Der Tagesspiegel : Mit radikaler Abstinenz zurück ins suchtfreie Leben

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Berlin/Belzig. Der Alkohol hat alles kaputt gemacht: Ehe, Haus, Job hat Jürgen M. aus Mahlsdorf verloren. 1997 kam der Suchtkranke zum Berliner Selbsthilfeverein Synanon. Es folgte der „kalte Entzug“ - sofort und ohne die Hilfe von Medikamenten. Tage der Schweißausbrüche, des Zitterns, der Schlaflosigkeit. „Dann hab ich mich gefangen“, erzählt der 53-Jährige. Er arbeitete in der Hauswirtschaft Synanons mit, kam später in die Wäscherei und wurde selbst für die Betreuung von Neuzugängen zuständig. Seit fünf Jahren lebt M. nun bei Synanon. Seine Geschichte zeigt, wie die Drogenselbsthilfe-Einrichtung Synanon funktioniert: Wer dort von legalen wie illegalen Drogen wegkommen will, wird zur radikalen Abstinenz gezwungen. Strenge Regeln sind zu beachten, und es muss Verantwortung übernommen werden: Im Umzugsunternehmen von Synanon, im Verlag oder einem der anderen fünf „Zweckbetriebe“ - und für das eigene Leben.

„Synanon ist zum Markenzeichen geworden“, sagte gestern Rolf Hüllinghorst vom Dachverband der Suchtkrankenhilfe auf einem Empfang, mit dem Synanon das 30-jährige Bestehen feierte. Die Einrichtung blickt auf eine Erfolgsstory zurück: Sie gilt als Vorreiter der Selbsthilfe für Süchtige. Allein vergangenes Jahr wurden 570 Abhängige betreut. Diese können sich ausbilden lassen und ein großes Freizeit- und Beratungsangebot in Anspruch nehmen. Zugleich war zumindest die letzte Dekade auch eine Leidensgeschichte.

So musste vor kurzem die brandenburgische Dependance, ein Demeter-Bauernhof in Schmerwitz nahe Belzig, aus wirtschaftlichen Gründen praktisch aufgegeben werden. Bereits 1998 hatte sich Synanon aus dem neuen, nur zwei Jahre zuvor eröffneten Haus in Berlin-Lichtenberg zurückziehen müssen. Synanon hatte sich „finanziell übernommen“, sagte Uwe Schriever, Kuratoriumsvorsitzender der Synanon-Stiftung gestern dazu. Nach der Wende war mit Zulauf aus dem Osten gerechnet worden. Die Erwartungen erfüllten sich nicht.

Angefangen hatte alles 1971 in Berlin-Schöneberg. Ingo und Irene Warnke zogen damals mit einer Hand voll Süchtiger in zwei Fabrik-Etagen. Das Konzept übernahmen sie aus den USA. Ein Jahr später bekam ihr Verein Synanon einen Lkw geschenkt, der Umzugsbetrieb begann. Heute ist Synanon eine Stiftung. Sie sitzt wieder in der Bernburger Straße in Kreuzberg. Man finanziere sich weiterhin aus Spenden, Senatsgeldern und Einnahmen aus den Zweckbetrieben, sagte Schriever. Inzwischen sei wieder „ruhiges Fahrwasser“, erreicht. Synanons Konzept der „abstinenzorientierten“ Drogenarbeit war lange umkämpft. Ihm gegenüber stehen die Substitutionskonzepte. „Mittlerweile ist bewiesen, dass beide Wege ihre Berechtigung haben“, sagte gestern die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marion Caspers-Merk. „Verschiedene Menschen brauchen verschiedene Wege aus der Sucht.“ Tobias Arbinger

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