Audis neues Werk in Mexiko : Neue Qualität

Nordamerika ruft und Ingolstadt kommt: Der nächste Q5 wird in einer einsamen Gegend Pueblas gebaut – ein Abenteuer für Audi und Mexiko.

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Der Audi Q5 wird bald auch in Mexiko gebaut.
Der Audi Q5 wird bald auch in Mexiko gebaut.Foto: Promo

Warum Mexiko, warum Puebla?

Konzernmutter VW hätte das Audi-Werk lieber im US-Staat Tennessee gesehen – Audi wehrte sich mit Erfolg. Anders als die USA hat Mexiko mit vielen Ländern Freihandelsabkommen. Das spart Zölle, wenn der Q5 aus Mexiko in diese Länder exportiert wird. Die Provinz Puebla eignet sich aus Audi-Sicht doppelt: Die Kommunalregierung hat weitreichende Zusagen zum Ausbau der Infrastruktur gemacht – und der Gouverneur persönlich hilft als Türöffner, wo immer es nötig ist. Vorteil zudem: In Puebla gibt es seit 50 Jahren ein VW-Werk – so kann man etwa gemeinsam Lieferanten beschäftigen.

Wo steht Mexiko wirtschaftlich?

Weltweit immerhin an 14. Stelle – wegen des Öls, aber auch wegen der 3 Millionen Autos, die im Land produziert und überwiegend in die USA exportiert werden. Das Gefälle zwischen Arm und Reich ist gewaltig; auch, weil das Schul- und Bildungssystem reformbedürftig ist. Dort, wo sich Industrie angesiedelt hat, ist die Infrastruktur gut ausgebaut, überall sonst gibt es Nachholbedarf. Energie ist in Mexiko vergleichsweise günstig; die Kosten für Telekommunikation sind dagegen sehr hoch. Milliardär Carlos Slim hält ein Monopol und hat bislang alle Liberalisierungsversuche schadlos überstanden.

Wird auf dem Dorfplatz von San José Chiapa eine große Leinwand aufgebaut, dreht es sich üblicherweise um das Finale der Fußball-WM. Morgen nicht. Morgen gilt die Live-Übertragung einem Ereignis, das die Menschen, die Landschaft und die Wirtschaft Pueblas komplett umkrempeln wird: Audi legt den Grundstein für sein neues Werk im Herzen Mexikos. Das Tausend-Einwohner-Örtchen erlebt einen Urknall. Binnen weniger Jahre wird es zu einer veritablen Stadt heranwachsen.

Unvernünftig, maßlos und mächtig kraftvoll
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Als Chiapa den Zuschlag bekam, feierten Bürgermeister Torres und Gouverneur Valle das wie wie einen Lottogewinn – so eine Perspektive für 20 000 Menschen direkt in der Produktion und indirekt bei Zulieferern ergibt sich nicht alle Tage. Noch existiert der „Audi-Highway“ in die einsame Gegend nur auf dem Plan, und noch ist auf der 400 Fußballfelder großen Fabrikfläche nichts zu sehen außer Dreck am Boden und Dreck in der Luft. Hunderte Bagger und Lastwagen wirbeln Staub auf. Weil das Gelände am Ausläufer einer Vulkanregion liegt, wird es meterdick fundiert. Dann entstehen Presswerk, Karosseriebau, Montage und Lackiererei.

Wenn alles gut geht beim Einsatz von mehr als einer Milliarde Euro, dann rollt hier Mitte 2016 die nächste Generation des Q5 vom Band – als Exportmodell für Deutschland und aller Herren Länder. Dahinter verbirgt sich neben dem Aufbau der Infrastruktur und der Ausbildung qualifizierter Fachkräfte das eigentliche Risiko der Mission: In Westeuropa ist der Q5 Bestseller im Segment der Premium-SUV. So ein Goldjunge kann sich keinerlei Mängel leisten, ohne das Image und den Qualitäts-Nimbus der Marke zu gefährden.

Damit es so weit nicht kommt, geht der neue Beschaffungs-Vorstand Bernd Martens schon jetzt in den Ring. In Puebla erklärt er potenziellen Zulieferern, was Audi erwartet. Wer die neue Fabrik beliefern will, muss nachweisen, mit welchen Rohstoffen, mit welchen Leuten und auf welche Art er produzieren will – en detail.

Wer profitiert?

Brachland. Auf den 400 Hektar in San José Chiapa ist von Audi bald mehr zu sehen …
Brachland. Auf den 400 Hektar in San José Chiapa ist von Audi bald mehr zu sehen …Foto: Promo

Insgesamt 20 000 Jobs sollen bei Audi, Zulieferern und in der Region entstehen. Die mexikanische Regierung bekommt Rückenwind für ihren Modernisierungskurs; Mexiko baut seine starke Rolle als Auto-Exportland aus. Audi eröffnet sich die Chance, lokal für den lokalen Markt zu produzieren und flexibel zu reagieren, wenn die Marke auf dem amerikanischen Kontinent so weiterwächst wie zuletzt. In Ingolstadt, wo der Q5 bis Ende 2015 gebaut wird, schaufelt Audi dringend benötigte Kapazitäten frei. Vorteil über allem: Die Löhne in Mexiko liegen um drei Viertel unter denen in Deutschland.

Was tut Audi für den Standort?

Direkte Investitionen sind das eine, Nachhaltigkeit das andere. Audi hat sich verpflichtet, zwei Drittel der Wertschöpfung in Mexiko zu schaffen – Stichwort „Tiefenlokalisierung“. Wie VW in Tennessee will Audi eine Vorzeigefabrik bauen, was den sparsamen Einsatz und die Rückgewinnung von Energie und Wasser angeht. Arbeitsbedingungen und Gesundheitsschutz in Puebla sollen den Standards in Deutschland entsprechen – Besonderheiten bestätigen die Regel. So werden die Montagebänder deutlich niedriger montiert: Die Mexikaner sind im Schnitt 20 Zentimeter kleiner.

Wie geht Audi vor?

Noch wird in Chiapa planiert. Dann ziehen hunderte Bauarbeiter in eine Container-Stadt. Parallel dazu läuft die Suche von 3800 Mitarbeitern an. In Mexiko, Spanien und Deutschland haben sich schon 2500 Freiwillige gemeldet. Die ersten Mexikaner kommen noch 2013 zum Training nach Ingolstadt; die ersten Bayern ziehen im Sommer nach Puebla. Zulieferer müssen sich bewerben, bis Ende des Jahres entscheidet Audi, wer einen Vertrag bekommt. Bewährte Partner wie Bosch sind quasi gesetzt – und haben teils schon begonnen, mit Blick auf Audi ihre eigenen Mexiko-Werke auszubauen.

Welche Probleme drohen?

In Mexiko gibt es kaum qualifizierte Facharbeiter; die angestrebte Bildungsreform der neuen Regierung greift noch nicht. Audi muss also jetzt schon anfangen, für 2016 zu rekrutieren, um genügend Zeit für die Ausbildung zu haben. Wegen des Premium-Anspruchs will man auch für Zulieferer Schulungsprogramme auflegen. Als Mercedes und BMW vor Jahren begannen, in Nordamerika SUV für Europa zu produzieren, gab es anfangs Probleme mit der Qualität – das könnte auch Audi blühen, sagen Skeptiker. Die Kriminalilät in Puebla ist nicht so hoch wie anderswo; Audi hält das Thema für beherrschbar.

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