• Auf Camping-Tour durch Europa, Teil 4: Französische Schirmmützen und spanisches Tuning

Auf Camping-Tour durch Europa, Teil 4 : Französische Schirmmützen und spanisches Tuning

Ultracoole Schirmmützen? Beim Entleeren der Kassettentoilette regen braun gebrannte Urlauber die Fantasie an - und in La Isla erfährt das Wohnmobil ein Tuning auf spanische Art. Teil 4 unseres Camping-Blogs.

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Trotz Unfall: Die Weiterfahrt mit unserem Wohnmobil ist nicht gefährdet. Ungewöhnlich ist der Look schon.
Trotz Unfall: Die Weiterfahrt mit unserem Wohnmobil ist nicht gefährdet. Ungewöhnlich ist der Look schon.Foto: Markus Mechnich

Oft sind es ja die eher nebensächlichen Dinge, die sich ins Gedächtnis brennen. Mir schwirrt heute noch das „Uh la, la, la“ durch den Kopf, das sich pünktlich wie Kirchenglocken jeden Mittag um 12 Uhr über den Campingplatz in der Camargue erhob. Der Sommerhit mit mir unbekanntem Titel, gegrölt von geschätzten 50 Teenagern kündigte den Beginn des Animationsprogramms an. Gut für die Kiddies, vor allem unsere Sechsjährige. Weniger gut für den Rest der Gäste, die vom Swimmingpool aus von ultracoolen, braungebrannten Jungerwachsenen mit seitlich aufgesetzten Schirmmützen und schallplattengroßen Sonnenbrillen in ohrenbetäubender Lautstärke beschallt werden. Aber gut, Hauptsache die Kinder sind zufrieden. Zum Glück wurde der Kopfhörer erfunden. Zum Glück für uns, nicht für die Schirmmützen.

Nach unserer Begegnung mit dem Wind der Voralpen fahren wir zunächst zu einer großen französischen Sportartikelkette und beschaffen uns Ersatz für unser zerpflücktes Vorzelt. Es wurde ein leicht aufzubauendes Familienzelt mit genügend Platz in der Mitte für Tisch und Stühle, sowie zwei separaten Kammern, je eine links und rechts, für ein Spielzimmer und ein Lager für all die Sachen, die beim Aufbau so aus der Heckgarage purzeln. Echte Camper werden jetzt wahrscheinlich die Nase rümpfen und unsere Kombination hat durchaus den ein oder anderen fragenden Blick bei Passanten hervorgerufen. Aber für knapp 320 Euro bringt uns das Zelt den für die Säuglinge dringend benötigten Schatten und sollte sich später auch bei Regen und Wind als ziemlich robust erweisen. Das konnte man von unserer Bierpagode zuvor ja nicht gerade behaupten.

Die Kassette ist voll

In der Camargue bleiben wir erst mal 10 Tage und finden so etwas wie Erholung. Zumindest soviel, wie uns eine Halbwüchsige und zwei Babys willens sind zu gönnen. Auch das Leben im Camper hat sich mittlerweile eingespielt. Der große Vorteil auf touristischen Campingplätzen sind ja die vorhanden Toiletten und Duschen. Die Sechsjährige allerdings mag sich an den Gang zur öffentlichen Toilette nicht so recht gewöhnen. Sie findet, dass die sozusagen hauseigene Toilette viel praktischer ist und auch deutlich mehr Privatsphäre bietet. Was so eine Sechsjährige natürlich nicht bedenkt: Diese Toilette muss dann auch geleert werden. Geht nicht wie zu Hause automatisch.

Neues Vorzelt: Nach dem Ende unserer Bierpagode mussten wir uns mit einem Familienzelt aus einem Sportartikelmarkt behelfen.
Neues Vorzelt: Nach dem Ende unserer Bierpagode mussten wir uns mit einem Familienzelt aus einem Sportartikelmarkt behelfen.Foto: Markus Mechnich

Als ich mich nach einigen Tagen an die Toilettenentleerung mache ziehe ich eine Kassette mit einem Gewicht von gefühlten 50 Kilo aus der Seite des Wohnmobils. Und das trotz der klaren Ansage, dass nur noch und ausschließlich die öffentlichen Toiletten zu benutzen sind! Einzig erlaubte Ausnahme ist das überraschende nächtliche Bedürfnis. Scheint allerdings eine Menge davon gegeben zu haben, dem Füllstand der Kassette nach zu urteilen. Mit jedem Meter auf dem Weg zur Entleerungsstation wächst der Zorn. „Uh la, la, la!“ Als ich beim Swimmingpool vorbeikomme denke ich kurz darüber nach die Kassette über den Zaun in den Pool zu werfen, wo sich die ultracoolen Schirmmützen tummeln. Eigentlich … Aber man will ja vielleicht wiederkommen. Dennoch, die Gedankenspiele und die Bilder von kreischenden Schirmmützen in meinem Kopf setzen bei mir so viele Endorphine frei, dass der Rest des Weges komischerweise fast von selbst geht. Was für ein Glück, dass uns der liebe Gott die Fantasie geschenkt hat!

