Der Tagesspiegel : Meseberg schaltet auf Empfang

Am heutigen Freitag übernimmt die Bundesregierung das Schloss als neues Gästehaus. Und das Dorf liegt nicht mehr im Funkloch

Claus-Dieter Steyer

Meseberg - Der Wirt des Dorfkrugs in Meseberg legt lächelnd zwei Fotografien auf den Tisch. „Da staunen Sie, was?“, sagt Werner Paarmann und blickt dem Gast erwartungsvoll ins Gesicht. Neben dem Wirtshauspaar ist auf den Bildern eine Dame zu erkennen. Steht da wirklich Angela Merkel? Paarmann freut sich. Wieder einen Fremden reingelegt. „Mensch, das ist ihr Double. Eine Frau Knoll aus Bremen kam hier mit einem Fernsehteam an und gab sich als die Bundeskanzlerin aus.“

Das ganze Dorf sei an jenem Tag vor anderthalb Jahren in Aufruhr gewesen. Alle hätten ihren Kopf in die Gaststube gesteckt, um einen Blick auf den „hohen Gast“ zu werfen. Als dann im April 2006 die echte Angela Merkel im Dorfkrug aufkreuzte, nahm niemand von ihr Notiz. Noch einmal wollten sich die Meseberger nicht hinters Licht führen lassen. Außerdem: Am kommenden Freitag übernimmt die Bundesregierung das Schloss Meseberg bei Gransee 50 Kilometer nördlich von Berlin offiziell als ihr Gästehaus. Dann sollen hier nicht nur Ministerrunden stattfinden, sondern Staatschefs aus aller Welt übernachten. Der französische Präsident Jacques Chirac wird Ende Februar der Erste sein.

Im 200 Meter vom Schloss entfernten Dorfkrug gerät deswegen aber niemand in Aufregung. Am frühen Nachmittag herrscht hier erstaunlich viel Betrieb. „Eigentlich wollten wir wegen Reichtums schließen“, sagt der Wirt ironisch. „Aber nun machen wir doch weiter. Das Geschäft mit den Neugierigen nehmen wir mit.“ An diesem Tag hat ein Veranstalter eines Gewinnspiels den Saal gemietet. Es kommen fast nur ältere Leute. „Die trinken ihr Bier oder ihren Kaffee sonst lieber zu Hause. Von denen könnte ich nicht leben“, sagt Paarmann. Vor drei Jahren habe er deshalb die Kneipe schon dichtmachen wollen. Bei 150 Einwohnern, zwei Drittel davon im Rentenalter, lohnt sich kein Wirtshaus.

„Die Bundesregierung hat meine Frau Swetlana und mich gerettet“, sagt der 64- Jährige jetzt. Denn: Die Bauarbeiter kurbelten den Umsatz an, Zimmer konnten vermietet werden. Dabei wusste die in München ansässige Messerschmitt-Stiftung lange Zeit nicht, was sie mit dem von Fontane als „Zauberschloss“ gerühmten Anwesen machen sollte. Mitte der 90er Jahre hatte sie es auf besonderen Wunsch des damaligen Brandenburger Ministerpräsidenten Manfred Stolpe (SPD) von der Treuhand erworben. Doch als das Schloss von 1738 dank der Sanierung wieder als solches zu erkennen war, hatte das Land angesichts der Vielzahl märkischer Schlösser gar keine Verwendung für Meseberg. Das ärgerte den Stiftungspräsidenten Hans Heinrich von Srbik so sehr, dass er von einer „großen Undankbarkeit der Ostdeutschen gegenüber dem Geschenk aus Bayern“ sprach. Der Regierungsumzug nach Berlin brachte schließlich die Lösung: Man brauchte ein Pendant zum Petersberg bei Bonn.

Rund 25 Millionen Euro hat die Stiftung in das Schloss gesteckt. Weitere 13 Millionen Euro aus dem Bundeshaushalt kostete die Sicherheits- und Konferenztechnik. Für 20 Jahre übernimmt der Bund zum Preis von einem Euro das Anwesen.

Das Dorf Meseberg dagegen hat sich in den vergangenen drei Jahren nur wenig verändert. Auf der Straße wurden zwar die Schlaglöcher beseitigt, die Handys haben keine Empfangsschwierigkeiten mehr und alle Häuser können mit Erdgas geheizt werden. Aber ein Schmuckstück ist der Ort weiterhin nicht. Und : „Wir haben uns verschulden müssen“, klagt ein Mann. „Die Straße für die Staatsgäste hat uns viel Geld gekostet.“ Zwischen 6000 und 17 000 Euro musste im Schnitt jeder Haushalt als Anliegerbeitrag zahlen.

Deshalb fehlen die Mittel für neue Fassaden oder schöne Vorgärten. An den Häusern dominiert noch der Grauputz aus alten DDR-Zeiten. Gleich bei der Einfahrt in den Ort fällt eine unansehnliche Scheune ins Auge. An ihrer Stelle sollte nach den ursprünglichen Plänen längst ein Parkplatz mit Toilettenhäuschen und einer Touristeninformation für die vielen Neugierigen stehen. Nichts ist passiert. Selbst die Kirche fällt im Einheitsgrau nicht auf. Dabei wollten die am Ausbau des Schlosses beteiligten Firmen hier selbstlos Hand anlegen. Aber nach den ersten Veränderungen schritt die kircheneigene Denkmalpflege ein. Danach geschah nichts mehr.

Dennoch hat das künftige Gästehaus nicht nur den Dorfkrug am Leben gehalten. Fünf Leute habe eine feste Anstellung gefunden – als Hausmeister, Gärtner, Hauswirtschaftler. Und Gastwirt Paarmann hofft, dass künftig nicht nur die echte Angela Merkel bei ihm einkehrt. Die bedankte sich im Gästebuch „für das schmackhafte Essen und die ausgezeichnete Gastfreundschaft“.

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