Der Tagesspiegel : Mit tonnenschweren Baggern auf und davon

CLAUS-DIETER STEYER

Millionenschäden durch organisierte Diebstähle auf Baustellen / Maschinen verschwinden in Holland und PolenVON CLAUS-DIETER STEYER RÜDERSDORF.Der Diebstahl des großen Baggers dauerte nur wenige Minuten.Per Handy wurde der Tieflader vom nahen Autobahnparkplatz östlich Berlins an die Baustelle dirigiert.Die Fahrertür des tonnenschweren Gerätes aufzubrechen war ebenso ein Kinderspiel wie das Starten des Motors.Im Handumdrehen stand der Bagger auf dem Anhänger.Die Fahrt in Richtung Polen konnte beginnen.Den gefälschten Kaufvertrag hatten die Diebe schon in der Tasche.Mit ihm gab es am Grenzübergang Frankfurt (Oder) keine Probleme.Zoll und BGS hatten nichts bemerkt, so daß der Tieflader ungehindert passieren konnte.Erst am nächsten Morgen stellten die Bauleute an der Autobahn den Verlust ihres Baggers fest. Seit mehreren Monaten werden in Brandenburg Baumaschinen und Werkzeuge in großen Mengen geklaut.Schwerpunkt ist der Bereich zwischen dem östlichen Berliner Stadtrand und der Oder.Die Tatorte reichen von der Baugrube für ein Einfamilienhaus bis zur großen Autobahnbaustelle.Der Schaden für die Firmen wird für das letzte Jahr im Land auf rund 20 Millionen Mark geschätzt.In dieser Woche meldete eine Dachdeckerfirma aus Fürstenwalde beispielsweise den Verlust von Werkzeugen und Geräten in Höhe von 43 000 Mark.Von einer Baustelle in Strausberg wurden 20 Aluminium-Verbaubohlen im Wert von 12 000 Mark gestohlen.In Vogelsdorf am Ostrand Berlins brachen Täter in einen Restpostenmarkt ein und entwendeten einen Gabelstapler, drei Hubwagen und Baumaschinen. Im Polizeipräsidium Frankfurt (Oder) beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe mit den zunehmenden Diebstählen auf Baustellen.Rund 700 Fälle zählte sie 1997 in Ostbrandenburg."Gestohlen wird praktisch alles.Von der Bohrmaschine über die Kreissäge bis zum Großgerät", sagt Peter Musiol, Leiter des zuständigen Kommissariates.Die meisten Diebstähle passierten nachts und am Wochenende, wenn die Bauarbeiten ruhen. Nach Polizeierkenntnissen gehen die geklauten Baumaschinen drei verschiedene Wege: Nach Polen und andere osteuropäische Länder, auf einen großen Markt in Holland, wo die Geräte meist sofort verschifft werden, und auf Baustellen der Umgebung.Die beiden erstgenannten Fälle dominieren."Wir gehen hier von organisierter Kriminalität aus", sagt der Polizist Musiol."Gestohlen wird sowohl auf Bestellung als auch bei Gelegenheiten." Die Täter kämen aus Polen, der Türkei, Rußland und Deutschland.Sie seien in der ganzen Bundesrepublik unterwegs, bevorzugten aber wegen der Grenznähe Ostbrandenburg.In Sachsen, wo in den letzten Jahren viele Baumaschinen über die grüne Grenze nach Tschechien geschmuggelt worden waren, hat eine Polizeisonderkommission mehrere Tätergruppen ermittelt.Nicht zuletzt deswegen sind die Diebe ins benachbarte Brandenburg ausgewichen. Die Frankfurter Polizei arbeitet inzwischen eng mit polnischen Beamten zusammen.Gemeinsam konnten die Bestimmungsorte der Baumaschinen nach der Grenzpassage festgestellt werden.Die meisten gehen nach Gorzow (Landsberg a.d.Warthe) und nach Zielona Gora (Grünberg).Von dort werden sie weiterverkauft.Der Bundesgrenzschutz deckt an den Übergängen in Frankfurt und Küstrin-Kietz mindestens einen Baumaschinen-Diebstahl pro Woche auf."Die Geräte liegen meist unter Sperrmüll, Schrott oder alten Bekleidungsstücken versteckt", sagt Polizeihauptmeister Peter Schneider."Es kommt immer auf die Erfahrung der Grenzbeamten an, ob ihnen verdächtige Personen und Fahrzeuge auffallen." Nach wie vor sei das Verschwinden ganzer Lkw-Ladungen nach der Paßkontrolle an der Autobahn bei Frankfurt ein Problem.Einige Trucker umgingen das dahinter befindliche Zollterminal und verschwänden unkontrolliert auf Waldwegen. Die Polizei appelliert an die Baubetriebe, den Diebstahlschutz entscheidend zu verbessern.Erfolge brachten beispielsweise satellitengestützte Ortungsgeräte und elektronische Wegfahrsperren.Diese seien zwar teurer, zahlten sich aber letztendlich aus.

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