Mit dem Solar Tuk Tuk von Indien nach London : Eine Rikscha, high auf Sonnenlicht

Tuk Tuks waren bisher bekannt für drei Räder, Lärm und Benzingestank. Ein Inder und ein Österreicher wollen das Image des Gefährts umkrempeln und in einem solarbetriebenen Tuk Tuk von Bangalore nach London fahren.

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Selbst in Indien eine Besonderheit. Das Solar Tuk Tuk fährt im Gegensatz zu den gewöhnlichen auf Indiens Straßen nicht mit Diesel sondern rein elektrisch. Mit dieser Idee wollen Raoul Kopacka (o.r.) und Naveen Rabelli (o.l.) die halbe Welt umrunden.
Selbst in Indien eine Besonderheit. Das Solar Tuk Tuk fährt im Gegensatz zu den gewöhnlichen auf Indiens Straßen nicht mit Diesel...Foto: Raoul Kopacka

Raoul Kopacka hatte diesen Traum schon als kleiner Junge. „Ich bin eigentlich gar kein Autofan“, winkt er in einem Café im Westen Berlins ab, überschlägt die Beine und steckt sich eine Zigarette an. Die Idee eines Motorenfreaks sei das alles nicht. „Aber dieses freundliche Design, der urasiatische Charakter und die lange Geschichte des Fahrzeugs faszinieren mich. Ich wollte einfach unbedingt mal eine lange Reise mit so einem Tuk Tuk machen.“ Kopacka, ein 26-jähriger Grazer und Sohn einer sri-lankanischen Mutter, atmet Qualm aus und lässt seinen Traum langsam in die Luft aufsteigen. Einen Film wollte er drehen: mit dem Tuk Tuk, dieser dreirädrigen Taxirikscha aus Südasien, um die Welt. Oder so ähnlich.

Aber Kopacka, der als Dokumentarfilmer zuvor im Himalaya und in Indien unterwegs gewesen war, musste bei seiner Recherche schnell entdecken, dass er mit dieser Idee nicht der Erste war. Es gab sogar jemanden, der schon viel weiter dachte. Naveen Rabelli, ein Ingenieur und Tüftler aus dem zentralindischen Telangana, wollte auch einen Roadtrip machen. Aber nicht mit irgendeinem Tuk Tuk und auch nicht bloß irgendwohin. Das nötige Fahrzeug hatte er auch schon fast fertiggebaut, um seine große Mission anzutreten. Rekorde wollte er brechen, und es seiner Heimat richtig zeigen. „In Indien haben wir uns vor ein paar Monaten getroffen“, erzählt Raoul Kopacka zufrieden, „und entschlossen, die Reise gemeinsam anzutreten.“ Die Rollenaufteilung war klar: Rabelli ist für die Technik zuständig, Kopacka für die Dokumentation, um die Botschaft der Beiden später zu bekanntzumachen.

Im Solar-Tuk-Tuk von Bangalore nach London

Nun steht das Duo kurz vor der Abreise, und wenn alles klappt, werden sie bald ein kleines Stück Automobilgeschichte schreiben. In einem solarbetriebenen Tuk Tuk wollen sie rund 10 000 Kilometer zurücklegen. Von Indiens Wirtschaftsmetropole Bangalore bis nach London soll es gehen, in die entfernte Hauptstadt des einstigen britischen Imperiums, das auch mal über Indien herrschte. Selten hat ein Dreirad eine so lange Strecke zurückgelegt, und noch nie, wenn es nur durch Sonnenkraft angetrieben wurde. Die Beiden wollen damit den alten Kontinent erobern und zeigen: grüne Lösungen sind möglich. Sogar mit so einfachen Fahrzeugen wie dem Tuk Tuk.

Einzig die Anzeige für die Batterie rechts zeugt im Innern vom umweltfreundlichen Antrieb des Solar Tuk Tuk.
Einzig die Anzeige für die Batterie rechts zeugt im Innern vom umweltfreundlichen Antrieb des Solar Tuk Tuk.Foto: Raoul Kopacka

In einem Land wie Indien, wo mehr als eine Milliarde Menschen leben und es jede Minute mehr werden, wären solarbetriebene Tuk Tuks eine Neuerung von enormer Bedeutung. Schienenbetriebener Nahverkehr ist nicht üblich, alles spielt sich auf der Straße ab. Nach China und den USA stößt Indien derzeit am drittmeisten Schadstoffe weltweit aus. Ein Großteil ist den brummenden Motoren der zahllosen Tuk Tuks geschuldet, die rund um die Uhr über den Asphalt der indischen Städte sausen und unentwegt Wolken aus Kohlendioxid in die Luft blasen. Durch das seit Jahren hohe Wirtschaftswachstum im Land wird die Luftverschmutzung auch immer stärker.

