Der Tagesspiegel : Menschlich, mutig, ehrlich

Michael Mara / Thorsten Metzner

Ähnlich aufgewühlt und persönlich betroffen haben die Menschen in der Bundesrepublik selten auf den Tod eines deutschen Politikers reagiert: Stündlich tragen sich im virtuellen Kondolenzbuch auf der Internet-Hompage von Regine Hildebrandt etwa 150 Trauernde ein. Nicht nur aus den neuen Ländern, sondern aus der gesamten Bundesrepublik. Selbst aus fernen Ländern wie USA, Bolivien und Australien melden sich Menschen zu Wort. In der SPD-Landeszentrale waren bereits gestern Nachmittag zwei Aktenordner mit Ausdrucken der Trauerbekundungen gefüllt, die der Familie von Regine Hildebrandt übergeben werden sollen. Inzwischen gibt es auf der Hompage an die 3000 Eintragungen.

Es ist ein immerselber Gedanke, der die Äußerungen durchzieht: Dass Regine Hildebrandt zu der aussterbenden Politiker-Gattung gehörte, die sich durch Glaubwürdigkeit, Geradlinigkeit und Volksnähe auszeichnet. Sie sei, so Birgit Adam aus Hanau, "endlich mal ein Mensch" gewesen unter den Politikern. Es gebe nur wenige in der Politik mit ihrer Ehrlichkeit und Offenheit, schreibt Carsten Speer aus Braunschweig. Auch Angela Reid aus dem australischen Sydney würdigt, man habe bei Regine Hildebrandt immer das Gefühl gehabt, sie stehe hinter dem, was sie sage. Ähnliches äußert Hansgeorg Schwencke aus Westfalen: "So habe ich mir immer Politiker vorgestellt. Sachlich, direkt, menschlich." Helmut Spitz aus Hückelhoven sieht es so: "Du hast gesagt, was Du gedacht hast und Du hast getan, was Du gesagt hast, egal, ob es gerade opportun war oder nicht. Leider gibt es in unserer Politiklandschaft niemanden mehr, der Dir an diesem Punkt auch nur annähernd Paroli bieten kann."

Die Einträge in "Regines Gästebuch" sagen auch viel aus über das, was die Menschen von den "anderen Politikern" halten, von denen, die eben nicht wie die Hildebrandt waren. "In der Zeit der Mainstreampolitiker(innen) war sie eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen", stellt Uwe Reinschlüssel aus dem märkischen Ketzin fest. "Schade, dass unser Land immer weniger vertrauenswürdige, menschliche, tolerante Politiker hat, die immer die gesamte Gesellschaft im Auge haben und nicht nur sich selbst", klagt Uwe Schaffeld aus Willich. "Regine sollte Vorbild für ausnahmslos alle Politiker in Deutschland sein", wünscht sich Volker Willkomm in Frankreich. "Es ist schade, dass sich immer weniger Politiker noch als Volksvertreter fühlen und immer mehr ihr eigenes Wohl und ihre eigene Karriere im Sinn haben", resümiert Stefanie Eiden aus Mainz.

Auffallend auch, dass Regine Hildebrandts Glaubwürdigkeit weit über die Parteigrenzen reicht: Er sei politisch selten einer Meinung mit ihr gewesen, aber "ihren Einsatz für die Menschen habe ich bewundert", schreibt Thomas Ott aus Weinheim. Sein Wunsch: Ihre Art Politik zu machen und auf die Menschen zuzugehen, sollte allen Politikern als Vorbild dienen. A. Herz aus Berlin äußert: "Wenn ich als CDU-Mitglied in der Sache sicherlich häufig anderer Meinung war, so habe ich dennoch immer die aufrichtige und streitbare Art von Frau Hildebrandt bewundert.

Beklagt wird nicht nur, dass die "Stimme des Ostens" verstummt ist, sondern nun "die wichtigste Integrationsfigur für Ost und West nicht mehr da ist". "Wie sehr hätte ich mir eine Bundespräsidentin Hildebrandt gewünscht", so Mark Mocnick aus Krefeld. Und Mechthild Biada aus Bad Honnef trauert "sehr um diese aufrechte Frau, die uns unsere Mitmenschen im Osten Deutschlands näher gebracht hat". Die gezeigt habe, ergänzt Martin Zürn aus dem Breisgau, "wie viel wir Wessis östlich der Elbe lernen können".

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