Misshandlung : Nicht einmal mehr Kraft zum Schreien

Der Junge wurde nur sechs Monate alt. Nach dem Hungertod ihres Babys müssen die Eltern für sieben und zehn Jahre ins Gefängnis. Bei der Mutter erkannte das Gericht eine verminderte Schuldfähigkeit.

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt (Oder)Der Junge muss höllische seelische und körperliche Schmerzen erlitten haben. Am Ende seines nur sechs Monate alten Lebens reichte die Kraft im Februar diesen Jahres nicht einmal mehr zum Schreien. Er verhungerte und verdurstete – mitten in Frankfurt (Oder). Gestern wurden die Eltern des kleinen Florian vom Landgericht wegen gemeinschaftlichen Totschlags in Tateinheit mit der Misshandlung eines Schutzbefohlenen zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt. Die heute 20 Jahre alte Mutter Ulrike D. muss für sieben Jahre in den Jugendarrest, der 21-jährige Vater Manuel D. für zehn Jahre hinter Gitter. Im Unterschied zur Staatsanwaltschaft erkannte die Jugendkammer in der Urteilsfindung keine Merkmale eines Mordes, sondern nur die eines Totschlages. Der Junge starb an chronischer und akuter Unterernährung.

„Es treibt einen um, dass in einem so reichen Land ein Baby wegen unzureichender Nahrung sterben muss“, sagte Richter Jörn Kühl. Die Katastrophe sei vermeidbar gewesen, meinte er mit Blick auf die regungslos auf das Urteil reagierenden und sich keines Blickes würdigenden Angeklagten. Aber tiefe seelische Brüche in der Biografie hätten beide jungen Menschen abstürzen lassen.

Im Unterschied zur Empfehlung des psychiatrischen Gutachters erkannte das Gericht bei Ulrike D. eine verminderte Schuldfähigkeit. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Angeklagte an einer „krankhaften seelischen Störung“ gelitten habe. Als Indiz dafür wurde ihre Entwicklung genannt. Im Alter von zwölf Jahren trennten sich ihre Adoptiveltern, was Ulrike nie verkraftete. Sie litt unter dem Umzug mit ihrer Mutter aus dem Zittauer Gebirge in die fremde Stadt an der Oder, wo es zu erbitterten Streitereien zwischen der Tochter und der sich immer öfter in Alkoholkonsum flüchtenden Mutter kam. Die damals 15-Jährige suchte Halt bei einem mehr als doppelt so alten Mann, der sie laut Gericht in dieser „unseligen Zeit sexuell ausbeutete“. Nach dem abrupten Ende des Aufenthaltes bei dem 32-jährigen Mann, als Ulrike alle Ausbildungen abgebrochen hatte, kam es kurz nach ihrem 18. Geburtstag zur überstürzten Heirat mit dem arbeitslosen und ebenfalls durch Trennungen belasteten Manuel D. Beide kannten sich aus der Förderschule. Gleich nach der Geburt begann das Leiden des Neugeborenen. „Es gab keine Verständigung über die Pflichten“, so der Richter. Die Frau stillte nicht, „gefüttert wurde unregelmäßig und nur nach Schreien“. Bald darauf war der Junge viel zu erschöpft, um sich bemerkbar zu machen. Staatsanwalt Christoph Schüler, der für die Mutter siebeneinhalb Jahre Jugendhaft und für den Vater zwölfeinhalb Jahre Freiheitsstrafe gefordert hatte, sprach von einer „Perversion der Wertesysteme.“ Denn während die Eltern das Risiko des Todes des Kindes in Kauf nahmen, beschäftigten sie sich mit Haustieren und dem Computer. Dennoch sah das Gericht keine „unbarmherzige und gefühllose Gesinnung“, wie sie bei einer Verurteilung wegen Mordes gegeben sein muss. Stattdessen hätte sich die Mutter völlig von ihrem Sohn entfremdet, während der Vater eigenes Versagen nicht eingestehen wollte.

„Kinder sind nicht das Eigentum der Eltern", sagte Richter Kühl im Schlusswort. „Sie haben Rechte, auf die die ganze Gesellschaft achten muss.“ Niemand dürfe wegschauen, vor allem nicht die Behörden bei der Fürsorge und der Kontrolle von Eltern und ihren Neugeborenen. Der Richter riet dem städtischen Jugendamt dringend, sich mit dem Fall noch einmal zu befassen; Ermittlungen sind bereits eingeleitet. Es müsse sich fragen lassen, ob es zum Aufenthalt des damals 15-jährigen Mädchens, von dem das Jugendamt wusste, keine Alternativen gesehen habe.

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