Der Tagesspiegel : Mit „Stille Nacht“ auf Sender

1920 gelang erstmals die Übertragung von Musik. Jetzt will Königs Wusterhausen das Funkmuseum retten

Claus-Dieter Steyer

Königs Wusterhausen - Die Notenblätter der vier Musiker auf dem Funkerberg in Königs Wusterhausen zeigten am 22. Dezember 1920 nur ein Lied: „Stille Nacht, heilige Nacht“. Die Musiker spielten es an jenem Tag gleich mehrfach und wussten dennoch nicht, wie viele Zuhörer sie damit erreichten. Denn ihre Musik wurde erstmals in den Äther gesendet. Das Experiment gelang. Der Rundfunk war geboren, obwohl es das Wort damals noch gar nicht gab.

Mit einer festlichen Veranstaltung erinnerte Königs Wusterhausen gestern an dieses Ereignis vor 85 Jahren. Die Stadt feierte sich mit Vorträgen und historischen Aufnahmen als „Wiege des Rundfunks“. Natürlich wurde der Abend mit dem Stück „Stille Nacht, heilige Nacht“ eröffnet – gespielt fast wie in der von 1920. Nur die Bassgeige fehlte.

Allerdings konnte das Programm nicht an seinem historischen Ort stattfinden. Denn das Museum auf dem Funkerberg, das die Geschichte der einstigen Militärfunkstation festhielt, ist seit dem Sommer geschlossen. Die Telekom AG hatte trotz großer Proteste den Mietvertrag für den Museumsverein nicht verlängert, um die Betriebskosten für das Areal in Höhe von jährlich 500 000 Euro einzusparen.

„Nun keimt aber wieder Hoffnung auf einen Neubeginn“, sagt Rainer Suckow, Chef des Fördervereins „Sender Königs Wusterhausen“. Die Stadt habe sich auf ihre Tradition besonnen und zur Übernahme des Funkerbergs in städtisches Eigentum entschlossen. „Der Kaufpreis liegt nur bei einem symbolischen Euro“, erklärt Suckow. „Aber noch sind nicht alle Details der Betriebs- und Instandsetzungskosten für die Gebäude geklärt. Wir hoffen aber, dass wir im späten Frühjahr die Türen zu unserer Schau mit rund tausend Exponaten wieder öffnen können.“

Bis heute zieren drei stilisierte Sendemasten das Stadtwappen, obwohl die letzte von hier ausgestrahlte Radiosendung schon zehn Jahre zurückliegt. Ohne den rührigen Förderverein, der in seinem Museum jedes Jahr etwa 55 000 Neugierige begrüßte, wäre die Pionierleistung der Stadt heute wahrscheinlich schon vergessen. In den meisten Zeittafeln steht nach wie vor der 29. Oktober 1923 als Geburtsstunde des deutschen Rundfunks, weil an diesem Tag in Berlin die erste offizielle Sendung ausgestrahlt wurde. Zu dieser Zeit hatten die Techniker in Königs Wusterhausen schon lange mit der drahtlosen Übertragung von Sprache experimentiert. 1919 war die damalige Militärfunkstelle Königs Wusterhausen zwar bereits der Reichspost übergeben worden. „Aber Wirtschafts-, Presse- und Börsennachrichten wurden nur per Morsealphabet ausgetauscht“, erinnert der Rundfunkexperte Suckow.

„In den Sendepausen versuchten ab Juni 1920 die damaligen Ingenieure erstmals, Musik vom Grammophon zu übertragen.“ Viele Tests folgen, ehe am 22. Dezember 1920 das berühmte Weihnachtskonzert stattfand.

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