Der Tagesspiegel : Mit Säbel und Orangenkiste

Der dänische Designer Peter J. Lassen über Einrichtungskultur und seinen Kampf gegen Monster-Möbel aus den 70er Jahren

Mit Verner Panton war er eng befreundet, über Jahre leitete er die dänische Designschmiede „Fritz Hansen“, heute ist der 1930 geborene Peter J. Lassen selbst eine bekannte Institution in Dänemark. Sein Unternehmen produziert seit über zwanzig Jahren das Systemregal „Montana“, versteht industrielle Gestaltung geradezu als ethische Aufgabe und engagiert sich begeistert für Kunst und Kultur. Mit Peter J. Lassen sprach Nora Sobich.

Herr Lassen, was hat Sie dazu bewogen, Anfang der achtziger Jahre ein Systemregal zu entwerfen? War das ein Prozess jahrelangen Herumtüftelns, an dessen Ende dann – wie bei einer mathematischen Aufgabe – die richtige Lösung stand?

Nein. (Lachen) Aber schon als Kind wollte ich immer mein Zimmer verändern. Dazu braucht man Elemente, mit denen sich ein Raum modellieren lässt. Damals war Krieg und Knappheit, Dänemark stand unter deutscher Besatzung. In den fünfziger Jahren kamen schließlich so zweigeteilte Apfelsinenkisten auf den Markt, für mich ein erstes Element, um einen Raum zu gestalten.

Diese Kisten waren also der Beginn ihres vielfach ausgezeichneten Systems?

Sie habe auf jeden Fall etwas mit der Lösung zu tun. Erst in den siebziger Jahren habe ich mich wirklich an die Aufgabe gemacht. Ich war damals Direktor von „Fritz Hansen“ und es gab kaum geeignete Korpusmöbel, die sich mit dem Design von Arne Jacobsen, Jørn Utzon oder Verner Panton kombinieren ließen. Wichtig für mich war aber auch, was bereits auf dem Markt existierte. Das waren vor allem große Regale in den Maßen von 2,80 Meter mal 1,90 Meter, die diverse Schubläden und Türen hatten und im Grunde Monster-Möbel waren, einen Raum weniger gestalteten als zerstörten.

Ja und dann?

Von Beruf bin ja auch Offizier, Leutnant zu See. So habe ich gleichsam meinen Offiziers-Säbel genommen und diese Monsterregale in zwölf Stücke geschnitten. Das waren drei vertikale und zwei horizontale Schnitte und so entstand „Montana“ gewissermaßen aus dem Mord an den Monster-Regalen.

Also ein militärischer Gestaltungsakt hat ein Möbel der klassischen Moderne geschaffen?

In dem Sinne, dass es minimalistisch ist, sowohl in der Materialverwendung als auch in der Formensprache. Es hat keine Dekoration, kann aber selbst als Dekoration verwendet werden. Entscheidend für mich war vor allem die Erkenntnis, dass Menschen Freiheit wünschen, die Freiheit, ihre eigenen Räume zu gestalten.

Heute wird fast alles individuell zugeschnitten – Schuhe, Kleidung, Häuser. Warum wird bei Ihnen individuelle Freiheit so groß geschrieben?

Ja, warum sollen wir uns diese diktieren lassen? Wir wünschen Freiheit, sowohl von Politikern, als auch im Alltag.

Bedeutet die viel gerühmte Freiheit nicht auch einen Entscheidungsmarathon? Wer heute eine Küche plant, hat viel vor...

Erst Freiheit eröffnet Kreativität. Seine Kreativität nicht nutzen zu können, ist für mich, als dürfte man seinen Kopf oder seinen Arm nicht benutzen. Man degeneriert. „Montana“ steht für die Vision, dass wir den Alltag von Menschen verbessern können, wenn wir ihnen eine Einrichtungskultur zur Verfügung stellen, die die Umwelt respektiert, die ökonomisch, flexibel und ästhetisch ist. Und dabei auch ethisch.

Ohne Marketing kann heute kaum ein Unternehmen noch überleben. Bei den Skandinaviern hat man den Eindruck, sie seien selbst in ihren Werbeversprechen noch authentisch und ehrlich. Ist das tatsächlich typisch skandinavisch?

