Auf Camping-Tour durch Europa, Teil 2 : Erster Härtetest am Timmelsjoch

Aus Rheinland-Pfalz direkt auf den Gipfel: Der Start auf die Tour lässt sich gut an - auch dank einer Überraschung. Bis es auf den ersten Camping-Platz geht. Teil 2 unseres Camping-Blogs.

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Am Timmelsjoch: der erste Härtetest für Mensch und Maschine.
Am Timmelsjoch: der erste Härtetest für Mensch und Maschine.

Mit einem Wohnmobil in den Urlaub zu fahren gleicht Tetris für Fortgeschrittene. Zumindest, wenn das Fahrzeug eher bescheidene 6,20 Meter lang ist und zwei Erwachsene, sowie drei Kinder zwei Monate lang beherbergen soll. Kurz gesagt: Da muss ein Haufen Zeug mit. Vorbesitzer Willy hat uns schon mit so einigen Utensilien, die für eine Wohnmobil-Reise vonnöten sind, ausgestattet. Leider nicht immer von der besten Qualität, aber dazu in der nächsten Folge mehr. Aufgrund des chronischen Zeitmangels vor der Abfahrt schmeißen wir in Berlin einfach alles irgendwie rein und fahren erst mal los zu unserem Startpunkt in Rheinland-Pfalz. Das bedeutet, im Heck herrscht das blanke Chaos und der Nachwuchs sitzt während des nächtlichen Prologs zwischen Babynahrung, Luftmatratzen, Kisten voller Kleidung und Foto-Ausrüstung zwar kommod, aber nicht gerade mit Freiraum gesegnet. Den beiden ganz Kleinen ist das ohnehin egal und auch die Halbwüchsige schläft die Nachtfahrt recht gemütlich durch.

Bei unserer Zwischenstation, wo wir drei Tage für die letzten Vorbereitungen haben, lädt der Camper-Frischling erst mal alles aus. Erstaunlich, was da so alles reingeht. Der Krimskrams füllt fast eine komplette Garage. Nach dem Entladen der erste Schreck: In der Heckgarage findet sich hinten links ein Zwei-Euro-Stück großes Loch. Der Boden besteht dort aus MDF-Platten mit Kunststoffbeschichtung. Aufgrund eingetretener Feuchtigkeit ist das Stück durchgemodert. Der Neu-Camper behilft sich mit zwei Stahlplatten, die dem Boden zumindest zu nötiger Robustheit verhelfen. Schön ist das aber nicht und der Gedanke liegt nahe Verkäufer Willy anzufunken. Da solche Beschwerden aber in der Regel sinnfrei verlaufen wird der Gedanke bald wieder verworfen. Das Provisorium erweist sich auch als recht solide.

3580 Kilogramm? Das geht!

Nun geht es ans Einladen. Alleine die Babynahrung für zwei Monate (insgesamt 64 Kartons!) samt der Klamotten für die Zwerge (sie wachsen ja recht schnell) füllt geschätzt ein Achtel der Heckgarage. Dazu kommt ein Tisch, vier Stühle, zwei große Bodenbeläge aus Kunststoff, die uns Willy vermacht hat. Apropos Babynahrung: Wer hätte gedacht, dass Milchpulver für Säuglinge nur in haushaltsüblichen Mengen, wie man so schön sagt, verkauft wird. Das hat zur Folge, dass die Gattin gefühlte 100 Drogeriemärkte ansteuern muss, bis sie die Nahrung für die Zwillinge zusammen hat. Hinzu kommt noch ein Kinderwagen von der Größe eines halben Smart, der da Heck Platz finden soll. Und erst der ganze Kram, den Willy uns vermacht hat. Wasserschläuche mit allerhand Anschlüssen, Stromkabel und Stecker der verschiedensten Art, besagte Bodenbeläge, diverse Zurrgurte und noch so allerhand mehr. Hier kommt der Camper-Frischling erst mal an seine Grenzen. Unwissenheit schürt Unsicherheit: Was brauche ich von dem ganzen Kram wirklich? Das Aus- und Einräumen, putzen und beladen dauert einen ganzen Tag.

Beim Ausstieg gibt es erst mal eine Kälteschock: Der wolkenverhangene Pass begrüßt uns mit zwei Grad Minus.
Beim Ausstieg gibt es erst mal eine Kälteschock: Der wolkenverhangene Pass begrüßt uns mit zwei Grad Minus.Foto: Markus Mechnich

Als es am nächsten Morgen wirklich losgeht fahren wir erst mal auf die Waage bei einer nahegelegenen Sandgrube. Gegen ein kleines Trinkgeld darf ich unseren Camper auf die Lkw-Waage stellen. Entgegen aller Erwartungen ist das Ergebnis recht erfreulich: Mit 3580 Kilogramm sind wir noch im halbwegs zulässigen Rahmen beladen. 3,5 Tonnen sind nicht viel für ein solches Gefährt, wie auch wir feststellen mussten. Aber das Übergewicht hält sich in Grenzen, zumal außer dem Fahrer auch die Passagiere mitgewogen werden.

