Audi A4 : Die Summe seiner Eigenschaften

Der neue Audi A4 bietet vielen vieles. Er kann richtig schnell sein oder nur vernünftig, aggressiv oder dezent. Und er bietet mehr Platz als seine Konkurrenten.

Kai Kolwitz
Audi A4
Audi A4. Auf den Fährten von BMW. -Foto: Audi

Berlin   Die Mittelklasse … Es gibt wohl kaum ein anderes Autosegment, in dem die Konstrukteure so viele widersprüchliche Ansprüche unter einen Hut, respektive eine Karosserie, bringen müssen: Da will der Außendienstler zügig unterwegs sein, aber mit niedrigen Kilometerkosten. Der Familienpapi sucht die maximale Raumausnutzung unterm Limousinenheck. Der eine schätzt den repräsentativen Auftritt, muss aber Klimmzüge machen, um ihn bezahlen zu können, andere wiederum haben einfach keine Lust auf einen größeren oder auffälligeren Wagen, wollen aber trotzdem Luxus, Leistung und überlegene Fahreigenschaften. Hinzu kommt noch, dass das Segment für die Hersteller in der Regel wegen der hohen Stückzahlen den größten Teil des Unternehmensertrags liefert – der Unterschied zwischen ganz nett und richtig gut schlägt sich deutlich merkbar in den Konzernzahlen nieder.

Was der Spagat in Sachen Ansprüche für Audis neuen A4 bedeutet, das zeigt schon ein Blick in die Preisliste: 25 900 Euro will der Hersteller für die einfachste Variante, den ab Frühjahr lieferbaren 1.8T-Benziner mit 120 PS. Der Teuerste von allen, der 240 PS starke 3.0 TDI Quattro, in der obersten Ausstattungslinie Ambiente, steht dagegen mit 42 300 Euro in der Liste – macht satte 16 400 Euro Unterschied, die sich via Aufpreisliste locker noch weiter steigern lassen. Da wundert es wenig, dass man auch beim Fahren das Gefühl hat, in zwei völlig unterschiedlichen Autos zu sitzen.

An der Karosserie liegt das naturgemäß am allerwenigsten: Der hat man in Ingolstadt unter Zuhilfenahme diverser schon aus A6 und A8 bekannter Details einen profilierteren, dynamischen und trotzdem seriösen Anzug für die nächsten Jahre verpasst – eher evolutionär als revolutionär. Für Abgrenzung sorgen die Details, die Auspuffrohre etwa, die bei den Vierzylindern beide links liegen, während bei den Sechszylindern beide Seiten des Hecks mit Abgas versorgt werden. Auch der Kühlergrill ist meistens grau und nur bei den beiden stärksten Varianten in Hochglanzschwarz ausgeführt. Wer sich noch weiter von den Spar-Audi-Fahrern abgrenzen will, der bestellt Xenon-Licht für 975 Euro und wird dafür mit der bereits aus anderen Modellen bekannten markanten LED-Leiste im Scheinwerfer belohnt – so etwas schafft Wiedererkennungswert und macht Eindruck im Rückspiegel.

Beim Fahren wird dann so richtig deutlich, was die Spreizung bedeuten kann: 143 PS liefert der 2-Liter-Common-Rail-Vierzylinder, der der kleinste Diesel ist, den Audi zum Verkaufsstart Anfang Dezember im A4 anbietet. Wenn es sein muss, reicht das für Tempo 215, das Mithalten auch auf der linken Autobahnspur ist im TDI in der Regel kein Problem. Und die Straßenlage ist aller Ehren wert, wozu die neu entwickelte Fünflenker-Vorderachse ihren Teil beiträgt. Allerdings gibt es da ja noch den anderen, den richtig großen Diesel: 240 PS leistet der 3-Liter-Sechszylinder, exakt 97 mehr als der kleine Bruder. Und die spürt man: Der Große hängt viel spontaner am Gas, Überholmanöver auf der Landstraße, die man im kleinen Diesel kurz vorher noch als zu stressig abqualifiziert hatte, bringen nun den richtigen Spaß: Ohne merkbare Verzögerung setzt der Turbo ein, in nur 6,1 Sekunden geht es von null auf hundert, gefühlte Welten weniger als die 9,4, die der Kleine braucht. Ähnlich groß ist allerdings auch der Unterschied im Preis: Ab 30 400 Euro gibt es den 2-Liter, erst ab 41 000 Euro den großen der beiden Motoren, Allradantrieb inklusive.

Richtig gut angelegt sind für Fahrdynamiker weitere 1300 bis 1400 Euro auf der Aufpreisliste, denn für das Geld stattet Audi den A4 mit dem sogenannten „Drive Select“-System aus. In drei Stufen lassen sich dann Fahrwerks- und Motorcharakteristik der Straße und den eigenen Neigungen anpassen. In der sportlichsten Variante lässt das den Wagen deutlich straffer und satter auf der Straße liegen, in Kurven nimmt die Seitenneigung deutlich ab, man kommt einfach schneller durch. Und das, ohne dass der Audi dadurch zum ungefederten Brett werden würde. Richtig gut haben es die Fahrer der Modelle mit den großen Motoren: Sie bekommen zum Verstell-Fahrwerk die dynamische Lenkung dazu, in der ein Elektromotor die Übersetzung der Situation anpasst: direkter beim Einlenken in Kurven, was den Wagen deutlich handlicher macht, indirekter auf der Autobahn, was die Gefahr von Überreaktionen vermindert und den Geradeauslauf verbessert. Beim Bremsen auf Straßenbelägen mit unterschiedlicher Haftung pro Fahrzeugseite nutzt Audi die Lenkung sogar dazu, den Wagen eigenständig in der Spur zu halten und so die Traktionskontrolle zu unterstützen.

Welcher A4 der richtige ist, hängt damit von Geldbeutel und Wertesystem ab – auch im Vergleich mit der Konkurrenz. Vor allem mit dem Platzangebot kann Audis Neuer hier punkten: Gegenüber der C-Klasse ist hinten mehr Platz zum Sitzen, auch der Kofferraum des Audi ist der Größte – allerdings teils mit nur geringem Abstand: 480 Liter fasst der A4, für den sich als Extra eine umklappbare Rückbank ordern lässt, 460 sind es im 3er-BMW, 475 in der C-Klasse.

In den kommenden Monaten will Audi das Motorenspektrum erweitern, auch nach unten. Zum schon erwähnten 1.8T soll ein noch kleinerer Diesel kommen, während der 3.0 TDI mittels Additiv zum saubersten Fahrzeug seiner Klasse werden soll. Begriffe wie „Start-Stop“ hört man aber nur hinter vorgehaltener Hand, auch von Modellen für Erdgas- oder Ethanol-Betrieb ist bei der Präsentation nur kurz und unkonkret die Rede. Doch es sieht so aus, als würde der A4 in Zukunft zu noch mehr Autos werden.  

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