Audi : Auf Maß gebracht

Für dieses Projekt hat Audi jahrelang Anlauf genommen. An diesem Wochenende ist es nun soweit: Der A1 mischt sich unter die Kleinwagen. Mit einem Preis ab 16.000 Euro hat es die wichtigste Neuheit des Jahres nicht leicht – wir haben probiert, was hinter dem Premium-Anspruch steckt.

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Die Plakate hängen seit Wochen - mit seiner Nummer 1 will Audi es unbedingt wissen.
Die Plakate hängen seit Wochen - mit seiner Nummer 1 will Audi es unbedingt wissen.Foto: promo

„Wunderbar.“ „Herzklopfen.“ „Zeitgeist.“ Begriffe, bei denen wir an alles Mögliche denken. An die erste Liebe, an das harte Vorstellungsgespräch oder an das teure Smartphone mit dem Apfel. Aber an einen Kleinwagen? Audi will uns umpolen – und umschreibt mit blumigsten Worten so etwas Selbstverständliches wie die Stoffbezüge im neuen A 1. Die Marke mit den vier Ringen hat die Zeichen der Zeit erkannt – und will nun auf das Kleinwagen-Segment jene erfolgreiche Strategie übertragen, mit der bei der Konkurrenz längst viel Geld verdient wird: Wecke Sehnsüchte nach Höherem und befriedige sie! BMW hat mit dem 2001 gestarteten Mini gezeigt, dass selbst in der Polo-Klasse das große Geschäft zu machen ist, wenn Kunden sich am Ende des Tages sogar darüber freuen, viel Geld für wenig Auto ausgegeben zu haben.

Der Basis-A1 bewegt sich auf ähnlich hohem Preisniveau wie der Mini: 15 800 Euro für das Modell Attraction mit 86 PS, aber ohne Klimaanlage. Damit ist der kleinste Audi übrigens exakt so teuer wie der A3 bei seiner Premiere im Jahre 1996! Und wer sehr viele Kreuze in der 13 Seiten langen Aufpreisliste macht, überspringt erschreckend schnell die 30 000-Euro-Grenze (siehe dazu Kasten). Da hat man in Ingolstadt offenbar die knapp 30 Seiten lange Luxus-Preisliste des Mini im Blick gehabt.

Die Einstandsbedingungen für die Edelmarke im VW-Konzern sind optimal: Die Technik des A1 stammt weitgehend vom VW Polo. Und schon der zählt ja zu den Besten seiner Klasse. Der A1 ist 3,95 Meter lang und 1,74 Meter breit, damit zwei Zentimeter kürzer als der Polo, aber sechs Zentimeter breiter. So sieht bei Audi Detailarbeit aus: Für eine bessere Achslastverteilung sitzt die Batterie bei den stärkeren Versionen im Kofferraum. Dank gezielter Leichtbauweise wiegt die Basisversion des A1 nur 1040 Kilogramm. Das Leichtgewicht fühlt sich dennoch so an, als sei es aus dem Vollen gefräst. Mit würdevollem Plopp schließen die breiten Türen. Mit seiner sehr breiten Spur liegt das Auto fast schon unverschämt satt auf der Straße. Dank stark überarbeitetem Fahrwerk aus dem Polo sowie einem weiterentwickelten Schleuderschutz mit elektronischer Quersperre (ähnliche Wirkung wie ein mechanisches Sperrdifferential) lässt sich der A1 bei Bedarf herrlich frech bewegen. Gut, ihm fehlt der letzte Kick eines ultrahandlichen Mini. Doch den erleben eigentlich nur Könner auf abgesperrter Rennstrecke. Dafür ist der Audi nicht so knochenhart gefedert wie der Mini; trotz sportlich-straffer Grundabstimmung bietet die Federung – zumindest bei den Versionen mit 15 und 16 Zoll großen Rädern – so viel Komfort, dass selbst Flickenteppich-Strecken bandscheibenfreundlich zurückgelegt werden können. Dank steifer Karosserie und guter Dämmung bewegt sich der A1 sehr leise. Das entspricht fast schon dem Komfort der nächst höheren Klasse. Uneingeschränkt trifft das auf den Innenraum zu. In seiner bestechenden Qualität ist er einzigartig in dieser Klasse. Dass Audi klar auf die zahlungskräftige Generation 2.0 der iPhone-Besitzer zielt, zeigt dieses Beispiel: Das erstklassige MMI-Infotainmentsystem aus dem Flaggschiff A8 wird exklusiv auch im A1 angeboten – zum exklusiven Preis (siehe Kasten).

Aber auch serienmäßig wird Bestes geboten. So die vorderen Sitze, die Geborgenheit und Komfort bieten. Die Chromschalter der Klimaanlage rasten mit feinem mechanischen Klicken in die nächste Position. Großes Kino! Alles bestens? Nein, denn die Alu-Ringe der Lüftungsdüsen spiegeln sich nervend in den Außenspiegeln. Und in der zweiten Sitzreihe versickert leider die edle Anmutung: Dort stört kratzempfindlicher Kunststoff an den Seitenverkleidungen, fehlen Handgriffe, steht die Rücksitzlehne viel zu steil, mangelt es an Kopffreiheit. Für Menschen über 1,70 Meter eine Zumutung auf längeren Strecken. Tipp für Große: Warten Sie bis Anfang 2011; dann startet der fünftürige A1 Sportback mit etwas mehr Platz.

Warten muss man auch auf das Triebwerk mit dem unserer Meinung nach besten Preis-Leistungs-Verhältnis: der 86-PS-TFSI folgt erst Spätherbst. Er klingt etwas heiser, reagiert aber ohne Verzögerung und fühlt sich an wie ein großer Sauger. Bei unserer Testfahrt verbrauchten wir laut Bordcomputer im realen Leben 5,9 Liter Super auf 100 Kilometer. Ganz klar: Mehr Motor braucht kein Mensch in heutiger Zeit. Halt, für Vielfahrer startet Anfang 2011 der 90 PS starke Spardiesel mit einem Normverbrauch von 3,8 Litern. Mit dem benötigten wir auf der Testfahrt bei Potsdam 4,7 Liter. Auch nicht schlecht. Schade: Das elegant schaltende Siebengang-DSG (von VW) wird derzeit nur für den 122 PS starken TFSI angeboten – ab 19 900 Euro. (Preise weiterer Motoren siehe Kasten)

Apropos Preise: Trotz heftiger Aufschläge für Extras aller Art dürfte der A1 seinen Weg zum Erfolg finden. Schließlich bringt er mehr Klasse in dieses Segment. Vor allem mit einem Innenraum, dessen beeindruckende Noblesse die Anziehungskraft nicht verfehlen wird. Das gilt ebenso für die sparsamen Motoren – die kommen alle mit serienmäßiger Start-Stopp-Automatik – sowie für das wirkungsvoll verfeinerte Polo-Fahrwerk mit seiner freudvollen Kurvengierigkeit. Der bunten Schrillheit des Mini und seiner gnadenlosen Härte stellt Audi seriöse Eleganz und gesunde Sportlichkeit entgegen. Diese Strategie könnte aufgehen. Trotz der hohen Preise. Oder gerade deswegen?

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