Meteorologie : Klimawandel: Heiße Tage

Der April 2009 war laut dem Deutschen Wetterdienst der wärmste seit 1890. Auch 2008 zählt zu den heißesten Jahren seit 1901. Was sagen diese Entwicklungen über den Klimawandel aus?

Stefan Jacobs

Dieser April bricht alle Rekorde, war er doch bislang 4,5 Grad wärmer als im langjährigen Mittel – und zwar inklusive der relativ frischen Nächte in der ersten Monatshälfte, wie der Wetterdienst Meteogroup betont. Und angesichts der Prognose für die kommenden Tage – sonnig und warm – wird der Abstand zu einem „normalen“ April eher noch wachsen. Nicht überall in Deutschland ist die Abweichung so krass, aber der Deutsche Wetterdienst (DWD) erwartet bundesweit einen neuen Wärmerekord.

Was im Kleinen als vorgezogener Frühsommer daherkommt, fügt sich in einen großen Trend ein, der nach Ansicht des DWD zunehmend dramatisch wird. Laut einer am Dienstag vorgestellten Bilanz hat sich der Klimawandel in Deutschland deutlich beschleunigt: 19 der vergangenen 20 Jahre waren wärmer als der seit 1890 gemessene Durchschnitt. Da ähnliche Tendenzen auch anderswo beobachtet würden, „ist sehr fraglich, ob wir das Zwei-Grad-Ziel noch erreichen können“, sagte DWD-Präsident Wolfgang Kusch. Die Erwärmung um zwei Grad gilt weltweit als gerade noch beherrschbares Maximum. Auf dieses Ziel hat sich die Europäische Union verständigt. Ein Grad Erwärmung ist in Deutschland bereits „aufgebraucht“. Im Jahr 2008 war nur der September kühler als das langjährige Mittel; insgesamt war das Jahr 1,3 Grad zu warm. In anderen europäischen Staaten war die Abweichung noch größer.

Nach den Angaben des Wetterdienstes dürfte auch der Meeresspiegel in diesem Jahrhundert stärker steigen als um die bislang von Forschern avisierten 60 Zentimeter. Seit den 90er Jahren steige das Meeresniveau jährlich um 3,3 Millimeter und damit zehn Mal so schnell wie im Mittel der vergangenen 6000 Jahre.

Während es anderswo absehbar ums Überleben gehen wird, steht für Deutschland eher die Frage nach der Lebensqualität im Vordergrund. In Pilotprojekten mit Berlin und Frankfurt am Main untersucht der DWD zurzeit die Auswirkungen auf Großstädte. Für Berlin sollen nach Auskunft von DWD-Klima- und Umweltvorstand Paul Becker erst im Spätsommer Erkenntnisse vorliegen, aber für Frankfurt sind schon Daten vorhanden. Die sagen, dass dichte und hohe Bebauung zwar tagsüber wohltuenden Schatten spendet, aber nachts kaum abkühlt. In langen Wärmeperioden können sich so „Hitzeinseln“ bilden, in denen es nicht nur ungemütlich, sondern gesundheitsschädlich warm wird. In den ermittelten Ergebnissen „steckt Sprengkraft“, sagte Becker mit Blick auf die ganz neuen Anforderungen an die Stadtplanung. Binnen fünf Gehminuten sollte ein schattiger Bereich erreichbar sein, mindestens ein Viertel des Stadtgebietes müsse aus (kühlenden) Grünflächen bestehen und frische Luft aus dem Umland brauche freie Bahn, um die Hitze der Innenstadt zu lindern. Becker schwebt „eine Renaissance der Grünzüge und Alleen“ vor.

Der DWD als Bundesbehörde erarbeitet zurzeit Modelle, um die Auswirkung bestimmter Vorhaben – etwa eines Neubaus – aufs Stadtklima auch kleinräumig vorhersagen zu können. Parallel wird eine online zugängliche Klimadatenbank aufgebaut. Doch während die Experten bereits die Anpassung an den Klimawandel planen, ist das Problem in den Augen vieler Menschen offenbar halb so schlimm. Laut einer GfK-Umfrage für die „Apotheken-Umschau“ erklärten 40 Prozent der gut 2000 Befragten, sie hielten die Katastrophenszenarien für übertrieben. Fast jeder Dritte gab an, gar nicht genau zu wissen, wie man sich umweltschonend verhalte. Aufs Klima bezogen, ist die Antwort relativ einfach. DWD-Präsident Kusch hält den weltweiten Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid klar für das Hauptübel. Und den kann jeder reduzieren, indem er Energie spart – ob beim Reisen, Heizen oder Stromverbrauch. Denn CO2 entsteht unvermeidlich, sobald fossile Energieträger wie Kohle, Öl oder Gas verbrannt werden.

Die USA, deren Bürger noch immer die größten Energieverschwender weltweit sind, nehmen das Thema unter ihrem Präsidenten Barack Obama so ernst wie nie: Am Montag kündigte Außenministerin Hillary Clinton auf einer von Obama einberufenen Klimakonferenz einen „bedeutenden“ Aktionsplan an, und am Dienstag traf sich Obama in Washington mit Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD), der die neue Politik der USA zwar lobte, aber auch anmahnte, dass diese noch nicht genüge.

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