Mindestlohn : Bar auf die Hand

Experten befürchten nach dem Koalitionsbeschluss zum Mindestlohn deutlich mehr Schwarzarbeit. Die Gewerkschaft widerspricht.

Jens Tönnesmann,Nils-Viktor Sorge

Berlin Düsseldorf - Die von der großen Koalition geplanten Mindestlöhne in mehreren Branchen führen nach Ansicht von Experten zu einer deutlichen Zunahme der Schwarzarbeit. Um acht bis zehn Milliarden Euro könnte die Wertschöpfung in der Schattenwirtschaft durch den Kompromiss von Union und SPD anwachsen, zeigen erste Berechnungen des Linzer Schattenwirtschaftsforschers Friedrich Schneider für den Tagesspiegel am Sonntag. Damit würde das von Schneider berechnete Volumen der Schattenwirtschaft, zu der die Schwarzarbeit einen wesentlichen Teil beiträgt, um fast drei Prozent wachsen.

Die Koalition hatte sich vergangene Woche auf eine Art Mindestlohn durch die Hintertür geeinigt. Danach sollen bestehende Tarifverträge künftig auf alle Betriebe der jeweiligen Branche ausgeweitet werden können (siehe Kasten). Bislang profitieren davon Beschäftigte im Baugewerbe und Gebäudereiniger. Nun könnten Wachleute, Müllmänner, Leiharbeiter oder Postzusteller folgen. In den Branchen, wo dieser Mechanismus gesetzlich derzeit nicht möglich ist, könnte das Bundeskabinett unter bestimmten Bedingungen Mindestlöhne festlegen. In Betracht kommen sie für Frisöre oder Beschäftigte in der fleischverarbeitenden Industrie.

„Der Kompromiss kann zu einer wesentlichen Erhöhung der Lohnuntergrenzen in den betroffenen Branchen führen und damit zu einem Wachstum der Schwarzarbeit“, sagte Schneider. Es sei zu befürchten, dass etwa 400 000 bis 600 000 Menschen erstmals oder häufiger schwarzarbeiten würden als bisher. Dahinter steht die Annahme, dass Firmen Stellen streichen, wenn legale Arbeit im Niedriglohnbereich per Gesetz teurer wird. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach illegalen Kräften zum (Schwarz-)Marktpreis. Er geht davon aus, dass prinzipiell 40 Prozent der Deutschen bereit wären, schwarzzuarbeiten.

Auch der Bundesverband der Arbeitgeber (BDA) erwartet mehr illegale Beschäftigung. „Wenn der Lohn über die Produktivität steigt, fallen Arbeitsplätze weg“, sagte der BDA-Abteilungsleiter Arbeitsmarkt, Jürgen Wuttke. „Sie werden dann durch Automatisierung ersetzt, wandern ins Ausland ab oder gehen eben in die Schattenwirtschaft.“

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) macht eine andere Rechnung auf: Die Schwarzarbeit werde wegen der Beschlüsse sogar sinken. „Im unteren Einkommensbereich führt eine Verbesserung der Nettolöhne dazu, dass die Schwarzarbeit zurückgeht“, sagte DGB- Chefökonom Dierk Hirschel dem Tagesspiegel am Sonntag. „Und zwar ganz einfach deshalb, weil die Menschen dann von dem Lohn ihre Familie besser ernähren könnten und nicht mehr gezwungen wären, ihren Nettoverdienst durch Schwarzarbeit zu erhöhen.“

Das unterstelle jedoch zu Unrecht, dass Schwarzarbeit vor allem der Existenzsicherung diene, entgegnet der Schattenwirtschaftsexperte des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), Dominik Enste. „Die Freiwilligkeit der Schwarzarbeit wird unterschätzt.“ Hundert Euro „brutto für netto“ seien eben für Arbeitslose genauso attraktiv wie für Beamte. Von denen gaben in einer Umfrage für das IW im Januar dieses Jahres 23 Prozent an, gelegentlich schwarzzuarbeiten. Bei Arbeitern waren es 30 Prozent, bei Empfängern von Arbeitslosengeld II 26,5 Prozent.

Dass ein Mindestlohn die Schwarzarbeit generell befördert, legt auch eine vergleichende Studie des IW nahe. Darin untersuchten Enste und seine Kollegen den Einfluss von staatlicher Regulierung wie etwa Mindestlöhnen auf die Schattenwirtschaft in mehreren Staaten. „Der Zusammenhang ist sehr stark“, urteilen die Autoren.

Der Blick ins Ausland zeigt aber auch, dass ein Mindestlohn nicht immer die Schwarzarbeit nach oben treibt. In Großbritannien, wo die Lohnuntergrenze bei vergleichsweise hohen 8,20 Euro in der Stunde liegt, hat die Schattenwirtschaft nach IW-Angaben nur einen Anteil von 10,6 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP). In Deutschland, wo es noch keinen Mindestlohn gibt, liegt die Quote bei 14,7 Prozent und im ebenfalls mindestlohnfreien Italien sogar bei 22,3 Prozent. „Ein Mindestlohn allein wirkt sich nicht so stark aus“, sagt Enste.

Ein von den Gewerkschaften angepeilter genereller Mindestlohn von 7,50 Euro in Deutschland würde die Schattenwirtschaft nach Einschätzung von Schneider sogar um bis zu 25 Milliarden Euro wachsen lassen. Dieses Modell ist zwar erst mal vom Tisch, doch der Professor ist trotzdem unzufrieden: „Der jetzige Kompromiss ist nur das kleinere Übel.“