Auto : Alfa Rosteo

Wenn bloß die Korrosion nicht gewesen wäre: Mit seiner Fahrdynamik düpierte der Alfasud in den Siebzigern Kadett und Escort.

Giugiaro kompakt. Das italienische Design machte so manchen an – umso abtörnender waren die schnell auftretenden Probleme mit dem russischen Stahl, den Alfa einsetzte. Foto: sppr
Giugiaro kompakt. Das italienische Design machte so manchen an – umso abtörnender waren die schnell auftretenden Probleme mit dem...

Er sah nett aus, war für seine Zeit ausgesprochen fahraktiv und enttäuschte gleichzeitig mit miserabler Qualität: Vor 40 Jahren zählte der Alfasud zu den Pionieren der modernen Kompaktklasse mit Vorderradantrieb und Schrägheck. Ins kollektive Gedächtnis der Generation Golf brannte sich der kleine Italiener jedoch vor allem als tragischer Held, der schon im Schauraum die rostigen Spuren schlechter Stahlqualität präsentierte.

Dabei setzte der erste gänzlich neue Alfa Romeo seit dem Typ 1900 aus dem Jahr 1950 mit seinem großen Raumangebot und den modernen Boxermotoren Maßstäbe in der unteren Mittelklasse – ähnlich wie es anschließend dem variablen Golf gelang. Zum genialen Wurf wurde der Alfasud aber erst durch das Design von Giorgetto Giugiaro, der kurz zuvor sein Atelier Italdesign gegründet hatte. Die zeitlos gefälligen Schräghecklinien der 3,89 Meter kurzen Limousine und die scharfkantigen Konturen des Coupés Sprint bescherten Giugiaro große Lorbeeren. Ähnlich gewaltig wie die Produktionsumstellung, die Volkswagen beim Wechsel vom Käfer auf den Golf bewältigen musste, wirkte auf den Staatskonzern Alfa Romeo die Auflage der Regierung, für den Alfasud ein eigenständiges, neues Werk zu errichten. Gedacht war es als wirtschaftliches Förderprogramm für den strukturschwachen Süden des Landes. In nur anderthalb Jahren wurden in Pomigliano d’Arco bei Neapel neue Produktionsanlagen erbaut. Skeptisch betrachtete Alfa Nord die Perspektiven einer formal unabhängigen Alfasud S.p.A. und die geplanten großen Produktionsvolumina für das neue Werk neben der alten Flugmotoren-Fabrik.

Vielleicht lag es auch daran, dass viele der neu einzustellenden Arbeiter erst geschult werden mussten. Eine nicht unberechtigte Skepsis, wie sich rasch zeigen sollte. Mit fast wöchentlichen Streikmeldungen, insgesamt über 700, stand das Werk in den Schlagzeilen. Überdies galt die kontinuierliche Abwesenheitsquote von etwa 20 Prozent der Mitarbeiter als unrühmlicher Europarekord, bei einem Fußballspiel der Nationalmannschaft sollen sogar 40 Prozent gefehlt haben.

Damit noch nicht genug der Negativmeldungen. Korrosionskummer hatten in den 1970er Jahren fast alle Hersteller, besonders wenn der Stahl wie bei Alfa Romeo aus russischen Werken stammte, die westeuropäischen Schrott recycelten. So arg wie die Italiener traf es aber wahrscheinlich keine zweite Marke. Erst im Zuge eines umfassenden Facelifts zum Modelljahr 1981 wurde endlich vieles besser, da jedoch hatte die Marke bereits den Imageschaden weg. „Alfa Rosteo“ oder „Rostet schon im Prospekt“, lästerten Presse und Publikum.

Dabei fuhren Alfasud und Alfasud Sprint als Neuwagen in Vergleichstests den meisten Wettbewerbern davon. Besonders am Anfang seiner insgesamt 17 Jahre währenden Karriere distanzierte der geräumige und fahrdynamisch überlegene Alfasud in den Eigenschaftswertungen konservative Konkurrenten wie Opel Kadett und Ford Escort. Tatsächlich liebten viele Kompaktklasse-Käufer den italienischen Temperamentsbolzen mit den soundstarken und zunächst maximal 46 kW/63 PS freisetzenden Boxermotoren so leidenschaftlich, dass sie seine Defizite hinnahmen. Dazu zählte neben den Qualitätsmängeln auch das Fehlen einer praktischen Heckklappe.

Zwar konnten der 1975 eingeführte zweitürige Kombi Giardinetta und das ein Jahr später folgende Coupé Sprint mit dieser mittlerweile im Wettbewerbsumfeld verbreiteten Ladeluke aufwarten, die Alfasud-Limousinen erhielten die hintere Tür jedoch erst im reifen Alter von neun Produktionsjahren. Zeitgleich spendierte Alfa Romeo seinem Kleinsten eine Leistungskur mit erweiterter Motorenpalette, die nun von 55 kW/75 PS bis 77 kW/105 PS reichte.

Müßig alle Spekulationen, wie sehr die langanhaltende Pech- und Pannenserie der Karriere des Alfasud schadete. An die Stückzahlen des kleinen Neapolitaners konnte jedenfalls kein Nachfolger anknüpfen und die Fans feierten den Fronttriebler mit den als das mit über eine Million Einheiten erfolgreichstes Modell der Marke mit dem Cuore Sportivo. tmn

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