Der Tagesspiegel : Mit den Schwärmen wächst die Sorge

Die Zugvögel kommen in die Region. Sie könnten die Vogelgrippe bringen Die Zahl der Untersuchungen wurde erhöht. Auch die Bürger sind wachsam

Nicole Diekmann,Michael Mara

Potsdam / berlin - In Brandenburg gibt es bisher keine Anzeichen für ein außergewöhnliches Sterben von Zugvögeln. Das erklärte der Sprecher des Umweltministeriums, Jens-Uwe Schade, am Dienstag. „Es gibt keine Fälle wie in Rheinland-Pfalz.“ Dort war am Montag eine größere Zahl verendeter Graugänse aufgefunden worden, bei denen zunächst Vogelgrippe nicht ausgeschlossen worden war. Gestern Abend wurde festgestellt, dass die Tiere vergiftet worden waren. Der Leiter des Landeslabors in Frankfurt (Oder), Roland Körber, sagte, bei Untersuchungen sei das Vogelgrippe-Virus H5N1 bei Zugvögeln nicht festgestellt worden. Das Gleiche gilt für Berlin, teilte die Gesundheitsverwaltung mit.

Laut Körber hat das Landeslabor die Untersuchung von Wildvögeln und Geflügel auf das Virus deutlich verstärkt, wobei man verschiedene Wege geht: So werden Speichel- und Kotproben von Wildvögeln untersucht, die Naturschützer bei Beringungsaktionen auf den Sammelplätzen nehmen, denn auf diesem Weg wird der Erreger ausgeschieden. Außerdem werden Köpfe und Hälse von Wildvögeln getestet, die von Jägern geschossen wurden. Vor allem aber wird derzeit Geflügel von Tierhaltern stichprobenartig untersucht. Insgesamt habe das Landeslabor in den letzten Wochen über 400 solcher Tests auf Vogelgrippe vorgenommen. „Die Größenordnung der Untersuchungen entspricht der Risikobewertung“, so Körber. Der Laborchef beobachtet auch eine gewachsene Sensibilität der Bevölkerung: So würden mehr verendete Tiere gebracht als früher.

Die Rastplätze der Zugvögel auf ihrem Herbstflug werden, wie der Sprecher des Umweltministeriums sagte, systematisch beobachtet: durch Naturwächter, Jäger, Vogelwarten. Man sei so über den Zustand der Tiere informiert.

Die wenigen Graugänse, die auf dem Weg zur Nordsee in Berlin und Brandenburg einen Zwischenstopp machen, seien seit Anfang Oktober schon wieder weg, sagt Harro Strehlow vom Naturschutzbund Deutschland (NABU). Sie seien ohnehin eher ungefährlich, da sie sehr früh ziehen: „Als das Virus nach Moskau kam, hatten die Graugänse das Gebiet schon verlassen“, so der Biologe.

Ein größeres Risiko stellen laut Strehlow Saat- und Blessgänse dar, die zurzeit am Himmel über Berlin und Brandenburg zu sehen sind. Etwa eine Million von ihnen, schätzt Severin Zillich vom Umweltverband BUND, überwintern in der Region, viele im Naturpark Untere Havel. Die Tiere kommen aus dem Moskauer Raum, dem Ural und Westsibirien – also aus Gebieten, in denen schon Fälle der Vogelgrippe gemeldet wurden. Ebenfalls bereits eingetroffen sind Pfeif- und Reiherenten. Der größte Teil von ihnen überfliegt Berlin und Brandenburg zwar nur auf dem Weg zur Ostsee, einige aber bleiben bis zum Frühjahr hier.

Noch unterwegs aus Skandinavien und Sibirien sind derzeit die Krick- und Tafelenten, wenn ihre Zahl auch deutlich geringer ist als die der Gänse. Die meisten Enten überwintern in Brandenburg, ein paar beziehen jedoch auch an den großen Berliner Seen ihr Quartier.

Ob sich Dohlen und Saatkrähen überhaupt mit dem tödlichen Virus anstecken können, ist noch unbekannt, denn sie sind Singvögel. Sie werden demnächst hier erwartet. Falls sie sich infizieren können, wären Saatkrähen wohl gefährlicher. Sie kommen unter anderem aus dem Moskauer Raum, dem Baltikum und Sibirien und genießen nachts die milden Temperaturen in der Stadt: Im vergangenen Jahr verdunkelten sie den Potsdamer Platz. Auch Kraniche gelten nach heutigem Wissenstand als nicht durch die Vogelgrippe gefährdet. Diese Zugvögel fliegen aus Skandinavien und Sibirien hierher, bevor sie Mitte November weiter nach Spanien ziehen. Derzeit kann man sie an ihren Sammelplätzen in Brandenburg beobachten.

Nach Einschätzung des Brandenburger Umweltministeriums könnte das größere Problem im Frühjahr drohen. Dann kommen die Zugvögel zurück – und in der Zwischenzeit könnte sich unter ihnen das Virus vermehrt haben.

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