Mercedes ML 320 Bluetec : Blau ist das neue Grün

Unterwegs in den USA – mit einem ML, den man in Deutschland erst in einem Jahr kaufen kann

Kai Kolwitz

Klack. 30. Klack. 35. Klackklackklack. 20. Das ist so in etwa die Essenz des Autofahrens in den USA. Zumindest hier in Vermont, dem grünen Staat nördlich von New York an der Ostküste. Ein Klack hoch und der Tempomat lässt den Wagen fünf Meilen schneller werden. Ein Klack runter – und der Wagen bremst zügig um fünf Meilen pro Stunde herunter. Die Beine braucht man hier zum Fahren nicht wirklich, solange es übersichtlich ist. Dafür wächst das Risiko, doch einmal zu flott in der Kurve zu sein. Denn schnell tut man blind das, was die Straßenschilder befehlen. Aber zu schnell fahren? Dafür sehen die Cops hier einfach zu humorlos aus.

Bei 55 Meilen pro Stunde als absolute Obergrenze verbieten sich Aussagen über die Straßenlage von Mercedes’ überarbeiteter M-Klasse bei hohen Geschwindigkeiten von selbst. Auch deshalb, weil die US-Versionen ein bisschen anders abgestimmt sind als die für den europäischen Markt: Alles ein wenig weicher, die Automatik, die Federung, die Lenkung leichtgängiger und auch das Anfahren softer – die US-Käufer schätzen den giftigen Antritt eines drehmomentstarken Diesels nicht so sehr.

Eigentlich schätzen sie sogar den ganzen Diesel nicht so sehr. Und das, obwohl Anfang der Achtziger schon einmal vier von fünf in den USA verkauften Mercedessen den Selbstzünder unter der Haube trugen. Qualitativ zweifelhafte Trittbrettfahrer aus US-Produktion und schließlich schärfere Abgasgrenzwerte machten der Technik den Garaus.

Aber das soll sich jetzt wieder ändern: Der 320er-Bluetec-Diesel mit seinen 210 PS, der unter der Haube des ML steckt, ist der erste, mit dem die Schwaben die Abgasnormen in allen 50 US-Staaten geschafft haben. Unter den Härtefällen sind wichtige Märkte wie New York, Kalifornien – und eben auch Vermont.

Der Schlüssel zum sauberen Diesel ist, wie schon beim E320 Bluetec, aus dem der Motor im Grundsatz schon bekannt ist, die Tatsache, dass ins Abgas ein Stoff eingespritzt wird, den Mercedes Adblue getauft hat. Das klingt besser als Harnstoff und sorgt so oder so dafür, dass der Anteil der Stickoxide im Abgas stark sinkt. Nachgefüllt wird der Saft übrigens im Rahmen der Inspektionen. Muss es zwischendurch doch einmal sein, sollen spezielle Nachfüllkartuschen dafür sorgen, dass des Kunden Garderobe unbesudelt bleibt.

Beim Fahren merkt man jedenfalls nichts von Einspritzung und Reinigung. Zwar hat der Bluetec nominell ein paar PS weniger als die ungereinigte Variante, aber das fällt in der Praxis nicht auf – und in den USA schon gar nicht. Dafür der Durchzug der satten 540 Newtonmeter Drehmoment – obwohl der doch schon für die US-Kundschaft ... siehe oben.

Dass die saubere Technik, die den ML um rund 1000 Euro teurer macht, in Deutschland erst im Herbst 2009 verfügbar sein wird, begründet man bei Mercedes damit, dass sich die Zertifizierungsverfahren in Sachen Abgasreinigung in Europa und den USA (und übrigens auch Japan) stark unterscheiden und dass man deshalb aufwendig nacharbeiten muss. Allerdings ist der Druck hierzulande auch nicht ganz so groß: Zugelassen wird auch der normale 320er, und gegen das zunehmend schlechte Image, das SUVs in Deutschland genießen, kann man ja auch so schon einmal zeigen, was man für die Zukunft so im Köcher hat. Für den deutschen Markt gibt es daher erst einmal nur ein Facelift: Front und Heck wurden überarbeitet, Scheinwerfer und Rückleuchten modernisiert, dazu ein neues Lenkrad und Änderungen an der Innenausstattung. Der Einstieg in die M-Klasse kostet so rund 51 500 Euro für den 2,8-Liter-Diesel, der 320er ohne Bluetec ist für 54200 Euro zu haben.

Und was die USA angeht: In einem Küste-zu-Küste-Vergleichstest habe der Sauber-Diesel den Hybriden eines Mitbewerbers um satte elf Prozent im Kraftstoffverbrauch geschlagen, berichtet man bei Mercedes. Das ist gut möglich: Denn der Doppelantrieb spielt seine Vorteile im Stop-and-go in der Stadt aus. Kann die Fuhre, wie in Vermont, entspannt rollen, dann wird die Batterie des Hybrids wenig geladen, der E-Motor wird zum unnötigen Ballast. Und Schnitte von 22, 23 Meilen pro Gallone, also weniger als 10 Liter Diesel auf 100 Kilometer, sind mit dem Bluetec ohne Probleme möglich, wenn die Straßen leer sind und man sich ans Tempolimit hält, also maximal ungefähr mit 90 Stundenkilometern unterwegs ist.

Und das könnte auf dem US-Markt zum wirklichen Argument für den Bluetec werden. Denn zur Präsentation jagen die Benzinpreise von Rekordhoch zu Rekordhoch. Jeden Tag drucken die Zeitungen Schreckensmeldungen über immer neue Absatzeinbrüche bei den bis vor kurzem beliebten Fossilien made in USA: Der Verkauf des Marktführers Ford F150, eines Pickups mit dickem Benziner und Abmessungen, die den ML zum Kleinwagen degradieren, hat sich halbiert. Auffällig viele Full-Size-SUVs stehen am Straßenrand mit Verkaufsschildern im Fenster. Mercedes bietet den Bluetec hier nicht nur im ML an, sondern auch in der R-Klasse, dem formatfüllenden Zwitter aus Kombi und Offroader, und auch im GL, einem siebensitzigen Full-Size-SUV, das hierzulande selten auf der Straße zu sehen ist.

Wie man die Sache aber auch sehen kann, das erklärt uns ein älteres Ehepaar, das wir unterwegs an der Straße treffen. Unterwegs sind sie mit einem 1943er Ford-Stationwagon, umgebaut zum Hotrod, mit fettem V8 und Edelbrockvergaser für noch mehr Leistung und Spritdurchsatz. Seit 1972 haben sie den Wagen schon, seitdem schraubt er daran. Wie viel verbraucht der so? „Egal“, meint er, „ich tanke immer nur für 20 Dollar.“

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