Aktion Autotausch: Elektromobilität erleben : Zehn Tage unter Strom

Spandaus Bürgermeister Helmut Kleebank und radioeins-Moderatorin Sonja Koppitz tauschen im Rahmen der Aktion Autotausch zehn Tage lang ihre Verbrennerautos gegen Elektrofahrzeuge - und machen überraschende Erfahrungen beim Stromern.

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Sonja Koppitz und Helmut Kleebank beim ersten Mal Strom zapfen: Bevor es losgeht, bekommen alle Teilnehmer der Aktion Autotausch eine Einweisung zum Fahrzeug und den Zapfanlagen. Foto: radioeins/R. Schuster
Sonja Koppitz und Helmut Kleebank beim ersten Mal Strom zapfen: Bevor es losgeht, bekommen alle Teilnehmer der Aktion Autotausch...Foto: radioeins/R. Schuster

Ungeladene Gäste: Gleich der erste Versuch, sein neues Elektroauto an einer Ladestation „aufzutanken“, schlug fehl, so Helmut Kleebank: „Das Auto hat sechs Stationen in der Umgebung angezeigt, aber alle waren besetzt – von Carsharing-Autos.“ Der SPD-Politiker und Bürgermeister von Spandau sieht’s gelassen: „Eigentlich ist das ja ein gutes Zeichen dafür, dass es immer mehr Elektroautos auf der Straße gibt.“

Das Interesse an Elektroautos steigt

Insgesamt ist Kleebank aber ganz angetan vom BMW i3, den er als einer von insgesamt 100 Teilnehmern der Aktion „Autotausch“ zehn Tage lang fahren darf. Bei der gemeinsamen Initiative der Berliner Agentur für Elektromobilität, dem Tagesspiegel und radioeins tauschen Prominente und normale Bürger für diesen Zeitraum ihren Benziner gegen ein Elektroauto, darunter so verschiedene Modelle wie den VW eGolf, den Renault Twizzy, den Nissan Leaf oder die elektrische B-Klasse von Daimler.

Rund 1700 Personen bewarben sich bei der Aktion, die von Juni bis Oktober läuft. Unter den Teilnehmern sind auch viele radioeins-Moderatoren wie Robert Skuppin oder Volker Wieprecht. „Ich wollte es einfach mal ausprobieren“, sagt Kleebank über seine Motivation. „Außerdem will ich das Projekt unterstützen, da ich überzeugt bin, dass wir von fossilen Treibstoffen wegkommen müssen.“

Die glücklichen Autotausch-Kandidaten Helmut Kleebank und Sonja Koppitz vor der ersten Testfahrt. Die Berliner Agentur für Elektromobilität eMo möchte mit der Aktion die Öffentlichkeit für das Thema Elektrofahrzeuge sensibilisieren. Fotos: radioeins/R. Schuster
Die glücklichen Autotausch-Kandidaten Helmut Kleebank und Sonja Koppitz vor der ersten Testfahrt. Die Berliner Agentur für...Fotos: radioeins/R. Schuster

Damit ist er nicht der einzige: Derzeit summen laut Kraftfahrt-Bundesamt bereits rund 19.000 Elektroautos und über 107.700 Hybride über Deutschlands Straßen. Die Zahl der Neuzulassungen stiegt seit Jahren langsam aber stetig: In diesem Jahr wurden zwischen Januar und Juni bereits 4663 Elektroautos neu angemeldet, 2014 waren es im selben Zeitraum 4188.  

Auch Sonja Koppitz war neugierig aufs elektrische Fahren: Der radioeins-1-Moderatorin wurde ein Mitsubishi Outlander zugewiesen, ein kleiner „Stadtpanzer“, wie sie scherzhaft sagt. „Erst mal fragt man sich: Ist der wirklich an?“, sagt Koppitz. Der Mitsubishi ist zwar ein großer Geländewagen, macht beim Anlassen und Fahren aber gerade mal so viel Lärm wie ein Kühlschrank. „Ich war anfangs total verunsichert“, sagt die Moderatorin, die vor allem zwischen Steglitz und Potsdam unterwegs ist. „Man hört nur die anderen Autos um sich herum.“

"Man plant mehr voraus"

Mittlerweile schaltet sie die eingebaute „Geräuschquelle“ ein, durch die das Auto beim Fahren ein deutliches Summen von sich gibt – nicht für sie, sondern für Fußgänger und Radfahrer: „Man muss manchmal echt vorsichtig sein, da viele Passanten das Auto gar nicht hören.“  

Auch Kleebank musste sich erst mal umgewöhnen: Privat fährt er einen Kleinwagen, dienstlich Limousinen von BMW oder Mercedes. Bei der Beschleunigung ist der BMW i3 aber allen Benzinern überlegen: „Wenn man an der Ampel Gas gibt, lässt man alle anderen stehen, auch wenn’s ein Porsche ist“, sagt Kleebank. Was nicht heißt, dass man mit einem Elektroauto impulsiver fährt – im Gegenteil: „Das Fahrzeug erzieht einen regelrecht zu einem defensiven Fahrstil“, sagt Kleebank. „Aggressive Fahrweise führt zu Verlusten bei der Reichweite.“ Die liegt beim BMW i3 bei etwa 130 Kilometern – völlig ausreichend für Kleebank, der das Auto über Nacht einfach zu Hause auflädt.

Helmut Kleebank, Bürgermeister von Spandau, wurde bei der Aktion Autotausch ein BMW i3 zur Verfügung gestellt. Nach den ersten Fahrten stellt er überrascht fest: "An der Ampel lässt man jeden Porsche stehen." Foto: radioeins/R. Schuster
Helmut Kleebank, Bürgermeister von Spandau, wurde bei der Aktion Autotausch ein BMW i3 zur Verfügung gestellt. Nach den ersten...Foto: radioeins/R. Schuster

Anders der Mitsubishi: Dessen Batterie reicht nur für 45 Kilometer. „Das finde ich bei einem Geländewagen etwas widersprüchlich“, sagt Koppitz. „Wenn ich damit durch den Grand Canyon fahre, habe ich ja auch keine Ladesäule um die Ecke.“ Es ist zwar möglich, beim Outlander einen Zusatz-Benzinmotor einzuschalten, aber für Koppitz ist das inkonsequent: „Man hat das Gefühl, der Elektroantrieb ist hier nur eine zusätzliche Spielerei.“ Allerdings führe die geringe Reichweite des Wagens bei ihr zu einer höheren Wertschätzung für das Autofahren: „Man plant mehr voraus.“

Kleebanks vorläufiges Fazit fällt insgesamt positiv aus: „Als Privat-Fahrzeug für die Stadt ist ein Elektroauto für mich absolut vorstellbar und praktikabel - wenn man zu Hause eine Lademöglichkeit hat.“ Sich nur auf öffentliche Ladesäulen zu verlassen, reiche eben nicht aus, findet Kleebank nach seinem Erlebnis mit den besetzten Zapfsäulen. Dennoch: „Beim nächsten privaten Autowechsel wäre ein Elektroauto für mich definitiv eine Option“, so Kleebank.

Auch Koppitz kann sich – trotz aller Skepsis – beim nächsten Autokauf die Umstellung auf Strom vorstellen: „Wenn es nicht mehr so teuer ist und die Infrastruktur besser ausgebaut ist.“ Eine private Lademöglichkeit hat Koppitz zu Hause nämlich nicht. Dafür kann sie den Mitsubishi derzeit auf dem RBB-Gelände in Babelsberg aufladen – stilecht mit Solar-Energie.

 

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