ADAC : Wenn nur die Badehose bleibt

Auch Großvieh hat Pannen: Niedlichster Kunde war ein Nilpferd. Mit den Pfingstferien beginnt die heiße Zeit für die ADAC-Auslandshelfer. Es geht um Menschen, Tiere - und die Leiche im Kofferraum.

Kerstin Heidecke

Die Sache mit der Schwiegermutter im Kofferraum ist wohl das Verrückteste, was Audrey Silvestre erlebt hat. Die Französin ist Mitarbeiterin der ADAC-Notrufzentrale in Lyon. Per Telefon meldete sich ein Paar auf Durchreise. „Wir haben eine Autopanne. Aber wir müssen hurtig zur Beerdigung meiner Schwiegermutter nach Portugal“, beschrieb das Club-Mitglied sein Problem. Er brauche eine flinke Reparatur und für deren Dauer ein Hotel. Für sich, seine Frau – und für die Schwiegermutter. Um die Überführungskosten zu sparen, hatte das Paar die gerade verstorbene Angehörige kurzerhand in eine Decke gewickelt und ins Auto geladen.

Trotz solcher Anekdoten: Wenn heute viele Familien in den Pfingsturlaub starten, beginnt für die 250 Mitarbeiter in den weltweit 16 ADAC-Auslands-Notrufstationen ein harter Job. Denn die Fallzahlen steigen; um mehr als acht Prozent im vergangenen Jahr. Dank der Konjunktur verreisen die Deutschen wieder mehr, außerdem werden die Reisenden älter und es gibt mehr Aktivurlauber, Sportunfälle gehen da inklusive.

Allein die Hilfezentrale in Lyon hat im vergangenen Jahr mehr als 90 000 Notrufe von verunglückten, erkrankten oder verzweifelten Urlaubern angenommen – und mit Abschleppdiensten, Mietwagen, Ärzten, Hotels und Werkstätten geholfen. Manchmal ist das Helfen kompliziert, besonders in Frankreich, wo es keinen großen Automobilclub gibt, es mit Werkstattterminen und Ersatzteilen für deutsche Autos Wochen dauern kann. Dazu gelten französische Autobahnen als Privatgelände, auf denen nicht jedes Unternehmen abschleppen darf. In Lyon haben sich deshalb die Automobilclubs der Niederlande, von Großbritannien und Deutschland zur Acta zusammengeschlossen. So können die Teams gemeinsam das Gebäude und ihre Datenbanken nutzen, außerdem günstige Verträge mit Werkstätten und Mietwagenfirmen verhandeln. Mit im Boot: die Herstellerteams von VW und Audi, die von hier aus den Garantieservice für ihre Neuwagenkunden bieten.

In der Hochsaison sitzen in dem Lyoner Großraumbüro mit der spektakulären Aussicht 50 ADAC-Mitarbeiter mit Headset am Rechner, telefonieren, recherchieren und organisieren. Deutsche, englische, französische Wortfetzen dringen über die Tische. Meist geht es um kleine Pannen, aber auch um Schlaganfälle, Herz-Kreislauf- und Magen-Darm- Erkrankungen, die den Urlaubern zum Verhängnis werden.

Nicht selten gibt's den „Badehosenfall“, berichtet Walter Holzhammer, Chef der ADAC-Schadensregulierung: „Urlauber sehen unterwegs eine tolle Badestelle, springen ins Wasser. Wenn sie herauskommen, sind Auto, Papiere, Geld und Garderobe weg. Dann beschaffen wir etwas zum Anziehen, Bares und eine Übernachtung.“

Dramatisch zugenommen haben auch Technikpannen. Die Kunst der Ingenieure und mehr Elektronik in den Fahrzeugen haben die Kehrseite, dass Defekte oft schwieriger zu diagnostizieren und zu flicken sind als früher. Die Analyse der Fehler ist im Ausland mitunter schwierig.

Auf der Autobahn helfen da die gelben Engel mit ihren Diagnosegeräten. Die Straßenwachtfahrer bringen sich rechtzeitig zur Feriensaison an berüchtigten Stellen in Position. „Wir wissen, wo die Rennstrecken sind und wo die meisten Einschlafunfälle passieren“, sagt Holzhammer. Was zynisch klingt, resultiert aus jahrzehntelanger Erfahrung: „An manchen Wochenenden können wir schon fast vorhersagen, wie viele Krankenhausbetten wir benötigen.“ Deshalb mahnt der Automobilclub regelmäßig ausreichende Pausen für Langstreckenfahrer an. „Wenn einer 2000 Kilometer durchfahren will, geht das häufig schief“, sagt Holzhammer.

Wen es im Urlaub erwischt hat, der will sich am liebsten zu Hause auskurieren, betreut von Ärzten, die seine Muttersprache sprechen. Auch der Krankenrücktransport gehört deshalb zum Kerngeschäft des Automobilclubs. Die meisten Patienten hatten im vergangenen Jahr eher kurze Wege, sie wurden aus Österreich, Spanien, Italien und der Türkei nach Hause geholt, 1700 davon mit den Ambulanzflugzeugen des ADAC.

Wer häufig und dazu viel mit dem Auto reist, sollte jedoch das Kleingedruckte gründlich lesen. Den Krankenrücktransport deckt nur die ADAC-Plus-Mitgliedschaft ab. Der Auslandskrankenschutz muss zusätzlich abgeschlossen werden. Theoretisch müsste eine normale gesetzliche Krankenversicherung zwar ausreichen; denn wer im europäischen Ausland krank wird, bekommt die Behandlungskosten durch seine Kasse erstattet. So steht's in einer EU-Verordnung aus dem Jahr 1971. In der Praxis klappt das jedoch häufig nicht; entweder akzeptieren Kliniken die Europäische Versicherungskarte nicht, oder sie fordern hohe Vorauszahlungen. So können Unfälle oder Erkrankungen im Ausland schnell zum finanziellen Debakel werden. Die Plus-Mitgliedschaft enthält übrigens auch einen Haustier-Rückholservice. Das kam auch Audrey Silvestres niedlichstem Kunden zugute: einem Nilpferd-Baby, dessen Zirkuswagen mit einer Panne liegengeblieben war.

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