• Auf Camping-Tour durch Europa, Teil 3: Vom Holländer lernen heißt campen lernen

Auf Camping-Tour durch Europa, Teil 3 : Vom Holländer lernen heißt campen lernen

Merke: Camping-Zubehör kann ganz schön ins Geld gehen. Im Piemont reicht aber auch eine Bierpagode für schattige Momente - bis der Regen einsetzt. Am Fuße der Alpen dann wird es stürmisch - und ein Holländer erklärt, wie es geht. Teil 3 unseres Camping-Blogs.

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Trügerische Idylle: Spät fällt auf, warum auf der Landzunge in Le Roustou kein anderer Camper steht. Hier war es noch sturmfrei...
Trügerische Idylle: Spät fällt auf, warum auf der Landzunge in Le Roustou kein anderer Camper steht. Hier war es noch sturmfrei...Foto: Markus Mechnich

Der Wind ist so eine Sache, mit der die überwiegende Mehrheit der Autofahrer nur sehr selten in Berührung kommt. Damit ist jetzt nicht die Böe gemeint, die mal auf einer hohen Autobahnbrücke lauern kann. Die sind höchstens für rasende Schrankwände, auch SUVs genannt, ein Problemchen. Bei einem Wohnmobil sieht die Sache allerdings schon anders aus. Schon auf dem Timmelsjoch hat uns das himmlische Kind heftig durcheinander geschüttelt und auf der Strecke auch mal beim Überholen eines Lkw ein bisschen erschreckt. Doch der Wind in den französischen Voralpen sollte uns eine Lehrstunde erteilen.

Auf unserer Route bis nach Turin ist der Wind so gut wie kein Thema. Auf dem Campingzelt in Avigliana nutzen wir die Zeit um unserer zwar umfangreichen, aber immer noch lückenhaften Ausrüstung die letzten Puzzlestücke hinzuzufügen. Einen Tisch zum Beispiel, da unserer fatalerweise in Deutschland zurückgeblieben ist. Hier in Italien kommt auch zum ersten Mal unser Vorzeltersatz zum Einsatz. Ein Blick in die Preisliste des Campingzubehörhandels und auf das schon strapazierte Urlaubsbudget hat die die Gedanken an ein „richtiges“ Vorzelt für unseren Camper schnell verfliegen lassen. Unser Weg führte vielmehr in einen Baumarkt und zum Kauf einer besseren Bierpagode, die uns ebenso gut Schatten spenden sollte. Im Piemont aufgebaut funktioniert das mit dem Schatten schon ganz gut. Wenn denn Sonne da wäre. Aber das Wetter in Norditalien zeigt sich selbst im Juli von seiner launischen Seite. Es stellt sich heraus, dass unser Vorzeltersatz zwar recht leicht aufzubauen, aber alles andere als wasserdicht ist. Vielmehr rieselt, kaum merkbar aber doch feucht, feinster Sprühregen auf uns. Optimal ist das nicht gerade.

Suche nach WM-Übertragungen: In Italien ist Sky noch dreister als in Deutschland.
Suche nach WM-Übertragungen: In Italien ist Sky noch dreister als in Deutschland.Foto: Markus Mechnich

Sky ist in Italien noch dreister

Genausowenig wie die Satellitenanlage, die uns Vorbesitzer Willy vermacht hat. Von der WM habe ich bisher schon wenig mitbekommen, aber der Tag vor dem Spiel der Deutschen gegen Frankreich wird zum Offenbarungseid für unsere TV-Technik. Weder die eingebaute Schüssel auf dem Dach des Campers noch eine zweite mobile Satanlage sind in der Lage uns irgendein Bild auf den ebenfalls nicht so richtig funktionierenden Fernseher zu schicken. Der Abend rückt näher und die Verzweiflung wächst.

Um halb sechs werfe ich den gesamten vermaledeiten Kram unverrichteter Dinge in die Heckgarage, verfluche Willys Hang zu Billigware von Lebensmitteldiscountern und gehe mit der quälenden Frage, ob es an mir oder an der Technik liegt, in Richtung Stadt. Leider stellt sich heraus, dass die Preisgestaltung von Sky in Italien noch dreister als in Deutschland ist und die Kneipen hier jedes Spiel einzeln kaufen müssen. RAI überträgt täglich nur ein Spiel und sie haben sich unerklärlicherweise für Kolumbien gegen Brasilien um 22 Uhr entscheiden. Den deutschen Sieg verfolge ich frustriert auf dem Nachrichtenticker meines Mobiltelefons.

Am Tag darauf brechen wir in Richtung französische Voralpen auf. Vorbei an Cesana geht es über Briançon zum Lac de Serre-Ponçon. Der größte Stausee Frankreichs empfängt uns mit herrlichem Wetter, einem wunderbaren Panorama und einem sehr schönen Campingplatz. Le Roustou ist wunderschön auf einer Halbinsel gelegen. Einfach herrlich. Wir suchen uns einen möglichst ruhigen Standplatz auf einer Landzunge direkt am Ufer. Beim Aussteigen fällt der Blick auf die Kapelle Saint Michel, die beim Fluten des Tals zu einer Insel geworden ist. Perfekt! Oder?

Wetterumschwung in den Alpen

Am nächsten Tag kommt Wind auf und uns dämmert so langsam, warum der Platz noch frei war. Unsere Pagode steht voll im Wind, der Sonnenschirm der Halbwüchsigen landet bei den Nachbarn unten in der Bucht und die Markise vom Camper macht Flugversuche. Alles nicht so schlimm denkt sich der Neucamper und nagelt zur Stabilisierung überall Heringe in den Boden. Tags darauf steht ein Großeinkauf auf dem Programm. Als wir losfahren strahlt uns die Sonne entgegen. Beim Verlassen des Supermarkts haben sich jedoch bedrohliche Gewitterwolken über uns versammelt. Geht schnell, so ein Wetterumschwung in den Alpen. Wenige Minuten später zeigt sich die Voralpenregion als garstiges Ungeheuer. Sinnflutartiger Regen vermischt sich mit einem handfesten Sturm. Bei dem Gedanken an die zurückgebliebene Bierpagode wird mir flau.

Als wir unseren Standplatz auf der Landzunge ansteuern steht von unserem Vorzelt nur noch ein Häufchen Elend. Das Aluminiumgestänge sieht aus wie eine Brezel, die Seitenteile haben sich in Fahnen verwandelt und selbst zwei unserer Stühle hat es den Hang hinunter gefegt. Später wird mir ein netter Holländer erklären, dass der Camper immer vor dem Zelt im Wind stehen muss. So schön es auch andersherum sein mag.

Die Erkenntnisse unserer dritten Etappe? Qualität ist nicht nur eine hohle Phrase. Das gilt für Satellitentechnik ebenso wie für Vorzelte. Den Wind sollte man beim Campen keinesfalls unterschätzen. Und, wenn es auch schmerzt: Von Holländer lernen, heißt campen lernen.

Gutes von Gestern
Zeitreise: Eine Reise nach Kirgisistan wirkt wie eine Reise ins Auto-Deutschland der 90er Jahre. Viele ausrangierte Modelle fahren im zentralasiatischen Staat noch jahrelang im Straßenverkehr.Weitere Bilder anzeigen
1 von 15Foto: Sven Jürisch
19.03.2014 13:55Zeitreise: Eine Reise nach Kirgisistan wirkt wie eine Reise ins Auto-Deutschland der 90er Jahre. Viele ausrangierte Modelle fahren...

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