Milchboykott : Nur noch vier Liter Milch für jeden Kunden

In einigen Regionen Brandenburgs wird die Milch knapp. Prenzlauer Supermärkte gaben am Samstag nur noch maximal vier Liter pro Käufer ab. Zugleich spitzt sich der Kampf der Milchbauern für höhere Preise zu. In Gransee beendete die Polizei die Blockade einer Molkerei und nahm sieben Landwirte vorläufig in Gewahrsam.

Sandra Dassler,Rita Nikolow

Der Chef des Kreisbauernverbandes Oberhavel, Jörg Eickmann, ist am Freitag in Gewahrsam genommen worden. Brandenburgs Agrarminister Dietmar Woidke (SPD) forderte angesichts der Entwicklung, rechtsstaatliche Formen zu wahren, äußerte aber Verständnis für die Proteste. „Es geht bei vielen Landwirten schlicht um die nackte Existenz, da liegen natürlich die Nerven blank“, sagte er gestern dem Tagesspiegel. „Es war ein Fehler, dass Brüssel die Milchquote um zwei Prozent erhöht hat. So kam noch mehr auf den Markt, und die Preise sanken weiter.“ Heute will der Verband der Milchviehhalter erstmals mit dem Milchindustrie-Verband Gespräche aufnehmen.

Wie berichtet, haben sich in Brandenburg inzwischen die meisten Milchbauern den bundesweiten Protesten angeschlossen. Sie fordern mindestens 43 Cent für den Liter Milch, da sie nur so kostendeckend produzieren könnten. Momentan erhalten sie von den Molkereien zwischen 27 und 35 Cent, sagte der Sprecher des Landesbauernverbandes (LBV). Die Molkereien wiederum seien an das Preisdiktat der Handelsketten wie Aldi, Lidl und Edeka gebunden. Die bestätigten bislang nicht, dass sie die Milch bald mit einem Preisaufschlag für heimische Landwirte anbieten wollen.

Die Bauern versuchen mit ihren Aktionen, das Milchangebot zu verknappen. „Wir müssen leider einen Großteil weiter liefern, da wir an langfristige Verträge gebunden sind“, sagte der Prokurist Jens Winter von der Rhinmilch GmbH Fehrbellin. „Aber was wir übrig haben, verfüttern wir an die Kühe. Und natürlich kaufen wir wie viele andere Bauern Milchprodukte aus den Supermärkten auf und schenken sie der Neuruppiner Tafel.“ Der Landesbauernverband hat für diese Aktion eine Liste mit lokalen Anlaufpunkten im Land erstellt. Morgen sollen die aufgekauften Produkte wie H-Milch, Butter, Joghurt oder Käse an Krankenhäuser, Arbeitslosenzentren oder karitative Einrichtungen überreicht werden. Heute kommen Kinder in Ludwigsfelde, Prenzlau und anderswo in den Genuss von kostenlosen Puddings und anderen Leckereien: Auf Veranstaltungen zum Tag des Kindes, der auch der Tag der Milch ist, werden die aufgekauften Produkte kostenlos verteilt.

Während es in Brandenburgs Supermärkten bereits zu Engpässen kommt, ist die Milch in Berlin noch nicht knapp. Bei Aldi, NP, Kaiser´s, Edeka und der Biogenossenschaft LPG waren die Regale gestern um die Mittagszeit gut gefüllt. Auch „Hamsterkäufer“ sind den Mitarbeitern noch nicht aufgefallen. Die Berliner kauften meist nur die Milch fürs Wochenende. „Ich habe keine Sorgen, dass die Milch knapp wird“, sagte die Krankenschwester Mila Pogoreleva und legte nur einen Beutel in den Einkaufskorb. Dafür, dass Bauern mehr Geld für den Liter von den Molkereien verlangen, habe sie Verständnis und würde natürlich auch mehr bezahlen.

Ahmet Gürez, Geschäftsführer des Naturkostladens „Ölweide“ in der Pohlstraße, würde seine Milch auch noch mal um fünf Cent verteuern, wenn es den Bauern zugute käme. „Der Liter Milch kostet ja tatsächlich häufig weniger als eine Flasche Wasser“, sagte Gürez.

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