Der Tagesspiegel : Mitten im Dorf

Auf dem Marktplatz in Potzlow wird ein Gedenkstein für den ermordeten Marinus enthüllt

Claus-Dieter Steyer

Potzlow. Er hat den besten Platz bekommen. Der Gedenkstein für Marinus Schöberl wird auf dem Marktplatz des Uckermarkstädtchens Potzlow stehen. Er soll an den 16-jährigen Schüler erinnern, der vergangenes Jahr von anderen Jugendlichen bestialisch ermordet wurde.

Am Marktplatz muss jeder irgendwann vorbei. Heute Abend wird der Stein aus hellem Granit enthüllt. Die Kirchengemeinde hat den Mut zu diesem Mahnmal aufgebracht. „Man kann doch den armen Jungen nicht einfach vergessen“, sagt ein älterer Mann. „Vielleicht hilft der Stein ja, die Jugend aufzurütteln.“ Das Dorf am Großen Potzlowsee wirkt wie ausgestorben. Ab und zu scheint sich hinter den Fenstern eine Gardine zu bewegen, manchmal bellt ein Hund. Das Licht vom Fernseher spiegelt sich in einigen Scheiben. 600 Menschen leben hier, ein Drittel ist offiziell arbeitslos gemeldet, tatsächlich sollen es mehr als 50 Prozent sein. In einem Hof füttert eine ältere Frau ihre Hühner. Misstrauisch nähert sie sich dem Fremden. „Irgendwann muss doch Schluss damit sein. Die drei Täter haben doch ihre Strafe bekommen“, sagt die Frau und wirft die Haustür zu. Da irrt sie. Nur die beiden Brüder Marcel und Marco aus Potzlow sind zu achteinhalb Jahren Jugendhaft beziehungsweise 15 Jahren Haft verurteilt worden. Der dritte Tatbeteiligte, ein 18-Jähriger aus Templin, wurde zu zwei Jahren Jugendhaft verurteilt. Da er bereits neun Monate in Untersuchungshaft saß, kam er frei. Die Staatsanwaltschaft hatte zunächst gegen die milden Urteile Revision eingelegt, ihre Beschwerde aber zurückgezogen (siehe Kasten). Es scheint, als habe sich in dem Jahr seit Bekanntwerden der Tat nicht viel verändert im Dorf. Damals hatte sogar der Bürgermeister von einer „Einzeltat“ gesprochen. Die käme in Berlin jeden Tag vor. Als die antifaschistische Bewegung einen Gedenkmarsch durch Potzlow ankündigte, gab es einen Aufschrei im Dorf. Der Prozess vor dem Neuruppiner Landgericht zeigte, dass etliche Potzlower schon lange vor der Entdeckung der Leiche von der Tat gewusst haben.

Die Tortur des Schülers Marinus Schöberl hatte in einer Wohnung vor mehreren Zeugen begonnen. Marcel S. prahlte später immer wieder mit der Tat. Niemand unternahm etwas – vier lange Monate. Für den Gedenkstein sollen auch die Eltern der beiden Brüder Marcel und Marco S. Geld gegeben haben, erzählt man im Dorf. Sie selbst sind nicht zu sprechen. Aus ihrem Wohnzimmerfenster schauen sie direkt auf den Tatort, wo ihre Kinder den 16-Jährigen mit einem Sprung auf den Kopf töteten. Auch die Eltern von Marinus werden beim Blick aus dem Fenster an den Mord erinnert. Sie schauen im zehn Kilometer von Potzlow entfernten Gerswalde direkt auf den Friedhof. Dort erinnert an den Jungen seit einigen Wochen endlich ein Grabstein, für den die Eltern lange Zeit kein Geld hatten. Berliner spendeten schließlich das meiste Geld dafür.

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