Elektrisches Carsharing : Freifahrten fürs Laden

Die Politik wünscht sich Carsharing am besten rein elektrisch. Die Kunden ziehen mittlerweile mit. Nicht zuletzt dank Anreizen wie sie DriveNow eingeführt hat. Hier gibt es Freiminuten fürs Laden.

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Elektromobilität zum Mieten: Während car2go seine Elektroflotte aus "Altersgründen" abgeschafft hat, baut DriveNow sein Netz weiter aus. Der Carsharing-Anbieter Multicity setzt sogar ganz auf umweltfreundliche Stromer.
Elektromobilität zum Mieten: Während car2go seine Elektroflotte aus "Altersgründen" abgeschafft hat, baut DriveNow sein Netz...Foto: Hersteller

Eines Tages fiel den Analysten von DriveNow auf, dass einige Kunden ein merkwürdiges Verhalten an den Tag legten. Manche mieteten ein Auto, nur um damit zu einem anderen freien Fahrzeug zu kommen und umzusteigen. Andere schienen nachts regelrecht auf Jagd nach bestimmten Fahrzeugen zu gehen. Macht eigentlich wenig Sinn auf den ersten Blick. Schnell wurde jedoch klar, wonach sie suchten: die BMW-Modelle ActiveE - mit Elektroantrieb und vorzugsweise halbleerer Batterie. Wer sie zur Ladestation bringt, bekommt vom Anbieter Freiminuten gutgeschrieben.

Für DriveNow-Geschäftsführer Nico Gabriel sind das Anzeichen eines „Riesenerfolgs“. Die Kunden haben die E-Mobile offenbar akzeptiert, so mancher Nutzer machte gar ein Geschäftsmodell aus dem Ladevorgang. Daran will das Unternehmen jetzt anknüpfen. 40 BMW i3 mit Carbon-Karosserie verstärken seit kurzem die Berliner Flotte.

Jedes siebte Carsharing-Auto fährt in Berlin elektrisch

Beim Konkurrenten car2go löst die Nachricht eher Skepsis aus. „Wir sind aus unserer Erfahrung in Berlin zu der Erkenntnis gekommen, dass das Betreiben einer gemischten Flotte nicht so optimal ist“, sagt Geschäftsführer Thomas Beermann. 16 elektrisch betriebene Smarts hatte der Anbieter ursprünglich in seiner Berliner Flotte. Sie seien aber auch aus „Altersgründen“ herausgenommen worden, so Beermann. Derzeit fährt car2go ohne elektrische Teil-Flotte.

Berlins Carsharing-Angebot zählt trotzdem zu den größten und vielfältigsten in ganz Deutschland. Jeder Anbieter, der in Deutschland Fuß fassen möchte, versucht sich über kurz oder lang in der Hauptstadt. Etwa 3200 Fahrzeuge der verschiedensten Anbieter lassen sich in Berlin mieten. Davon fahren derzeit allerdings nur etwa 450 rein elektrisch.

Jagd auf den BMW ActiveE: Die Strategie von DriveNow, Elektromobilität durch Freuminuten zu fördern, geht auf. Viele Carsharing-Kunden suchen gezielt nach den Elektroautos, um sie zur Ladestation zu bringen.
Jagd auf den BMW ActiveE: Die Strategie von DriveNow, Elektromobilität durch Freuminuten zu fördern, geht auf. Viele...Foto: Hersteller

Von den drei großen Anbietern setzt lediglich die Citroën-Tochter Multicity auf eine rein strombetriebene Flotte. Wie bei DriveNow und car2go können die Fahrzeuge innerhalb des Geschäftsgebiets auf jedem öffentlichen Parkplatz abgestellt werden; es fallen keine zusätzlichen Gebühren für den Nutzer an. Seit kurzem kann man auch Elektro-Roller nach dem gleichen Prinzip mieten (siehe Seite 2). Da spart sich der Mieter sogar die Parkplatzsuche.

Von "heißen Zonen" und Lücken

Die dezentrale Struktur der Hauptstadt begünstigt das so genannte „free floating“-Modell, erklärt DriveNow-Chef Gabriel. „Man kann es als einen lebenden Organismus beschreiben“, so Gabriel. In manchen Innenstadtbezirken - die Analysten sprechen von „heißen Zonen“ - stehen die Fahrzeuge zu Stoßzeiten für weniger als fünf Minuten still. Da wird es in manchen Ecken für die Nutzer schwierig überhaupt ein Fahrzeug zu finden.

Für die Anbieter ist das existenziell. Jede Minute, in der das Auto ungenutzt herumsteht, bedeutet Verluste. Erst kürzlich kündigte car2go an, sein Geschäftsgebiet zu verkleinern. Drive Now macht keine Anstalten, die entstandene Lücke zu füllen. Man wolle wie immer die Nutzer abstimmen lassen, in welchem Stadtgebiet das Angebot ausgeweitet werden soll, so Gabriel.