Richtig ist, dass dieser Ansatz oft in Skandinavien vorkommt. Ich nenne ihn ethisch, und das bedeutet in meiner Übersetzung neben Freiheit auch Rücksicht und Entfaltungsmöglichkeiten, eben eine humane Welt, und in der bewegt sich auch „Montana“.

Bei allen unternehmerischen, sozialen, und gesellschaftlichen Verantwortlichkeiten hat ihr System auch ein technisches Herz. Wie funktioniert das?

Man kann es technisch nennen. Ich würde es lieber mit der Natur vergleichen. „Montana“ unterscheidet sich von anderen Systemen durch drei Charakteristika, die alle organisch inspiriert sind: Die Kanten sind gerundet. Deshalb fehlen dem System auch die Ecken. Außerdem sind die Elemente in ein Rastersystem eingeteilt, und zwar mit einer Addition von 5,7 Zentimetern. Dadurch wiederholt sich Montana fraktal – wieder und wieder, wie die Natur.

Ihr System ist in fast allen Farben zu haben, das scheint im ersten Moment nicht sehr skandinavisch – es sei denn, man denkt an Lego. Haben Sie schon immer so mutig in den Farbtopf gegriffen?

Nicht von Anfang an. Da hatten wir nur Rot, Anthrazit und Birkensperrholz. Farben sind ein starkes emotionales Element. Bei allem, was man tut oder macht, es sind vor allem Farben und Formen, die einen beeinflussen.

In Ihrer Heimat Dänemark, wo Sie kürzlich einen Ausstellungsraum der Königlichen Bibliothek gestaltet und gesponsert haben, gelten Sie als progressiver Kunstförderer. Welche Rolle spielt in Ihrem Leben Kunst? Wann hat diese Begeisterung begonnen?

Schon früh. Mein Großvater und mein Urgroßvater waren Künstler. Sie waren Maler und bei uns zu Hause war immer Kunst mit dabei.

Verstehen Sie Design mit künstlerischem Anspruch?

Es besteht natürlich eine enge Verbindung zwischen Kunst, Architektur und Design. Design ist übrigens ein schreckliches Wort.

In den letzten Jahren vor allem sehr inflationiert. Gefällt Ihnen Gestaltung besser?

Industrielle Gestaltung versteht man am besten.

Gerade haben Sie eine ARTour zusammengestellt: verschiedene Künstler haben hier ihr Systemregal interpretiert. Was hat Sie dazu gebracht, Kunst auf diese Weise in Ihr Unternehmen zu holen?

Künstler sind große Kommunikatoren. Wir können viel von Künstlern lernen, zum Beispiel offen und neugierig zu sein.

Sie haben wahrscheinlich einige Schätze bei sich zu Hause. Können Sie etwas nennen?

Ich nenne gern ein Stück mit einer besonderen Geschichte, die im Jahr 2000 in New York begann. Damals war ich Sponsor für eine vierstündige Action-Installation des dänischen Künstlers Björn Nörgaard. Im Gegenzug wollte dieser dann ein Jahr später eine Installation in meinem Showroom in Kopenhagen inszenieren, also jetzt nach dem 11. September. Zu der Installation gehörte, dass Björn Nörgaard in der einen Hand einen Koran und in der anderen ein Neues und Altes Testament hielt und diese drei Bücher dann zusammenklappte und in Gips goss. Wir beschlossen das Werk der neu eröffneten Bibliothek in Alexandria zu schenken. Die Schwierigkeiten in der Region sind aber immer noch so groß, dass es derzeit nicht sicher wäre, ein solches Geschenk zu übergeben. So warten wir seitdem auf den richtigen Moment.

Sehr symbolkräftig.

Ja, alles ist im Grunde eine Frage des richtigen Moments. Das hat nichts mit Planung oder Absicht zu, das ist nur der richtige Moment.

Noch eine letzte Frage: Sie gehen nach wie vor jeden Tag in Ihr Unternehmen, das inzwischen 200 Mitarbeiter beschäftigt. Wo finden Sie als schon betagter Herr von fast achtzig Jahren dafür die Energie?

Wer Energie braucht, schafft Energie. Das ist ganz einfach: Energie kreiert Energie.

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