Abschlussbilanz der Aktion Autotausch 2015 : Elektrisch fahren macht einfach Spaß!

Das Verbrennerauto gegen ein Elektroauto tauschen? Hundert Teilnehmer haben es ausprobiert und ziehen Bilanz.

Janine Ziemann
Elektromobilität zum Ausprobieren: Im Rahmen der Aktion Autotausch durften hundert Teilnehmer jeweils zwei Wochen lang elektrisch fahren.
Elektromobilität zum Ausprobieren: Im Rahmen der Aktion Autotausch durften hundert Teilnehmer jeweils zwei Wochen lang elektrisch...Foto: eMO

Elektromobilität - das ist für die meisten Menschen ein durchaus positiver, aber abstrakter Begriff. Die Gründe dafür sind schnell genannt: E-Autos sind recht teuer, die Reichweite der Fahrzeuge zu gering und eine flächendeckende Ladeinfrastruktur noch Zukunftsmusik. Der Großteil der neu zugelassenen Elektrofahrzeuge - immerhin rund 8000 in Deutschland im vergangenen Jahr, entfällt auf Firmenkunden. Hier sollte das Projekt Autotausch 2015 ansetzen, das von der Berliner Agentur für Elektromobilität (eMO) ins Leben gerufen und zusammen mit dem Tagesspiegel und radioeins durchgeführt wurde. Ein Aufruf wurde gestartet und hundert Teilnehmer ausgelost, die jeweils zwei Wochen lang ihr Verbrennerauto gegen ein Elektroauto tauschen durften. Nach fünf Monaten zogen die Veranstalter und Teilnehmer Ende vergangener Woche auf der Abschlussveranstaltung Bilanz.

Die Neugier war groß

Aktuell stehen in Berlin-Brandenburg 650 öffentlich zugängliche Ladepunkte zur Verfügung, darunter jedoch nur eine handvoll Schnellladestationen innerhalb des Stadtgebiets. Bei derzeit rund 2000 Elektrofahrzeugen in Berlin-Brandenburg sind die innerstädtischen Zapfsäulen häufig belegt. Für Berufspendler, die keine eigene Lademöglichkeit zuhause haben, ist das Stromern daher kaum eine Alternative. Dass es hier großen Nachholbedarf gibt, war natürlich allen Beteiligten vorher bekannt. Doch wie fährt sich eigentlich so ein Elektroauto? Wie macht er sich im Alltag? Und worin liegen - abgesehen vom Tankprozedere - die größten Unterschiede zum Verbrennungsmotor? Das sollten die Teilnehmer selbst herausfinden. So lautete auch das Motto: „eMobilität zum Ausprobieren“.

Berlin elektrisiert: Mit dem BMW i3 war unter anderem Autotausch-Kandidat Gerd Appenzeller, früherer Herausgeber des Tagessspiegels und heutiger Berater der Chefredaktion, zwei Wochen lang in der Hauptstadt unterwegs.
Berlin elektrisiert: Mit dem BMW i3 war unter anderem Autotausch-Kandidat Gerd Appenzeller, früherer Herausgeber des...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Interesse war groß: Rund 2000 Bewerbungen gingen bis Ende Mai ein. Auch die verteilten Gutscheine für Probefahrten - zur Weitergabe im Bekanntenkreis - wurden umfassend genutzt. Allein bei Riller & Schnauck haben sich 80 Interessenten für Probefahrten mit dem BMW i3 angemeldet. An Neugier und Aufgeschlossenheit mangelt es in der Bevölkerung also nicht.

Am 1. Juni fiel der Startschuss für die ersten zehn Kandidaten, die in der Tiefgarage der Potsdamer Platz Arkaden ihr E-Auto in Empfang nahmen – darunter die Modelle BMW i3, Nissan Leaf, Renault Zoe, Smart fortwo ed, VW eGolf und e-Up oder Mitsubishi Outlander Plug-in-Hybrid. Beim Probesitzen rollten ein, zwei Autos ein kleines Stückchen nach vorne - unbeabsichtigt (Oh, der ist ja schon an - man hört ja gar nichts!) Kaum ein Teilnehmer saß vorher schon einmal in einem Elektrofahrzeug.

Die Spritzigkeit der Elektroautos sorgte für Überraschung - und einige Knöllchen

Nach der Einweisung, ein paar Erläuterungen an der Ladesäule und einer Probefahrt durften die Autotausch-Kandidaten ihr Gefährt nach Hause kutschieren und zwei Wochen lang auf Herz und Nieren prüfen. Während der fünf Monate Laufzeit kamen bei den hundert Teilnehmern mit 12 Elektrofahrzeugen insgesamt 49.669 Kilometer zusammen. Dabei wurden 5979 kW/h Grünstrom gezapft - das entspricht einer Ladezeit von 700 Stunden. Nur einen kleinen Unfall gab es während der ganzen Zeit, dabei kam aber zum Glück nur Blech zu Schaden. Auffällig war eine beachtliche Zahl an Strafzetteln für Geschwindigkeitsübertretungen. Offensichtlich verleiteten die E-Autos zu schnellen Sprints. Zumindest wenn man den erhöhten Stromverbrauch nicht aus eigener Tasche zahlen muss, denn das „Tanken“ war im Zuge der Aktion gratis.

