Der Tagesspiegel : Mit Freibier und Spanferkel ins neue Heim

Diepensee musste dem Flughafen weichen. Die Einwohner zeigten Verständnis. Das freut den Ministerpräsidenten

Claus-Dieter Steyer

Königs Wusterhausen. Seit gestern gibt es auf Brandenburgs Landkarten den Ort Diepensee doppelt: einerseits unmittelbar am Flughafen Schönefeld und andererseits am Rande von Königs Wusterhausen. Beide Dörfer trennen zwölf Kilometer Luftlinie. Doch spätestens Ende dieses Jahres verschwindet das alte Diepensee bei Schönefeld gänzlich. Es muss der künftigen Start- und Landebahn eines möglichen Großflughafens Platz machen. Alle 300 Einwohner ziehen in das seit zwei Jahren aus dem Boden gestampfte Wohnviertel um. Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) enthüllte am gestrigen Sonnabend feierlich das Ortseingangsschild „Diepensee, Stadt Königs Wusterhausen“.

Bürgermeister Michael Pilz zeigte sich zufrieden: „Hauptsache ist, dass Diepensee nicht vergessen wird. Es ist schließlich unsere Heimat gewesen.“ Da seien solche Details wie das Eingangsschild an der neuen Straße vom alten Ortskern in Deutsch Wusterhausen, das auch schon längst im größeren Königs Wusterhausen aufgegangen ist, sehr bedeutsam. Er sei froh, dass der vor acht Jahren begonnene Umsiedlungsprozess nun so gut wie erledigt sei. Im Sommer würden noch die Feuerwehr, die Kita, das Dorfgemeinschaftshaus und ein Bolzplatz eröffnet.

Gerade das Feuerwehr-Gerätehaus soll ein Stück Erinnerung an das 700 Jahre alte Dorf sein. Es wird mit Klinkern von den alten Landarbeiterhäusern verziert, die einst das Bild des Ortes prägten. 40000 Ziegel werden in den nächsten Wochen abgeklopft und ins neue Diepensee gefahren. Auch Feldsteine aus der alten Gutshofsmauer, das historische Hoftor, Findlinge und selbst die Granitstufen der Treppe zum Gutshaus, das zuletzt als Kindertagesstätte genutzt wurde, erhalten ihren Platz in der neuen Heimat. In den nächsten Wochen wird auch der Friedhof verlegt.

Die Dorfgemeinschaft ist jedenfalls an dem Umzug nicht zerbrochen. Im Festzelt herrschte schon am Morgen ausgelassene Stimmung an den langen Tischen. „Warum sollen wir meckern“, fragte ein Mann aus der alten Diepenseer Dorfstraße. „Unser von den Eltern übernommenes Haus war zwar auch sehr schön, aber das neue Eigenheim hat Fußbodenheizung und viel mehr Komfort. Wir sind sehr zufrieden.“ Das Ehepaar Thom aus der Rotberger Straße muss noch bis zum Sommer in dem gespenstisch wirkenden alten Diepensee aushalten. „Wir waren uns nicht sicher, ob unsere Pferde im viel kleineren neuen Ort wirklich Platz finden“, meinte Frau Thom. „Aber nun scheint es zu klappen.“ In Kürze will die Familie mit dem Hausbau beginnen.

Für so viel Verständnis fand der Regierungschef natürlich nur lobende Worte. Im Unterschied zu Horno in der Lausitz, das den Braunkohlenbaggern nicht weichen wollte, gab es in Diepensee keinen nennenswerten Widerstand gegen den Umzug. „Hier sind frühzeitig alle Betroffenen in den keineswegs konfliktfreien Prozess einbezogen worden“, vermutet Platzeck als Erfolgsgeheimnis. Außerdem hätten die Einwohner die Bedeutung des neuen Airports verstanden. „Die Vorteile dieses herausragenden Infrastruktur- und Wirtschaftsprojektes übersteigen die Nachteile.“ Es bestünden nach wie vor gute Chancen, dass ein Großflughafen in Schönefeld eine profitable Konkurrenz zu den Plätzen in Frankfurt (Main) und München darstellen könnte.

Für die Einwohner von Diepensee spielten solche Argumente gestern aber keine entscheidende Rolle. Sie gaben sich nach dem offiziellen Akt der Schilderenthüllung bei Freibier und Spanferkel ganz der Freude über ihre schöneren Häuser und Wohnungen hin. Das neue Diepensee kostet rund 80 Millionen Euro.

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