Potenzial in Asien ist enorm

„Es sei denn, wir tun etwas dagegen“, sagt Naveen Rabelli am Telefon. Der 33-jährige hat einige Jahre für den führenden Elektroautobauer Mahindra Reva gearbeitet. Dann kündigte er, um sein eigenes Modell zu entwickeln. Das Tuk Tuk, das üblichste Fahrzeug in Indien, schien ihm in Hinblick auf Emissionsreduzierung am sinnvollsten. „Die Tuk Tuks werden ja nicht nur in Indien überall genutzt. In Thailand bevölkern sie auch die Straßen, anderswo in Asien genauso. Wenn man die alle durch Solarkraft betreiben könnte, wären wir um unglaublich viel Schadstoffausstöße leichter.“

Mit ihrer Idee vom umweltfreundlichen Tuk Tuk wollen Raoul Kopacka (o.r.) und Naveen Rabelli (o.l.) die halbe Welt umrunden.
Mit ihrer Idee vom umweltfreundlichen Tuk Tuk wollen Raoul Kopacka (o.r.) und Naveen Rabelli (o.l.) die halbe Welt umrunden.Foto: Raoul Kopacka

Das Tuk Tuk, dem Rabelli in seiner Garage in Bangalore den Dieselmotor ausgebaut hat, funktioniert mit Batterien, die sich über Nacht aufladen lassen. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt weiterhin 40 Stundenkilometer, die Steuerung funktioniert genauso wie vorher. Hinter der kleinen Fahrerkabine über dem Vorderrad sind ausklappbare Solarplatten angebracht, die die Energie aufnehmen sollen. Durch den Elektromotor ist der Lärm, den die herkömmlichen Fahrzeuge verursachen, stark reduziert. Und das wichtigste: kein Gramm Kohlendioxid wird ausgestoßen.

Mit dem Solar-Tuk-Tuk auf einer Mission

Auf einer 100-tägigen Reise soll das „Solar Tuk Tuk“ von Rabelli und Kopacka nun als gutes Beispiel voranfahren. Die Route führt von Bangalore über Mumbai, und von dort aus mit dem Schiff nach Iran. Es folgen die Türkei, Bulgarien, Serbien, Ungarn und dann geht es über Graz, Wien und Salzburg weiter über Deutschland und Frankreich nach Großbritannien. „Auf dem Weg wollen wir Workshops geben und unser Projekt bekanntmachen“, sagt Raoul Kopacka. „Die Route ist so abgesteckt, dass wir Messen, Autorennen und andere Veranstaltungen auf dem Weg besuchen können.“

Bloße Angeberei und Abenteuer soll die Reise nämlich nicht werden. „Wir wollen allen zeigen, dass Leute wie ich, ohne viel Kapital oder besondere Werkzeuge in der Garage, etwas unternehmen können, das für uns alle das Leben besser macht“, sagt Naveen Rabelli. Raoul Kopacka sieht das so: „Mittelfristig könnten solarbetriebene Tuk Tuks wirklich eine Alternative zu den klassischen Modellen sein.“ Denn sie seien auch billiger, wenn sie über Nacht an die Steckdose angeschlossen werden müssen: „Der durchschnittliche Tuk Tuk-Fahrer in Indien gibt pro 100 Kilometer 250 Rupien für Diesel aus. Das Tuk Tuk von Naveen schluckt durch die Batterien nur ein Fünftel davon.“ Eine Investition, die sich demnach schnell lohnen würde.

Keine Zweifel am Fahrzeug

Die lange Reise soll zwischen März und Mai losgehen, das Budget über Sponsoren zustande kommen (Website: www.solartuktuk.com). Was kann noch schiefgehen? Über das Telefon klingt Naveen Rabelli gelassen. „Wir hätten gern noch ein bisschen mehr Budget, um uns bessere Lithiumbatterien zu kaufen, die mehr Energie speichern können.“ Aber Zweifel am Fahrzeug an sich lässt der Ingenieur keine aufkommen. „Wir wissen durch die Testfahrten, dass es die Strecke zurücklegen kann. Jetzt geht es nur noch darum, effizienter zu werden.“

Raoul Kopacka wird sich mit Naveen Rabelli am Steuer abwechseln. In der wuseligen Stadt Bangalore hat der Österreicher vor kurzem seine ersten Fahrstunden genommen. „Die Steuerung ist durch den Lenker wie beim Fahrrad ziemlich genau. Die Herausforderung ist weniger das Fahrzeug als der Verkehr.“ Der junge Mann nimmt wieder einen Zug von seiner Zigarette, scheint ein gutes Bild für seinen Film im Kopf zu haben: „Die Grundregel schien mir eigentlich: bloß nicht bremsen.“

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Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

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