Also geht es los auf die große Fahrt. Die erste Etappe soll uns zu einem Zwischenstopp nach Südtirol bei Bozen bringen. Auf dem Weg liegt gleich der erste Härtetest für Mensch und Maschine. Wir überfahren den Pass zum Timmelsjoch auf dem Weg von Österreich nach Italien. Der Fiat-Motor schuftet schwer unter der Haube, aber trotz zwischenzeitlicher Maximalgeschwindigkeit von höchstens 40 km/h in den steilsten Passagen erreichen wir schließlich den 2509 Meter hohen Pass. Beim Ausstieg gibt es erst mal eine Kälteschock: Der wolkenverhangene Pass begrüßt uns mit zwei Grad Minus. Dennoch: Der Dethleffs hat seine erste Prüfung gemeistert. Beim Abstieg sind die Bremsen gefragt. Rund 3,6 Tonnen auf den Serpentinen bei einer Fahrt von etwa einer Stunde ausschließlich bergab ist wohl die maximal denkbar Belastung für Beläge, Hydraulik und Scheiben.  Trotz dem ein oder anderen flauen Gefühl im Magen verzögert der Dethleffs einwandfrei und bringt uns sicher zum ersten Campingplatz unserer Reise am Kalterer See. Auf den hinteren Bänken läuft der Abstieg allerdings ganz so glatt. Nach den ersten fünf Kurven ertönt es zum ersten Mal „Mir ist schlecht“ aus dem Fond. Drei Serpentinen weiter ist die erste Tüte gefüllt. Bis wir unten sind folgen zwei weitere Stopps inklusive anschließendem Platztausch von Gattin und Halbwüchsiger. Vorwürfe kann man keine machen. Ein 3,20 Meter hoher Aufbau schwankt eben ganz schön.

Stolz: Die erste Hürde hat der Dethleffs genommen.
Stolz: Die erste Hürde hat der Dethleffs genommen.Foto: Markus Mechnich

Bekanntschaften auf dem Camping-Platz

Dann folgt die Premiere auf dem Campingplatz: Ankommen, Platz aussuchen, richtig parken und aufbauen. Dieses Schema werden wir in den nächsten zwei Monaten immer wieder abspulen. Und es gibt wieder was zu lernen. Zum Beispiel, dass man besser die wichtigen Dinge zweimal checkt. Dazu gehört etwa ein dringend benötigter Tisch, der leider in Rheinland-Pfalz in der Garage stehen geblieben ist. Auch das Aussuchen des richtigen Platzes ist eine Kunst, die es noch zu lernen gilt. Wir befinden uns zwar nur fünf Meter Luftlinie von den Toiletten entfernt, kleben aber sehr prominent auf einem Eckfeld. In Kombination mit zwei Babys hat das zur Folge, dass wir dauerhaft Besuch von allen möglichen Passanten haben, die unseren Nachwuchs begutachten.

Was am Anfang noch ganz witzig ist, weil man ja so einige Leute kennenlernt, stellt sich auf Dauer als etwas anstrengend heraus. Es stellt sich erstmals ernsthaft die Frage, wieviel Privatsphäre es auf einem Campingplatz wirklich gibt. Zumal wir unser Vorzelt-Provisorium wegen des kurzen Aufenthalts gar nicht erst aufbauen. So sitzen wir ohne Tisch, aber mit reichlich Besuch auf dem Präsentierteller des Südtiroler Zeltplatzes und machen jede Menge „Butschi-Butschi“-Bekanntschaften. Gesellig, so ein Campingurlaub.

Erfahrung: Am Anfang war der erste Aufenthalt auf dem Camping-Platz noch witzig...
Erfahrung: Am Anfang war der erste Aufenthalt auf dem Camping-Platz noch witzig...Foto: Markus Mechnich

Daneben tut sich aber noch ein weit ernsteres Problem auf. Der Probebetrieb der Heizung, die auch für die Bereitstellung von warmem Wasser zuständig ist, setzt unsere Kleinküche unter Wasser. Nach zwei Testläufen haben wir eine mittlere Überschwemmung im Wohnmobil. Bei Temperaturen von rund 28 Grad lässt es sich zwar auch ohne warmes Wasser ganz gut leben. Aber nach der ersten Probe kommt jedes Mal Wasser aus dem Schrank, in dem sich unten die Truma-Heizung befindet. Es droht eine mittlere Katastrophe, denn so sind auf Dauer der Wasserhahn in der Küche und im Bad nicht nutzbar. Letzteres schreckt vor allem die Gattin und den Nachwuchs sehr.

Wunsch: Mehr Privatsphäre

Also begebe ich mich auf Fehlersuche, die mich alsbald zu einem Loch im Zulauf der Heizung bringt. Erstmal aufatmen. Es ist nicht die teure Heizung sondern nur ein löchriger Plastikschlauch. Aber sehen ist das eine, reparieren das andere. Die Heizung sitzt ganz unten im Schrank und hat keinen Millimeter Platz zuviel. Ohne den kompletten Schrank darüber auszuräumen ist hier kein Rankommen. Das unausweichliche Chaos, das dabei entsteht, nimmt die Gattin zähneknirschend in Kauf, während ich die halbe Heizung demontieren muss um an die Stelle mit dem Leck zu kommen. Gut zwei Stunden  später passiert die Heizung dann den nächsten Test nach der Reparatur allerdings problemlos. Mit Aus- und Einräumen hat die Aktion etwa einen halben Tag gekostet.

Der ständige „Butschi-Butschi“-Besuch draußen war dabei auch nicht sonderlich hilfreich. Aber wir starten am nächsten Tag mit funktionierender Heizung nebst Warmwasserversorgung gen Turin. Die Erkenntnisse der ersten Etappe? Wir haben ein Wohnmobil, dass mit ausreichender Motorisierung und ordentlich funktionierenden Bremsen einen 2500 Meter hohen Pass meistern kann, Platz ist ein ausgesprochen kritisches Gut in einem Camper und der nächste Stellplatz muss unbedingt mehr Privatsphäre bieten. Die Alternative ist ein Schild mit den wichtigsten Eckdaten zu unserem Nachwuchs in mindestens drei Sprachen. Aber wir sind ja nicht im Zoo, sondern beim Campen.

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Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

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