Der Tagesspiegel : Michael Schumann tödlich verunglückt: Die PDS verliert ihren Vordenker, das Land einen "Brückenbauer"

Thorsten Metzner

Niemand konnte ahnen, dass es sein letzter Auftritt im Brandenburger Landtag sein würde. Es war Anfang November, in der Aktuellen Stunde zur "Regierungskrise" (PDS) der Großen Koalition, die wegen der Schelter-Affäre, der spektakulären Flucht des Triebtäters Schmökel und der Kritik Schönbohms an der Berliner Großdemonstration gegen Fremdenfeindlichkeit in Turbulenzen geraten war. Da ergriff der PDS-Innenpolitiker Michael Schumann das Wort und zerpflückte den "apostolischen Unfehlbarkeitsanspruch" von Justizminister Kurt Schelter, der das Verhältnis zur Richterschaft "irreparabel beschädigt hat", und bescheinigte Schönbohm wegen dessen Kerzenschelte die "Sensibilität eines Panzerkreuzers".

SPD-Sozialminister Alwin Ziel nahm die Rücktrittsforderung des PDS-Politikers - in ihrer ruhigen, fairen Differenziertheit um so wirkungsvoller - sichtlich nachdenklich, ja bedrückt auf. Dieser Auftritt des "brillianten Analytikers und Rhetorikers", so ein SPD-Mitglied, war, wie selbst Sozialdemokraten und Christdemokraten später sagten, eine der seltenen Glanzstunden des oft drögen märkischen Parlaments. Selbst Regierungschef Manfred Stolpe, den es noch einmal ans Mikro drängte, widersprach nur in Details - und lobte die "sachliche Argumentation".

Dass Michael Schumann zusammen mit seiner Frau am Sonnabend bei einem tragischen Verkehrsunfall tödlich verunglückte, ist von Brandenburgs Politik mit großer Bestürzung aufgenommen worden: Dass das Land mit Schumann, der nur 53 Jahre alt wurde, einen seiner außergewöhnlichsten und klügsten Köpfe verloren hat. Einen "fairen Parlamentarier", wie CDU-Landeschef Jörg Schönbohm gestern sagte. Einen "Brückenbauer", wie ein betroffener Regierungschef Manfred Stolpe erklärte, der Schumann persönlich außerordentlich schätzte. Die Beiträge dieses "klugen Menschen" hatten über alle Parteigrenzen hinweg Gewicht, so SPD-Landeschef Matthias Platzeck. "Von ihm konnte man immer lernen, gerade als Parlamentsneuling", sagte der junge CDU-Landtagsabgeordnete Sven Petke, der als innenpolitischer Sprecher der Union mit seinem PDS-Widerpart diverse Kämpfe auszufechten hatte. Doch Schumann sei "wegen seiner Kompetenz und seiner menschlichen Qualitäten" einfach eine Persönlichkeit gewesen, mit der der politische Disput Spaß machte, so Petke. Schumann habe "im Brandenburger Landtag gewirkt als käme er aus einer anderen Liga".

Für die PDS, in der der Philosophieprofessor und frühere SED-Reformer zum engsten Führungskreis um Lothar Bisky und Gregor Gysi zählte, ist Schumanns Tod ein Schock. Er sei nicht zu ersetzen, so PDS-Fraktionschef Lothar Bisky, der einen persönlichen Freund verlor. Innerhalb der PDS galt das langjährige Bundesvorstandsmitglied, das selten im Rampenlicht stand, als einer der wichtigsten strategischen Vordenker - nicht nur für Brandenburg, sondern für die Bundespartei. Ein streitbarer linker Intellektueller, den sich auch Sozialdemokraten in den eigenen Reihen oder auf einem Ministerposten vorstellen konnten. Aber auch einer, den Brandenburgs kleine Welt in letzter Zeit nicht mehr ausfüllte, der auch an Rechthaberei, Führungsquerelen und Kleingeist in den eigenen Reihen litt. Schumann: "Zehn Jahre Opposition. Da wird man doch verrückt."

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