Der freundliche José

Ansonsten schleifen sich die Abläufe immer besser ein. Zwischen vier und sechs Stunden benötige ich mittlerweile um das Wohnmobil richtig zu positionieren, zu sichern und unser Lager aufzubauen, wie sich bei unserer nächsten Station bei Santander im spanischen Kantabrien zeigt. Abhängig von der Gemütslage des Nachwuchses und der Kooperation des gastgebenden Campingwärters. José in La Isla ist sehr hilfsbereit. Superhilfsbereit sogar. Und er findet uns offenbar so nett, dass er uns erst mal in die Nähe des an der Einfahrt befindlichen Bürohäuschens lotst. Und er weist mich so ein, dass wir das Zelt seitlich aufbauen müssen und wieder reichlich Kinderbesuch bekommen. Nun ja, ist aber aufrichtig nett gemeint.

Neben der Heckgarage (große Tür hinten) befindet sich der Zugang zur Kassettentoilette. Die kann ganz schön schwer werden, wenn sie nicht regelmäßig geleert wird.
Neben der Heckgarage (große Tür hinten) befindet sich der Zugang zur Kassettentoilette. Die kann ganz schön schwer werden, wenn...Foto: Markus Mechnich

Allerdings zeigt sich der Campingplatz in La Isla ebenso wie die malerische Bucht zum Atlantik und Kantabrien an sich als ein Volltreffer. Der Platz ist fast ausschließlich in spanischer Hand. Hauptsächlich sind es erstaunlich ruhige und entspannte Gäste aus der Gegend, dem naheliegenden Santander oder dem Großraum Madrid. Das erweist sich als rechter Genuss nach dem „Uh la, la, la“ in Südfrankreich. Selbst nordeuropäische Proficamper, mit gelben oder weißen Kennzeichen, sind hier kaum anzutreffen und auch ultracoole Schirmmützen finden sich so gut wie keine. Die Landschaft, das Meer und der Campingplatz hingegen veranlassen uns zu mehr als einer Woche Aufenthalt.

Tuning der spanischen Art

Allerdings sollte unser Wohnmobil ein Tuning der spanischen Art erfahren, als die Gattin zum Einkauf ausfährt. Während sie auf dem Parkplatz des Supermarktes Babys und Einkäufe im Camper arretiert, ich selbst und die Halbwüchsige sind auf dem Campingplatz zurückgeblieben, knallt es heftig am Heck. Eine spanische Dame hat das rechte hintere Eck mit einem Kleinwagen demoliert. Nichts Schlimmes erst mal, aber die Señora reagiert etwas düpiert, als die Gattin nach dem Knall aus dem Camper steigt. Im Wagen sitzend signalisiert ihre Abfahrbereitschaft, dass sie nicht unbedingt damit gerechnet hat, dass sich jemand im Wohnmobil befindet. Richtig ungehalten wird sie allerdings, als die Polizei gerufen wird. Ein heftiger Redeschwall, der sogar für die sehr gut des Spanischen mächtige Gattin zu viel ist, führt fast zu einem Handgemenge.

Am Ende nehmen schmunzelnde Polizisten den Unfall auf und händigen der Gattin das wichtige Protokoll aus. Unser Camper fährt seitdem mit Gaffa-Tape notdürftig geflickt durch die Gegend. Allerdings haben wir Glück im Unglück, denn der Kleinwagen hatte nicht die Höhe eine der Heckleuchten zu erwischen. So können wir mit getapten hinterem Stoßfänger einige Tage später unsere Reise Richtung Portugal fortsetzen. Die Erkenntnisse dieser Etappe? Kassettentoiletten eines Wohnmobils können ein beachtliches Gewicht erreichen. Vor allem, wenn renitente Sechsjährige an Bord sind. Man sollte nicht immer auf den Platzwart hören. Und die Wichtigste: Hüte dich vor den Schirmmützen, besonders wenn sie ultracool sind. Es sei denn, man hat eine Kassettentoilette in der Hand. Uh la, la, la.

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