, dass es bis auf die höchste Ebene reicht, die der menschliche Geist überhaupt verstehen kann. Wenn ich gut in Form bin und ein Konzert gebe, dann sehe und fühle ich, was ich nie zuvor gesehen oder gefühlt habe.

Klingt nach einem Rausch.

Das kann ein Rausch sein. Aber, und das ist der Unterschied zu einem Amateur, der Musiker hat immer eine rote Lampe im Kopf, die ihn warnt: Du darfst nicht übertreiben!

Nach Ihrem Erfolg in San Francisco studierten Sie in Kalifornien. Haben Sie dort andere deutsche Emigranten getroffen?

Selbstverständlich. In Hollywood war ich oft bei Franz Waxman zu Gast …

… dem Filmkomponisten von Alfred Hitchcock …

… und ich hatte dort jede Woche eine Stunde bei Bruno Walter, einem der größten Dirigenten überhaupt. Thomas Mann habe ich mal in einem Konzert getroffen, Mahlers 8. Sinfonie. Mahlers Witwe, Alma Mahler-Werfel, bin ich übrigens auch in Kalifornien begegnet …

… die ja mit einigen berühmten Männern liiert war: Gustav Mahler, Oskar Kokoschka, Walter Gropius, Franz Werfel. Hat sie damals immer noch allen Männern den Kopf verdreht?

Nur den wichtigen! Im Ernst, sie war ja schon eine ältere Dame. Franz Waxman hatte es eingefädelt, dass ich ihr vorspielen sollte. Bei ihr zu Hause war es furchtbar heiß. Ich fragte sie also, ob ich mein Jackett ausziehen dürfte. Und sie: „Du kannst dich ganz ausziehen, wenn du willst.“ Aber das war wohl nur ein Witz.

Sie haben in Deutschland Ihre Kindheit verbracht, in Israel Ihre Jugend, seit 1955 leben Sie in den USA. Welches Land bezeichnen Sie als Ihre Heimat?

Im Prinzip alle drei. 50 Jahre in den USA sind eine ganze Menge. Aber du kannst nicht vergessen, wo du geboren wurdest. Ich liebe Knackwürstchen und dunkles Brot, ich habe mit meinen Kindern immer Deutsch geredet. Und was Israel für mich getan hat, ist unvergesslich. Das war eine Rettung in jeder Hinsicht. Die Existenz Israels gibt mir Kraft. Ich weiß, dass ich nicht mehr vertrieben werden kann.

Weil Sie wissen, dass Israel Sie immer aufnehmen wird?

Ich erkläre es Ihnen so: Ich war mal in Italien, und man hat mir mein Portemonnaie gestohlen, im Zug. Fantastisch, dieser Mann, er muss magische Hände gehabt haben, er hätte Debussy spielen können, besser als ich! Seit der Zeit muss ich immer hinten an meine Hosentasche fassen und mich vergewissern, dass mein Portemonnaie noch da ist. Und bin erleichtert, wenn ich es spüre. Jetzt übertragen Sie das aufs Leben, dann wissen Sie, was Israel für mich bedeutet.

Sie haben 62 Platten mit dem Beaux Arts Trio aufgenommen. Geiger und Cellist haben gewechselt, am Klavier saßen immer Sie. Bedauern Sie nicht, dass Sie das Trio in diesem Jahr auflösen mussten?

Ja und nein, 53 Jahre sind eine lange Zeit, und das Herrliche ist: Wir haben auf dem höchsten Niveau Schluss gemacht. Unser Geiger, Daniel Hope, will sich auf seine Solokarriere konzentrieren. Einen neuen Geiger mag ich nicht mehr einführen.

Herr Pressler, Sie werden im Dezember 85 Jahre alt. Wie verändert sich das Musizieren im Alter?

Im Alter gewinnt man das, was man eigentlich braucht. Meine Frau ist ja auch nicht mehr so wie sie war, als ich sie heiratete – jung war sie, wunderschön, mit rotem Haar. Aber im Alter ist die Liebe tiefer, die Freundschaft tritt hinzu und ein tiefes Verständnis, das ist etwas ganz Wunderschönes. Und so ist es auch mit der Musik.


Zur Person:

Menahem Pressler, 84, wurde als Pianist des Beaux-Arts-Trios weltberühmt. Er wuchs in Magdeburg auf. Mit seiner Familie floh er 1939 nach Palästina, heute lebt er in den USA. Am 7. November spielt er im Kammermusiksaal der Philharmonie, zwei Tage später bei einem Benefizkonzert im Flughafen Tempelhof.

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