Alfa : Sommer, Sonne, Spider

Manchmal sieht man noch einen: Wir erinnern uns, wie alles begann mit dem offenen Alfa.

Florian Sanktjohanser
Formidabel. Gezeichnet hat ihn hier Pininfarina, der berühmte Auto-Designer. Später wurde die puristische Linie mit einem Kunststoff-Spoiler verunstaltet.
Formidabel. Gezeichnet hat ihn hier Pininfarina, der berühmte Auto-Designer. Später wurde die puristische Linie mit einem...Foto: dpa-tmn

Ein junger Mann rast im roten Sportwagen seiner großen Liebe hinterher – über die Golden Gate Bridge. Dazu singen Simon and Garfunkel von „Mrs. Robinson“. Besser kann man das große Cabrio-Freiheitsgefühl kaum in Szene setzen. Und so wurden mit dem Kinoklassiker „Die Reifeprüfung“ beide zum Weltstar, der junge Mann alias Dustin Hoffman und der Sportwagen: der Alfa Romeo Spider. Heute ist der längst eine Legende. Das Basismodell lief 27 Jahre lang vom Band. Und das afrikanische Land Liberia hat ihn sogar auf eine Briefmarke gedruckt.

Doch als der Spider am 10. März 1966 auf dem Genfer Autosalon enthüllt wurde, war die Begeisterung noch nicht so groß. Einige Alfisti waren vielmehr geschockt. Zu modern erschien ihnen die Form, das lang und rund auslaufende Heck war vielen zu weiblich. Einige Tester erklärten den Spider flugs zum Frauenauto. Und das US-Magazin „Autocar“ mokierte sich über das „bizarre Styling“.

Dabei verlieh ein Großmeister unter den Autodesignern dem Spider seine Form: Battista Pininfarina, dessen Karosserieschmiede auch manchen Ferrari und Jaguar entwarf. Sein klangvoller Name adelte den Spider zwar. Doch er hielt die Arbeiter der Alfa-Romeo-Werke in Arese nicht davon ab, dem Wagen einen wenig schmeichelhaften Spitznamen zu verpassen: Osso di Sepia, Tintenfisch-Knochen. Damit machten sie sich über die ungewöhnliche Form seines Hecks lustig.

Die Werber von Alfa Romeo mussten schnell reagieren, denn selbst Händler boten den neuen Spider unter dem Schmähnamen an. Und in Deutschland hatte man den meist rot lackierten Sportwagen „Gummiboot“ getauft. Also rief Alfa die Autofans auf, dem Tintenfisch-Knochen einen neuen Namen zu geben, zu gewinnen gab es einen Spider. Die Entscheidung fiel letztlich zugunsten von Duetto – schließlich hatte der Spider zwei Sitzplätze und auch zwei Nockenwellen. Durchsetzen konnte sich der Name aber nie. In Deutschland wurde das Auto als Alfa Romeo 1600 Spider verkauft.

Dass sich der Spider bald ordentlich verkaufte, lag aber eher an seinen inneren Werten. Für 12 990 Mark bekamen deutsche Käufer einen Sportwagen mit damals seltenem Fünfgang-Getriebe, Scheibenbremsen und einem Motor mit 1,6 Liter Hubraum und 109 PS, der den Spider auf bis zu 185 Stundenkilometer beschleunigte. Auf Tempo 100 sprintete er aus dem Stand in weniger als elf Sekunden.

Die Kritik an den Rundungen des Spider zeigte bald Wirkung. Schon 1969 machte Alfa Romeo den großen Schnitt. Der neue Fastback-Spider sah aus, als sei ihm das Rundheck mit dem Messer abgetrennt worden. Die kompakte Form wirkte nicht nur moderner, sie sollte auch die Aerodynamik verbessern. Außerdem ließ sich damit besser das Heck beim Einparken überblicken. Im Gegensatz zum Duetto der ersten Generation war der Fastback-Spider für vier Personen zugelassen. Gerne zwängte sich aber wohl niemand auf die hinteren Notsitze. Der Fastback wurde bis in die 80er Jahre weitgehend unverändert gebaut. Er überstand die Cabrio-Krise der 70er und ist auch heute noch der meistgefahrene alte Spider.

Mit dem 2000er war jedoch der Höhepunkt der Spider-Herrlichkeit erreicht. 1983 begann der lange Epilog, als Alfa Romeo auf dem Genfer Autosalon eine weitere Überarbeitung vorstellte: Fans und Fachpresse reagierten entsetzt auf den prolligen Kunststoff-Spoiler am Heck. Da der Spoiler-Spider vor allem in die USA geliefert wurde, hatten ihn seine italienischen Schöpfer außerdem an die strengen US-Sicherheitsregeln angepasst – und damit „kaputtreguliert“, urteilt Lucas Cellini, Autor eines Spider-Sachbuchs. Manche Besitzer montierten den Spoiler kurzerhand ab, um die klassische Fastback-Heckform freizulegen.

Mitte 1993 endete die Ära der klassischen Spider-Modelle endgültig, als der letzte Wagen mit Fastback-Form und Heckantrieb ausgeliefert wurde. Sein Nachfolger hatte außer dem Namen nicht mehr viel mit der Legende gemein.

In diesem Jahr feiert Alfa 100. Geburtstag. Doch seit sie 1986 von Fiat geschluckt wurde, ist ein Teil des Flairs verflogen. Im Frühjahr präsentierte man nun eine Studie, die nicht nur Alfisti schmachten ließ. Der „2uettottanta“ spielt in seinem Namen sowohl auf den Duetto an als auch auf das Firmenjubiläum von Pininfarina. Die Firma wird dieses Jahr 80, auf Italienisch ottanta. Kritiker schwärmen von den sanft geschwungenen Linien des Sportwagens. Der Turbomotor mit 1750 Kubikzentimetern Hubraum erinnert an den 1750 Veloce aus den späten 60er Jahren.

Unklar ist, ob und wann eine Serienversion der Studie auf die Straßen kommt. Zumindest bis dahin bleibt für viele Alfisti der wahre Spider jener, mit dem einst ein junger Mann in Kalifornien seiner großen Liebe hinterherraste. dpa

Mehr im „Neuen großen Alfa Spider-Buch“ von Lucas Cellini. Heel Verlag. 223 Seiten. 19,95 Euro. ISBN: 3898805409.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben