Tesla-Vize Jerome Guillen im Interview : „Wir müssen unsere Technik erklären“

Seit dieser Woche gibt es in Berlin einen repräsentativen Tesla-Showroom am Kurfürstendamm. Im Interview erklärt Vize-Präsident Jerome Guillen, warum er andere Hersteller nicht als Konkurrenz sieht - und wie man Kunden vom Elektroauto überzeugen will.

Kai Kolwitz
Elektrisch am Kudamm: Mit dem Store am Kurfürstendamm möchte Tesla seine Technik und die Modelle den Kunden besser erklären.
Elektrisch am Kudamm: Mit dem Store am Kurfürstendamm möchte Tesla seine Technik und die Modelle den Kunden besser erklären.Foto: promo

Nach München, Frankfurt, Hamburg und Düsseldorf gibt es seit dieser Woche auch in Berlin einen Tesla Store. Wie wollen Sie die Menschen von elektrisch betriebenen Autos überzeugen?

Ich glaube, da muss man gar nicht mehr viel überzeugen. Berlin ist die Hauptstadt, in den vergangenen Jahren haben die deutschen Hersteller und auch andere schon viel getan, um hier mit Elektroautos vertreten zu sein. Aus meiner Zeit bei Daimler weiß ich, dass im Haus viel Wert darauf gelegt wurde, dass man in Berlin in dieser Hinsicht sichtbar ist. Was die Menschen hier vielleicht noch nicht so kennen, sind große und luxuriöse elektrische Fahrzeuge mit großer Reichweite. 300 oder auch 400 Kilometer. So weit sind wir heute morgen noch mit einem Model S gefahren.

Sie sagen es selbst – schon seit Jahren unternehmen die Hersteller viel, um elektrisch betriebene Fahrzeuge in Deutschland populär zu machen. Trotzdem steigt die Zahl nur langsam. Wie kann sich das ändern?
Möglichst viele Leute sollten einen Tesla Probe fahren. Dann werden sie sagen: "Wow, der ist toll. Den kaufe ich!" Nein, im Ernst. Ich glaube, dass die Deutschen vorsichtig sind. Sie warten erst einmal ab, wie sich das Konzept woanders bewährt. In anderen Ländern ist das anders, da sind Kunden experimentierfreudiger. In der Schweiz zum Beispiel läuft es sehr gut. Die Leute haben dort einerseits eine Leidenschaft für Hightech, andererseits legen sie großen Wert auf den Schutz ihrer Natur.

Aber wie könnte man den Anteil in Deutschland steigern?
Wir müssen unsere Hausaufgaben machen. Wir müssen so viele Stores eröffnen, dass wir allen Leuten die Technik erklären können. Die meisten Menschen haben ja noch nie ein Elektroauto besessen. Sie wollen wissen, wie das Konzept überhaupt funktioniert, wie man die Autos auflädt, solche Dinge. Deshalb gibt es hier am Kurfürstendamm auch so viele große Displays und Computerprojektionen – wir wollen die Sache möglichst gut erklären.

Ich sage Interessenten zum Beispiel immer, dass ein normaler Haushaltsstromanschluss in der Garage reicht, weil vielen das gar nicht bewusst ist. "Sie haben eine Steckdose da, wo der Wagen steht? Dann können Sie ein Elektroauto kaufen." Es muss noch nicht mal ein Tesla sein, ein elektrischer BMW oder ein Smart sind auch in Ordnung. Wir sehen das nicht als Konkurrenz an, es geht darum, dass elektrisch betriebene Autos insgesamt erfolgreich sind. Und dazu müssen wir den Menschen die Schwellenangst nehmen.

Eine Hauptangst dürfte sein, ohne Strom liegenzubleiben und auf den Abschleppwagen angewiesen zu sein …

Ich halte dem entgegen: Wenn Sie ein Auto mit Benzintank fahren, dann ist der am Morgen mal voll und mal leer. Ein elektrisch betriebener Wagen hat immer seine volle Reichweite, wenn sie morgens einsteigen – dann können Sie 400 Kilometer weit fahren, für 98 Prozent aller Fälle reicht das. Und falls Sie doch einmal mit einem Tesla nach Italien wollen oder nach Südfrankreich, dafür bauen wir unser Netz von schnellen Ladestationen entlang der Fernverkehrsrouten in Europa auf. 71 gibt es derzeit schon. Dort lädt der Wagen kostenlos wieder auf (Anm. der Red.: Tesla selbst nennt 20 Minuten Ladezeit für die Hälfte der Batteriekapazität. Nach 30 Minuten Aufladung sollen 270 Kilometer möglich sein. Allerdings ist das System nicht kompatibel zu anderen Fahrzeugen). Die Norweger haben das bereits verinnerlicht, sie sieht man in ganz Europa in einem Tesla herumfahren. Das kommt sie sehr billig, denn den Strom bezahlen ja wir. Wir kennen Kunden, die haben 100 000 Kilometer mit einem Model S hinter sich gebracht oder 250 000 mit einem Roadster. Die sind noch nie liegengeblieben.

Aber ohne verlässliche Lademöglichkeit über Nacht geht es nicht …
Wenn ich auf der Straße parke, dann brauche ich dort eine Ladestation. Aber es gibt viele Firmen, die im Moment daran arbeiten, die Zahl der Möglichkeiten zu erhöhen. Paris ist ein sehr gutes Beispiel, wie es sein könnte. Dort gibt es ein rein elektrisches Carsharing-Angebot – und überall dort, wo diese Autos geladen werden, gibt es auch öffentliche Ladestationen. Wer in Paris ein Elektroauto besitzt, hat dadurch einen riesigen Vorteil: Er findet gleichzeitig einen Parkplatz, ohne ewig danach suchen zu müssen.

Gewinnt man Käufer denn eher über die Emotion oder über rationale Argumente?
Alles ist wichtig. Wir möchten, dass die Kunden stolz sind auf ihren Wagen. Deswegen wollten wir ein Modell, das sehr gut aussieht, viel Leistung bietet, Platz und ein sehr modernes Bedienkonzept wir überwachen zum Beispiel viele technische Parameter jedes Wagens per Internet, um die Werkstattzeiten möglichst gering zu halten. Wir wollten nicht, dass Kunden das Gefühl haben, dass sie mit etwas Hässlichem herumfahren müssen, weil sie umweltfreundlich unterwegs sein wollen. Aber gleichzeitig brauchen wir zum Beispiel auch die richtigen Finanzierungskonzepte. Wir garantieren Käufern deshalb seit kurzem einen Restwert – sowohl privaten, als auch Leasinggesellschaften: Wenn der Wagen nach drei Jahren weniger bringt, dann übernehmen wir die Differenz, kann er für mehr Geld weiterverkauft werden, dann behält der Kunde das Geld.

Wären Subventionen oder Kaufanreize ein gutes Mittel, den Anteil von Elektroautos weiter zu steigern?
Wenn eine Regierung durch so etwas den Wandel beschleunigen will, dann freuen wir uns darüber. Aber ich glaube nicht, dass sie nötig sind.

Bisher verkauft Ihr Unternehmen Autos im Luxussegment – also an Käufer, die in der Regel genug Geld haben, um experimentieren zu können. Aber das Model D ist bereits angekündigt, es soll der erste Tesla im Massenmarkt werden. Wird es da nicht schwerer werden, Käufer zu überzeugen?

Im Gegenteil, ich glaube, es wird leichter. Denn Tesla hat eine immer längere Geschichte – und es gibt immer mehr Erfahrungen, wie unsere Autos mit 200 000 Kilometern aussehen. Unsere Strategie war sinnvoll: Der Roadster, unser erstes Modell, entstand in kleinen Stückzahlen, so konnten wir die Investitionen in die Fertigung gering halten. Aber die viele Handarbeit machte den Wagen auch teuer. Jetzt, beim Model S, zielen wir auf einen größeren Käuferkreis. Deshalb ist der Automatisierungsgrad höher und wir können ihn deutlich günstiger anbieten (Anm. d. Red.: Preise für das Model S beginnen bei gut 69 000 Euro). Und das nächste Modell wird ein Angebot für noch einmal mehr Käufer sein – und noch einmal deutlich preiswerter.

Vorher noch steht das Model X auf dem Plan, eine Kreuzung aus SUV und Van, auf der Plattform des Model S. Das war einmal für 2014 angekündigt, im Moment steht 2015 im Raum. Wie liegt der Wagen im Zeitplan?
Er macht sich seinen Zeitplan selbst. Ich bin nicht mit allen Details vertraut, aber ich denke, dass er Mitte kommenden Jahres kommen wird. Aber sie versuchen, den Wagen immer noch ein bisschen besser zu machen. Dann wird eben noch ein Teil ausgetauscht. Das Model X wird ein tolles Auto werden.

Woran wird noch gefeilt?
Details am Design und an der Ergonomie, einige kleine Verfeinerungen. Das ist das, was ich sagen kann.

Wie viele Autos möchten Sie eigentlich in diesem Jahr noch in Berlin verkaufen?
Weltweit möchten wir 35 000 schaffen, nach 20 000 im letzten Jahr. Für Berlin gibt es, ehrlich gesagt, kein Ziel. Ich sage es mal so: Ich möchte, dass die Mitarbeiter, die im Verkauf arbeiten, alle etwas zu tun haben. Wir haben mit einem kleinen Team angefangen. Und wenn die Arbeit zu viel wird, dann stellen wir noch ein.

Das Gespräch mit Jerome Guillen führte Kai Kolwitz.

Zur Person

Jerome Guillen ist Vice President bei Tesla Motors und leitet den globalen Verkauf und Service. Während der Entwicklung des Model S war der 42-jährige Franzose Programmmanager, während der Markteinführung leitete er die Fahrzeugentwicklungsgruppe.

Mit dem Model "D" will Tesla neue Kundengruppen erschließen: Der Vize-Präsident von Tesla, Jerome Guillen.
Mit dem Model "D" will Tesla neue Kundengruppen erschließen: Der Vize-Präsident von Tesla, Jerome Guillen.Foto: promo

Zu Tesla war der studierte Ingenieur von Daimler aus gewechselt. Dort hatte er die Abteilung „Business Innovation“ geleitet. In diesem Zusammenhang entwickelte er unter anderem das Carsharing-Konzept "Car2Go".

Bei Tesla soll Guillen die Verbreitung der Marke vorantreiben. Kundenorientierte Stores und Servicezentren sind dafür die Grundlage. Tesla möchte den Kauf eines Autos zum Erlebnis für den Kunden machen und liegt damit im Trend. Auch Audi und BMW haben sich mit sogenannten Flagship-Stores am Ku’damm niedergelassen.

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