Auf Camping-Tour durch Europa, Teil 5 : "Jetzt hat es uns erwischt"

Die Alpen passiert, die Pyrenäen geschafft und die Berge Nordportugals bezwungen - doch ausgerechnet auf einem Parkplatz wartet ein Schock-Moment für Familie, Wohnmobil und Urlaubkasse. Das große Finale unseres Camping-Blogs.

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Letzte Station: In Portugal ereilt uns die Defekthexe in Form einer kaputten Kupplung. Nach einer Woche in Braga, die wir durchaus als Gewinn verbuchen können, treibt uns sehr mäßiges Wetter von der Atlantikküste wieder gen Norden in Richtung Heimat. Foto: Markus Mechnich
Letzte Station: In Portugal ereilt uns die Defekthexe in Form einer kaputten Kupplung. Nach einer Woche in Braga, die wir durchaus...Foto: Markus Mechnich

Wohnmobile sind keine Rennwagen. So einfach die Erkenntnis, so weitreichend die Wirkung. Wir befinden uns mittlerweile rund 2300 Kilometer an direkter Strecke von der Heimat entfernt. Auf unseren ungeraden Wegen haben wir mehr als 5000 Kilometer zurückgelegt. Das lässt sich fahren mit so einem Koloss. Zudem sitzen wir in einem Alkoven-Modell. Für eine Familie mit fünf Köpfen der unausweichliche Aufbau, denn nur die Fahrzeuge mit den halbrunden Schlafkabinen über dem Fahrerhaus bieten mindestens fünf Schlafplätze. Das ist praktisch. Der Nachteil ist allerdings, dass diese Autos aerodynamisch eine Katastrophe sind. Physik lässt sich nicht diskutieren und so fahren wir im Grunde eine 3,20 Meter hohe Schrankwand gegen den Fahrtwind. Das macht sich natürlich am Spritkonsum bemerkbar. Je flotter wir fahren, desto schneller sinkt die Nadel der Tankanzeige. Klingt logisch kann aber dramatische Ausmaße annehmen. Zum Beispiel, wenn wir mit dem 80 Liter großen Tank nur noch eine Reichweite von weniger als 500 Kilometern erzielen. Schlaue Camper fahren daher eher maximal 110 km/h auf der Autobahn. Dann lässt sich der Konsum unseres Wohnmobils auf etwa 13 Liter eingrenzen. Fehlende Geduld bestraft der Bordcomputer mit Verbrauchsanzeigen von 16-18 Liter pro 100 Kilometer.

Warum ich das alles erzähle? Weil wir bis hierher in Nordspanien so ziemlich alle Varianten für die beste Fahrtzeiten ausprobiert haben. Und das ist mit drei Kindern, davon zwei  Säuglinge, eine durchaus wichtige Angelegenheit. Der Start morgens möglichst früh führt zu großer Langeweile im Fond. Je nach Tagesform krakelt es nach einer oder spätestens drei Stunden von hinten: "Mir ist langweilig!" Und das ungeachtet der Tatsache, dass wir eine ganze Tonne an Spielsachen neben unserer Sechsjährigen im Gang platziert haben. Gut, dass Playmobil fällt während der Fahrt immer um, vom Bücher betrachten wird ihr schlecht und auf Malen hat sie nach einer gewissen Zeit eben keine Lust mehr. Durchaus nachvollziehbar. Die Zwillinge sind da wesentlich pflegeleichter, denn die schlafen eigentlich immer sofort ein. Gute Kinder! Problem ist nur, dass auch sie bei längerer Fahrt wieder wach werden. Der Junge ist da recht entspannt, zumindest so lange er keinen Hunger hat. Aber das lässt sich ja mit einem kurzen Stopp lösen.

Hinten im Wohnmobil steigert sich das Crescendo

Das Mädchen hingegen zeigt Charakter. Wenn sie genug hat, hat sie genug. Und sei es auch 30 Kilometer vor dem Ziel. Das Crescendo steigert sich von leichtem Meckern über lautstarke Beschwerden bis zu einem Gebrüll, dass die Scheiben wackeln. Selbst wenn wahlweise die Gattin oder ich während der Fahrt illegalerweise nach hinten klettern und sie mit Tanz und Gesang erfreuen, lässt sie sich von ihrer Meinung nicht mehr abbringen. Es reicht! Pause! So steht man dann kurz vor dem nächsten Campingplatz irgendwo in der Pampa und wartet darauf, dass sich die Laune von Madame wieder bessert und die letzten Kilometer absolviert werden können.

Bergiges Portugal: Der Nationalpark Peneda-Gerês ist landschaftlich ein Traum. Hier ist naturverbundenes Camping noch möglich. Foto: Markus Mechnich
Bergiges Portugal: Der Nationalpark Peneda-Gerês ist landschaftlich ein Traum. Hier ist naturverbundenes Camping noch möglich.Foto: Markus Mechnich

