Auto : Alles Müller oder was?

Der Astra ist eins der wichtigsten Autos in Deutschland. Ende des Jahres kommt der Neue. Wir sehen uns einen Prototypen an – zusammen mit dem Designer

Eric Metzler

Bitte nicht. Bitte, liebe Kollegen der Autoblätter: Erspart uns und Uwe Müller dieses Mal die üblichen Fragen in den üblichen Schlagzeilen. Kommt hier die neue Nummer eins? Überholt er endlich den Golf? Immer, wenn Opel eine neue Generation seiner Kompaktklasse vorstellt, wird die Geschichte zum Kampf um die Pole Position der Bestsellerliste hochstilisiert. Was für ein Quatsch. Geht es um die Verkäufe, gibt es kein Duell auf Augenhöhe. Der Golf ist die Nummer eins und das mit riesigem Abstand. Das ist so und das bleibt so. Da kann der neue Astra bieten, was er will. Eines der spannendsten Autos hierzulande wird er gleichwohl. Drei Monate vor der offiziellen Vorstellung auf der IAA in Frankfurt haben wir uns ein stehendes, handmontiertes Einzelexemplar angeschaut – zusammen mit dem verantwortlichen Designer.

Der erste Eindruck: Alle Achtung, Herr Müller. Opel will es wissen. Wie beim Insignia. Das ist kein weichgespülter Entwurf. Das ist die logische Folge einer neuen Haltung. Längst nicht mehr bieder. Dafür ziemlich sportlich. Geduckt. Gestreckt. Und wie! Der Radstand ist um 7 Zentimeter gewachsen. Innerhalb einer Modellgeschichte ist das kein Schritt, sondern ein Sprung. Der Grill ist flach gezeichnet, passend dazu die aggressiven Leuchten, geschwungene Keile, nach hinten weit in die Kotflügel gezogen. Uwe Müller spricht von einem „Adlerblick“ und gestikuliert dabei einen Pfeil in die Luft. Dann widmet er sich der Seitenpartie. Setzt die Hand an, wo die Frontleuchte aufhört, streicht unter chromumrandeten Fenstern entlang bis an deren Ende, umfährt das Glas, jetzt von hinten nach vorne parallel zur Dachkante, um schließlich wieder vorne zu landen, da, wo die extrem flach stehende Scheibe in die Haube übergeht. Genüsslich spannt der Mann mit der schwarzen Hornbrille diesen Bogen. Stolz aufs Design. Sein Design. Die durchgehende Seitenlinie soll den Astra von allen anderen unterscheiden. Auch vom Golf. Der hat auch keine Sichel, wie sie die Türen des Astra prägen. Eine scharfe, unübersehbare Markierung, an den man sich gewöhnen muss, gewöhnen sollte. Denn dieser Winkel ist dabei, den Blitz als Markenzeichen abzulösen. Bislang schmückt die Sicke nur den Insignia. Bei dem sprach Opel von einem „wing“, einem Flügel. Jetzt sagen sie zum selben Ding-wing Sichel, denn bei aller Ähnlichkeit soll der Astra nicht als kleine Kopie, als kleiner Bruder des großen Insignia verharmlost werden.

Jedenfalls nicht nur. Im Grunde gibt es in Rüsselsheim derzeit kein schöneres Wort als Insignia. Uwe Müller verwendet es in seiner Präsentation mehr als dreißig Mal. Die Botschaft ist eindeutig: Der Insignia ist ein tolles Auto, er verkauft sich toll (mit 170 000 Bestellungen in Europa übertrifft er tatsächlich alle Erwartungen) und er hat einen tollen Hersteller. Und nun, „nun bringen wir die tolle Verarbeitungsqualität und die technischen Highlights aus dem Insignia in den Astra“: Die automatische Schildererkennung (Opel Eye), das in drei Stufen verstellbare Fahrwerk (Flex Ride) und den orthopädischen Fahrersitz. Dass diese Schmankerl nur optional zu haben sind, versteht sich. Entscheidend ist: Man kann es, man hat es. Und bringt damit Luxus in die Kompaktklasse, den so nicht mal der Golf hat.

Zu sehen und zu fühlen ist die direkte Verwandtschaft zwischen neuem Astra und neuem Insignia im Inneren. Wer schon einen Astra besitzt und daran denkt, auch den Neuen zu kaufen, darf sich auf Einiges gefasst machen. Alles, was man anfassen kann, wird wertiger. Die Materialqualität ist ebenso herausragend wie im Golf VI; Opels Anordnung und Gestaltung gefallen uns aber noch besser. Schalter und Lenkrad haben Müllers Mannen eins zu eins aus dem Insignia übernommen. Das spart dem Hersteller Geld, gibt dem Kunden aber das Gefühl, eine Klasse höher unterwegs zu sein. Auch adaptiert der Astra das Prinzip des Anschmiegens. Der Armaturenträger ist um den Fahrer herumgezogen, alles ist leicht erreichbar. Fotografiert man diese Szenerie mit Weitwinkel, wirkt das Ganze wie der Arbeitsplatz eines raumfliegenden Commanders. Vorne sitzt es sich bestens, hinten registriert man dankend die hinzu gewonnene Länge. Die Kopffreiheit ist besser als im Insignia-Stufenheck, weil das Dach des Astra nicht so früh so steil abfällt. Unpraktisch ist die hohe Ladekante des Kofferraums. Was sich beim Beladen drinnen abspielen wird, ob Opel hier Innovatives anbieten kann, das müssen wir vertagen: Die finale Gestaltung des Laderaums war bei dem von uns gesehenen Prototypen noch nicht an Bord.

Ansonsten aber steht alles fest – auch am Heck. „Das hier war uns wichtig“, sagt Uwe Müller, „weiche Formen verbinden sich mit scharfen, präzisen Kanten“. In der Tat, eigentlich ein rundlicher Abschluss. Aber er wirkt nicht pummelig oder behäbig. Vor allem der sauber integrierte Minispoiler und die geteilten, sehr grafischen Heckleuchten würzen das Bild. Auffällig ist das einmodellierte Logo oberhalb des Griffes; eines der Details, die Müllers Liebe zu selbigen verraten. Aber für uns zählt die Gesamtwertung.

Also? Unterm Strich finden wir Müllers Werk einen Tick gelungener als die Arbeit des Kollegen Malcom Ward. Bei dessen Insignia fallen Front und Heck gestalterisch irgendwie auseinander. Uwe Müller nickt nicht. Aber er lächelt. Verlegen. Reicht, wenn sich das Auto produziert.

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