Weitere 400 Ladestationen in Berlin geplant

Auch bei den weiß-pinken Stromern von Multicity läuft es offensichtlich nicht ganz so rosig, lässt Gabriel durchblicken. Häufig würden die Autos an Ladestationen abgestellt - und dann lange Zeit nicht mehr weg bewegt. „Die haben schlichtweg zu wenig Kunden“, sagt Gabriel genervt. 130 Ladesäulen gibt es in seinem Kerngeschäftsgebiet - offensichtlich nicht genug, um Konflikte zu vermeiden. „Die Verteilung der Ladestationen ist meiner Meinung nach nicht optimal“, so Gabriel. Vor allem in der Innenstadt drängt er auf die Installation von Schnell-Ladestationen.

Die Flotte das Carsharing-Anbieters Multicity setzt ganz auf Elektroautos. Die mietbaren Stromer leisten einen großen Beitrag zur Verbreitung und Akzeptanz der E-Mobilität in der Bevölkerung.
Die Flotte das Carsharing-Anbieters Multicity setzt ganz auf Elektroautos. Die mietbaren Stromer leisten einen großen Beitrag zur...Foto: Hersteller

Gernot Lobenberg von der Berliner Agentur für Elektromobilität hat da gute Nachrichten. Demnach gebe es rund 2000 elektrisch betriebene Fahrzeuge in der Region. Diesen stehen 500 öffentlich zugängliche Ladestationen gegenüber. „Das heißt, auf vier Fahrzeuge kommt ein Ladepunkt. Das ist schon eine sehr gute Relation“, findet Lobenberg. Bis Juni 2016 sollen sogar 400 weitere Ladepunkte dazukommen. Auch die gewünschten Schnell-Ladepunkte sind bereits in Planung: 27 gibt es heute schon, 40 weitere sollen dazu kommen.

Immer weniger Berührungsängste

Genau von solchen Maßnahmen wird es auch abhängen, ob und wann car2go mit einer rein elektrisch betriebenen Flotte auf den Berliner Markt zurückkehrt. Entsprechende Überlegungen gebe es, sagt Geschäftsführer Beermann. Aber: „Die Voraussetzungen müssen stimmen.“ Anreize wie freies Parken für E-Autos könnten dabei eine Rolle spielen. In anderen Städten wie zum Beispiel Stuttgart, wo car2go nur eSmarts auf die Straßen schickt, scheint es jedenfalls schon mal zu funktionieren.

Sechzehn elektrisch betriebene Smarts hatte car2go ursprünglich in seiner Berliner Flotte. Diese sind aber auch aus „Altersgründen“ herausgenommen worden, so Geschäftsführer Thomas Beermann.
Sechzehn elektrisch betriebene Smarts hatte car2go ursprünglich in seiner Berliner Flotte. Diese sind aber auch aus...Foto: Hersteller

In einer Sache sind sich die Experten und Geschäftsleute aber einig: Die mietbaren Stromer haben einen großen Beitrag zur Verbreitung und Akzeptanz der E-Mobilität in der Bevölkerung geleistet. „Die Erfahrung zeigt, dass die Öffnung gegenüber dem Thema sehr groß ist, wenn die Leute erst einmal mit einem E-Auto gefahren sind“, bestätigt Lobenberg. Die Berührungsängste unter den Carsharing-Kunden gehen zurück „Die Nähe zum Standort ist den Nutzern viel wichtiger als die Antriebsart“, so Lobenberg.

Ein Rest Unsicherheit bleibt

Noch ganz anders habe sich die Situation vor wenigen Jahren dargestellt, erinnert sich Gabriel an seine Zeit beim Autovermieter Sixt. Dort machten die Kunden aufgrund der geringen Reichweite einen großen Bogen um die Elektrofahrzeuge. Im Stadtverkehr legen die Kunden aber im Durchschnitt ohnehin nur zehn bis 14 Kilometer zurück; bis zu 70 Kilometer sind es am Tag. Nur jeden zweiten Tag müssen die E-Autos von Drive Now an die Steckdose.

Trotzdem bleibt bei vielen Nutzern ein Rest Unsicherheit. Wie weit man tatsächlich mit der Batterieladung kommt, hängt stark von der Fahrweise ab. Ein erfahrener E-Pilot kann meistens mehr herausholen als ein Anfänger. Hin und wieder sei es schon vorgekommen, dass sich ein Nutzer verschätzt oder die Batterieanzeige missverstanden habe, bestätigt Gabriel.

Ende März führte ein solches Missgeschick zu einer äußerst peinlichen Situation, wie dieser Tweet eines BVG-Mitarbeiters zeigt: „Aus der Reihe 'was die #BVG so aufhält' heute: ein liegengebliebenes E-Auto.“ In der Oranienburger Straße war ein E-Auto ausgerechnet mitten auf den Tramschienen liegen geblieben und musste von der Feuerwehr zur Seite geschafft werden. Ob das Fahrzeug zu einem Carsharing-Dienst gehörte, ist leider nicht überliefert.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

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