Der Tagesspiegel : Menschen-Hatz

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Sandra Dassler

über die Klischees und die Normalität

im Land Brandenburg

Wie haben sich die Brandenburger aufgeregt, als in amerikanischen Reiseführern empfohlen wurde, ihr Land wegen seiner ausländerfeindlichen Schläger zu meiden. Und hätte sich ein Filmautor die jüngsten Ereignisse von Frankfurt ausgedacht – der Aufschrei wäre wieder einmal gewesen: „Klischees, Verleumdung, Übertreibung – so etwas gibt es doch gar nicht!“

Aber das gibt es leider doch: Da steigt einer versehentlich in den falschen Zug, fährt statt nach Frankfurt am Main nach Frankfurt an der Oder und läuft prompt besoffenen Rechtsradikalen in die Arme. Die spricht er freundlich an, was solche Typen anscheinend nur als Provokation auffassen können und dann beginnt der Horror: Eisige Kälte, nächtliche Gleise, johlende Verfolger, sinn und besinnungslos zuschlagende Fäuste.

Wie viel Angst muss der junge Mann ausgestanden haben, dass er sich in diesem Frankfurt nicht einmal mehr ärztlich behandeln lassen wollte? Wie groß muss sein Schock gewesen sein, dass er auch nicht mehr – wie geplant – ins andere Frankfurt wollte, sondern nur noch raus aus Deutschland? Und was wird er erzählen über diese Stadt an der Oder, die so stolz ist auf ihre Europa-Universität? Bestenfalls, dass es da weit im Osten auch ein paar andere gab, die zumindest die Polizei verständigten, als sie die Menschen-Hatz bemerkten. Und so wahrscheinlich dazu beitrugen, dass diese nicht ein ähnliches Ende nahm wie die Hetzjagd von Guben.

Denn es nutzt wenig, darauf zu verweisen, dass der junge Mann ja „nur leichte Verletzungen davontrug“. Wie oft hören wir Journalisten den Vorwurf, dass wir solchen Ereignissen zu viel Raum geben? Aber es hilft nichts, die Augen zu verschließen, die Zeitung wegzulegen und abzuschalten. Es hilft auch wenig, auf die unzähligen guten Initiativen gegen Rechtsextremisten zu verweisen. Oder auf die vielen Ausländer, die sich zwischen Wittstock und Elsterwerda wohl fühlen und ohne Angst mit ihren deutschen Nachbarn zusammenleben.

Denn das ist auch im Jahr 2003 im Land Brandenburg eben noch nicht die Normalität. Die besteht natürlich auch nicht nur aus dumpfen Schlägern. Aber immer noch aus viel zu vielen Menschen, die sich mit dem Wahnsinn abgefunden haben. Als unlängst eine Cottbuser Frau ihren Arbeitskollegen erzählte, dass sie mit ihrem farbigen Ehemann in einem Bus mit Fußballfans angepöbelt wurde, erhielt sie zur Antwort: „Das ist doch normal. Man weiß doch, dass man da nicht mit einem Ausländer mitfährt.“

So lange dabei niemand aufschreit, ist die Empfehlung in amerikanischen Reiseführern absolut gerechtfertigt.

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