Unter den Tauschwilligen waren nicht nur Privatpersonen, sondern auch Prominente und Mitarbeiter des eMO Partnernetzwerks wie Robert Skuppin von radioeins, Stefan Fürstner vom 1. FC Union, die Comedian Gayle Tufts oder Mihat Demirel von Alba Berlin. Auch Chefredakteur Lorenz Maroldt und drei weitere Kollegen aus der Tagesspiegel-Redaktion nahmen teil.

Robert Skuppin, Programmchef von radioeins, bei der Übergabe seines VW eGolfs.
Robert Skuppin, Programmchef von radioeins, bei der Übergabe seines VW eGolfs.Foto: eMO

Bei aller Kritik an Reichweite und Kosten waren die übrigen Reaktionen sehr positiv. Viele waren der Spritzigkeit des elektrischen Drehmoments überrascht. Einhellig lautete die Meinung: Elektroautos machen einfach Spaß. „Rechts drängelt sich aggressiv ein Cayenne am unscheinbaren, etwas behäbig wirkenden Nissan auf die Pole-Position vor. Noch ist Rot. Jetzt Gelb (mit dem Daumen am Lenkrad mal eben den Eco-Modus ausgeschaltet), Grün… und weg isser (der Porsche)" - so beschrieb Maroldt das Gefühl, einen Sportwagen an der Ampel alt aussehen zu lassen. Auch Andreas Keßler, Autopapst von radioeins, meint, dass „die Dinger hervorragend fahren und Beschleunigungswerte liefern, mit denen man fast die Erdkrümmung verlässt.“ Wen verwundern da schon ein paar Knöllchen.

Zum Fahrspaß trägt aber nicht nur die Beschleunigung, sondern auch die Ruhe bei, mit der Elektroautos durch den Verkehr rollen. „Es ist ein majestätisches Gefühl, damit an all den Menschenmassen vorbeizusurren, die Blicke sind unbezahlbar“, meint Teilnehmer Marcus Buschbeck. Und Petra Schulz mit ihrem Ranault Zoe sinniert: „Wenn mehr Menschen so ein Auto fahren würden, könnte ich an meiner Straße wesentlich entspannter wohnen.“

"Ich werde ihn vermissen"

Natürlich braucht man fürs Stromern ein wenig Eingewöhnungszeit. Nicht nur das Fahren nach Akkustand, auch das Laden sei gewöhnungsbedürftig, so das Feedback. Mit Tankstellen ist man aufgewachsen. Niemand hinterfragt, ob es wirklich zukunftsträchtig ist, mit hochbrennbaren Flüssigkeiten zu hantieren, dann in ein Häuschen zu laufen, sich an eine Kasse anzustellen und bei einem Angestellten die Rechnung zu begleichen. Dagegen scheint das "Tanken" an einer Steckdose doch wesentlich einfacher zu sein (und sehr bequem, sollte die Ladezeit in Zukunft spürbar verkürzt werden können). Aber der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier. eMO-Chef Gernot Lobenberg kennt die psychologischen Hemmnisse, die sich bei Neulingen zeigen - vor allem in Bezug auf den Akkustand. Doch er weiß auch: "Mit der Nutzungsdauer geht die Angst zurück, nicht genügend Reichweite zu haben."

Tatsächlich haben sich die meisten Teilnehmer schnell an die neuen Umstände gewöhnt. Und obendrein wurden sie mit einem guten Gewissen in Sachen Ökobilanz belohnt - welcher Autofahrer kennt das schon? „Wer defensiv und vorausschauend fährt, wer vor roten Ampeln früh vom Gaspedal geht und mit der Rollenergie die Batterie auflädt, der wird auf dem Display mit einem emporwachsenden Baum belohnt. Gutes Gefühl, wenn man erstmalig eine ganze Tanne mit voller Spitze geschafft hat", meint Tagesspiegel-Redakteur Gerd Nowakowski, der von seinem pädagogischen Nissan Leaf überrascht war.

Letztendlich ist nun die Politik gefragt, um die Rahmenbedingungen zu verbessern und klare Signale pro Elektromobilität zu setzen. Denn vielen Autotausch-Kandidaten ging es ähnlich wie Gerd Appenzeller, Berater der Tagesspiegel-Chefredaktion. Er würde sich sofort ein Elektroauto anschaffen, wenn die Sache mit dem hohen Preis und der Reichweite nicht wäre. „Ich werde ihn vermissen. Und meiner Frau wird er auch fehlen, der gar nicht so kleine, unglaublich wendige, spurtschnelle Elektroflitzer..."

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