Auto : 2009? Bitte rechts ranfahren

Wenn sich Politik und Hersteller nicht besinnen, produziert die Branche weiter auf Halde. Die Neuheiten des kommenden Jahres sind ein Anfang – eine einfache Lösung gibt es ohnehin nicht

Kai Kolwitz

War das ein Stress in 2008. Finanzkrise, Klimawandel, Spritpreishorror, Umweltzonen, CO2-Steuer, alternative Antriebe, Ethanol, Hybrid, Elektro. Und dazu die bockigen Konsumenten, die partout nicht dazu zu bewegen sind, sich ausreichender Zahl mit neuen Autos einzudecken.

Dabei ist es angesichts der Informationsflut kein Wunder, dass größere Teile des fahrenden Volkes immer noch so sehr mit der Aufnahme und Verarbeitung der vielen Fakten beschäftigt sind, dass sie überhaupt keine Muße mehr finden, beim Autohändler vorbeizuschauen. Oder sogar Trotz entwickeln. Motto: Wenn mein jetziger Wagen sowieso nur noch eine Altlast ohne Wiederverkaufswert ist, die jeder ungestraft „Stinker“ nennen darf, dann fahre ich ihn halt so lange, bis er auseinanderfällt. Oder zumindest, bis sich die Lage ein bisschen beruhigt hat.

Denn welcher der vielen Punkte für die Zukunft welche Auswirkungen haben wird, lässt sich auch zum Jahreswechsel kaum absehen. Deshalb spricht vieles dafür, dass 2009 in Sachen Auto ein Jahr des Innehaltens wird: Die Fakten liegen auf dem Tisch, jetzt gilt es, sie einzuordnen und zu bewerten.

Zwar werden in 2009 mit BMW und Mercedes die ersten deutschen Hersteller mit eigener Hybridtechnik auf den Markt kommen, bevor wohl ab 2010 der reine Elektro-Antrieb langsam seinen Weg aus der Nische auf den Massenmarkt aufnehmen wird. Aber je länger die Diskussion läuft, desto klarer wird, dass kein neues Antriebskonzept die schlagartige Lösung aller Probleme sein kann. Hybridfahrzeuge punkten fast nur im Stadtverkehr, wenn viel gebremst und angefahren wird und Energie zurückgewonnen werden kann. Und auch Stromerzeugung für Elektroautos ist natürlich nicht emissionsfrei – nur ist es so, dass CO2 und Co. im Kraftwerk anfallen und nicht auf der Autobahn. Rechnet man das auf Grundlage des aktuellen Strommixes ein, blasen die aktuellen Elektro-Prototypen nach den Berechnungen von Greenpeace pro Kilometer teils sogar mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre als die Dieselvarianten derselben Baureihen.

Eins von vielen Beispielen, die zeigen, dass sich die Diskussion um die Autos der Zukunft bisher viel zu oft mit isolierten Teilbereichen beschäftigt hat, während andere Aspekte des Themas konsequent ausgeblendet wurden: Wer zum Beispiel flächendeckend und gleichzeitig umweltfreundlich Autos mit Strom betreiben will, muss sich um den Ausbau der Nutzung alternativer Energien wie Sonne oder Wind bemühen. Und dann immer noch die Frage stellen, welche Umweltbilanz eigentlich die Herstellung der großen Akku-Pakete hat, die man braucht, um den Strom im Auto zu transportieren.

Aber vielleicht wird 2009 ja auch das Jahr, in dem sich die Diskussion stärker damit befassen wird, wie sich Rolle und Funktion des Autos in den letzten Jahren gewandelt haben: Im Zeitalter der Massenmobilisierung, in den Sechzigern und Siebzigern des vorigen Jahrhunderts, waren Eisenbahnzüge langsam, Flugreisen etwas für die Oberschicht und Staus die Ausnahme – kein Wunder, dass das eigene Auto in diesen Zeiten zum Statussymbol und zum Inbegriff von Freiheit wurde. Aber heute? Autofahren ist vor allem eine von mehreren konkurrierenden Möglichkeiten, um vom Start ans Ziel zu kommen. Berlin hat ein sehr gut ausgebautes Nahverkehrssystem. Und wer in den Urlaub fliegt, statt Kind und Kegel in den Wagen zu packen, der braucht für das, was sonst noch anliegt, ein anderes Auto als die Eltern vor 30 Jahren.

Die Hersteller haben das durchaus registriert: In 2009 kommt eine Fülle neuer Kleinwagen auf den Markt. Darunter einige, die, wie etwa der Toyota iQ, zeigen, dass „klein“ kein Synonym für „einfach“ oder „billig“ sein muss, sondern auch eine Reaktion auf den täglichen Parkplatzstress sein kann. Auch BMW bringt mit dem X1 einen Wagen, der zwar noch SUV sein wird, aber deutlich kompakter als das derzeitige Angebot. Und wieder andere, Smart etwa, die Bahn oder Sixt, probieren Konzepte aus, die es jedem Verkehrsmittel erlauben sollen, seine individuellen Stärken auszuspielen. Motto: Mit der Bahn von Berlin nach Freiburg und dort am Bahnhof, einfach, billig und schnell ein Auto schnappen, um die restlichen Kilometer ins Hinterland zu schaffen – etwa so, wie heute schon die Leihfahrräder der Bahn funktionieren.

Die Zukunft wird spannend. Und sicher ist, dass sich alle umstellen müssen, Hersteller und auch Autofahrer. Denn ganz ohne Auto wird es auf Sicht nicht gehen. Und, Entschuldigung, ein bisschen Spaß sollte auch noch erlaubt sein.

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