Missbrauchs-Prozess : Rentner bestreitet Vergewaltigungen

Seit Montag steht ein 67-Jähriger wegen Missbrauchs seiner Tochter vor dem Landgericht Neuruppin. Der Prozess begann mit einem Tumult.

Alexander Fröhlich

NeuruppinMit tumultartigen Szenen zwischen Fotografen und der Familie des Angeklagten begann gestern der Prozess um einen Inzestfall am Neuruppiner Landgericht. Der 67-jährige Jürgen H. wird beschuldigt, zwischen 1994 und 1997 seine damals minderjährige Tochter, die aus einem Verhältnis zur eigenen Stieftochter stammt, in 19 Fällen sexuell missbraucht zu haben.
Die heute 21-jährige leibliche Tochter war sieben Jahre alt, als sie der Angeklagte kurz nach der Einschulung zum ersten Mal in seinem Keller vergewaltigt haben soll. Nun muss er sich wegen schweren sexuellen Missbrauchs verantworten. Ihm drohen nach Angaben des Gerichts bis zu 15 Jahre Haft.

Zum Auftakt sagte die Tochter aus

Zum Prozessauftakt erinnerte sich die Tochter an zahlreiche Einzelheiten. „Ich kann jetzt offen darüber reden“, erklärte sie. Beim ersten Übergriff habe sie ein weißes Kleid mit roten Rosenblüten getragen, ein anderes Mal graue Jogginghosen. Die 21-Jährige äußerte sich in der mehrstündigen Anhörung sehr detailliert zu den 19 Fällen, die sich im Keller des Angeklagten, im Schlaf- und Kinderzimmer, im Zelt, auf dessen Arbeit sowie bei der Fahrt zum Einkauf  zugetragen haben sollen. Immer wieder sagte sie auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters, Gerd Wegner, H. habe sie teils bis zu zwei Mal täglich missbraucht. Anschließend habe sie stets aus Scham ihre Unterwäsche im Wald weggeworfen.
Der 67-jährige Rentner bestritt gestern die Vorwürfe, machte aber einen verwirrten Eindruck und konnte sich nur schwer an die Zahl seiner sechs Kinder erinnern. H. leide seit einem im Laufe der Ermittlungen erlittenen Schlaganfall unter Gedächtnisverlust, erklärte Verteidiger Axel Meyer. „Das, was vorgelesen wurde, stimmt alles nicht“, sagte H.

Er räumte aber ein, dass die in der Anklageschrift geschilderten Einzelheiten auf das „Liebesverhältnis“ zu seiner Stieftochter zuträfen. „Sie war 15, als alles angefangen hat“, erklärte H. Sie habe ihn unsittlich angefasst, obwohl er dass nicht gewollt habe. „Es wurde immer schlimmer, dann ist es passiert.“ Ob H. damit sagen wolle, er sei von seiner Stieftochter verführt worden, hakte Richter Wegner nach. „Ja, auf Deutsch gesagt“, antwortete der Angeklagte.
Mit seiner Stieftochter hatte H. das spätere Opfer gezeugt, was durch einen Vaterschaftstest belegt ist. Dieser Inzestfall steht wegen Verjährung allerdings nicht zur Anklage. H. willigte vor Gericht nun ein, sich psychiatrisch auf verminderte Steuerungsfähigkeit und Pädophilie untersuchen zu lassen.

Das Jugendamt blieb zunächst untätig

Nachdem für die Stieftochter des Angeklagten, die Mutter der heute 21-Jährigen, 1997 der mutmaßliche jahrelange Missbrauch offenkundig wurde, berichtete sie ihrer Tochter von den eigenen Erlebnissen. Für die Tochter war das ein Schock, sie landete in der Jugendpsychiatrie. Ein Klinikbericht belegt, dass das Kind sexuell missbraucht worden ist.
Geschehen ist damals jedoch nichts, das Jugendamt des Landkreises Ostprignitz-Ruppin blieb untätig. Laut Staatsanwaltschaft sei die Behörde nicht verpflichtet gewesen, den Fall anzuzeigen. Inzwischen hat das Jugendamt Konsequenzen gezogen: Unterlagen, die auf sexuellen Missbrauch eines Kindes hindeuten, werden nun bis zu zehn Jahre nach dessen Volljährigkeit aufbewahrt.
Für den Prozess sind acht Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil könnte am 18. November gesprochen werden.

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