Der Tagesspiegel : Mit Schlägen, Steinen und Steckbriefen

Rechtsextremisten attackieren Linke auf der Straße und im Internet

Frank Jansen

Rathenow/Potsdam. Die rechte Szene in Brandenburg verstärkt offenbar ihre Angriffe auf Linke und andere Nazi-Gegner. Die jüngste Attacke geschah am Wochenende: Im Ort Göttlin (bei Rathenow) demolierte in der Nacht zu Sonnabend ein rechtsextremer Mob einen Pkw, in dem ein junger Linker und seine Freude saßen. Die Angreifer traten nach Angaben des 18-jährigen Florian E. gegen den Wagen, schlugen mit einem Leitpfosten zu und warfen einen Stein in die Frontscheibe. Florian E., dessen Aussage die Beratungsstelle „Opferperspektive“ gestern in einer Pressemitteilung zitierte, hatte im Januar 2003 in Rathenow eine Schülerdemonstration gegen rechte Gewalt organisiert. Am Sonnabend wurde Florian E. offenbar von einer braunen Clique erkannt, als er an ihr mit Tempo 30 vorbeifuhr. Die Insassen des Ford Fiesta kamen bei dem Angriff mit dem Schrecken davon, verletzt wurde niemand.

In Sicherheitskreisen wurde der Vorfall weitgehend bestätigt. Die fünf tatverdächtigen Schläger gehörten vermutlich zu der Rathenower Neonazi-Kameradschaft „Sturm 27“, sagte ein Experte. Die Polizei ermittelt wegen Sachbeschädigung, Festnahmen gab es bislang nicht. Die Opferperspektive bezeichnet Rathenow als Schwerpunkt rechter Gewalt in Brandenburg. 2003 hat der Verein in der Stadt zwölf rechte Angriffe gezählt.

Die Opferperspektive selbst wird ebenfalls von Rechtsextremisten angefeindet. Im Internet präsentieren Potsdamer Neonazis, die sich „Anti-Antifa Network“ nennen, eine Mitarbeiterin des Vereins mit Namen und Fotos. Bis vor kurzem wurde auch der Tagesspiegel auf der Homepage erwähnt. „Anti-Antifa“ ist eine bundesweite Kampagne der rechten Szene in der Art einer Feierabend-Gestapo. Neonazis wollen Gegner ausspähen und steckbriefartig vorführen. Allerdings meist in einer Weise, die primitiv und pubertär erscheint. So bezeichnet sich die „Anti-Antifa Network Sektion Potsdam“ auf ihrer Homepage holprig als „unabhängige Kameraden die es sich zur Aufgabe gemacht haben regional entgegen der antifa zu arbeiten.“

Die Sicherheitsbehörden halten diese Spitzelei für dilettantisch, warnen aber vor einem Aufputsch-Effekt: Ein rechter Fanatiker könnte animiert werden, die auf einem Steckbrief genannte Person zu attackieren. Die Homepage entstand auch vermutlich im Umfeld eines Schlägers, den das Landgericht Potsdam Ende Februar zu sechs Jahren Haft verurteilt hat. Der Skinhead hatte im März 2003 mit zwei Kumpanen auf dem Potsdamer Bahnhof Rehbrücke einen Linken verprügelt. Das Opfer wurde dann auf die Gleise gestoßen und überlebte nur, weil der erwartete Zug verspätet einfuhr.

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