Die andere Variante ist die Nachtfahrt. Im Grunde bin ich ein großer Freund der Nacht.  Die Kinder schlafen in der Regel durch, auch die Halbwüchsige. Man kommt vorwärts, weil die Straßen meist frei sind und der Spritkonsum bleibt durch die gleichmäßige Fahrt auch im Rahmen. Das Problem ist nur die Ankunft. Auf unserer Reise von Kantabrien nach Nord-Portugal  erreichen wir zu vormittäglicher Stunde den Campingplatz im wunderschönen Nationalpark Peneda-Gerês. Wir checken ein, finden einen netten Platz und platzieren den Camper. Auch die Stimmung auf den hinteren Plätzen ist in Ordnung. Alles ist ausgeschlafen und fit. Topfit sogar. Alle außer Mami und Papi, die sich bei der nächtlichen Fahrt von rund 12 Stunden am Steuer abgewechselt haben. Mit maximal drei Stunden Nickerchen ohne richtige Tiefschlafphase machen wir uns an den Aufbau. Die Zwillinge schreien abwechselnd oder gemeinsam nach Aufmerksamkeit, der Halbwüchsigen ist abwechselnd langweilig oder sie will helfen. Man weiß nicht, was schlimmer ist. Und die Eltern könnten im Stehen einschlafen. Der Tag wird eine Tortur und der Aufbau zieht sich über ganze sechs Stunden. Nachdem das ganze Kleinzeug abends ins Bett untergebracht ist, fallen Mami und Papi tot um.

Schlechtes Wetter vertreibt uns aus dem Nationalpark

Nach fünf Tagen in der traumhaft schönen Landschaft von Peneda Gerês machen wir uns auf den Weg zur vorletzten Station unserer Reise in der Nähe von Porto. Zuvor hat es einen kompletten Tag durchgeregnet, nein eigentlich gekübelt auf übelste Art und Weise. Das hat bei uns große Sehnsucht nach Strand und Meer hervorgerufen. Der Weg ist nicht lang und so fahren wir tagsüber, machen Pausen und genießen die einzigartigen Ausblicke in dieser wie von Riesen geschaffenen Felsenlandschaft mit ihren romantischen kleinen Dörfchen. In Terras de Bouro machen wir eine längere Rast um glasklares Quellwasser zu trinken und uns ein merkwürdiges Spektakel anzusehen. Mitten auf der abgesperrten Hauptstraße wird ein Pferderennen veranstaltet. Allerdings nicht auf Sand, Schotter oder anderem Untergrund. Nein auf dem blanken Asphalt. Auch der Parcours ist nicht weiter gesichert. Die Menschen stehen Straßenrand ohne Absperrung, während die etwas wild aussehenden jungen Männer auf ihren Pferden mit vollem Tempo angaloppiert kommen und auf halber Strecke ihre Kurve um einen alten Autoreifen hinlegen. Alle ohne Helm oder sonstigen Schutz. Seltsame Bräuche haben die hier, in Deutschland wäre so etwas undenkbar. Nun denn, anderen Länder …

Minimalistisch: In den letzten Tagen campen wir nur noch mit Markise und ohne unser Vorzelt. Das spart Zeit, bringt aber wenig Privatsphäre mit sich. Foto: Markus Mechnich
Minimalistisch: In den letzten Tagen campen wir nur noch mit Markise und ohne unser Vorzelt. Das spart Zeit, bringt aber wenig...Foto: Markus Mechnich

Wir gehen zurück zum Camper, ich setze ich hinters Steuer, trete die Kupplung und das Pedal fällt in sich zusammen. "Jetzt hat es uns erwischt", schießt es mir sofort durch den Kopf. Mehr als 5000 Kilometer, Alpenüberquerungen, die Pyrenäen und die Berge Nordportugals hinter uns gelassen und jetzt haben wir einen Defekt. Der Blick wandert ratlos über die geöffnete Motorhaube und sucht nach maroden Schläuchen oder Behältern. Unten sichert etwas Hydrauliköl heraus, aber die Quelle lässt sich nicht finden. Es hilft nichts, wir rufen beim deutschen Pannendienst an. Zum Glück greift unser Schutzbrief. Zwei Stunden später kommt ein kleiner Isuzu-Lkw angefahren und will uns abschleppen. Der ist tatsächlich kleiner als unser Camper, schafft es aber doch das Wohnmobil auf seine Pritsche zu ziehen. Eine fast atemberaubende Kulisse tut sich auf, das Duo ist bestimmt mehr als vier Meter hoch. Ich steige vorne ein und der Fahrer brettert los. Ganz schön flott, denke ich und versuche den Fahrer darauf aufmerksam zu machen, dass wir mehr als vier Meter hoch sind. Er nickt mit wissendem Blick und fährt auf die nächste Unterführung. Ich mache die Augen zu und kalkuliere schon mal durch, was die Flüge wohl so kosten werden. Aber der Mann versteht sein Fach und bringt uns sicher zu einer Fiat-Vertragswerkstatt in Braga.

An die Algarve schaffen wir es nicht mehr

Hucke-Pack: Unser Wohnmobil wird von einem denkbar kleinen Abschlepper dann doch recht spielend auf die Pritsche genommen. Foto: Markus Mechnich
Hucke-Pack: Unser Wohnmobil wird von einem denkbar kleinen Abschlepper dann doch recht spielend auf die Pritsche genommen.Foto: Markus Mechnich

Schade nur, dass die schon zu hat. Es ist bereits acht Uhr abends und da ist auch in Portugal Feierabend. Für meine Familie geht es mit dem Taxi ins Hotel. Ich, sozusagen als sechstes Rad am Wagen, fahre mit dem Fahrrad auf Irrwegen hinterher. Die Werkstatt sollte sich allerdings in den nächsten Tagen als sehr gut herausstellen. Der Werkstattleiter Mr. Pinheiro kümmerte sich rührend um unser Fahrzeug. Auch Braga war ein schöner Stopp, zumal wir alle auch mal wieder in einem Bett schlafen konnten. Am Ende hielt sich sogar die Höhe der Rechnung im Rahmen, obwohl neben dem defekten Kupplungsgeber, der dummerweise hinter dem Getriebe sitzt, auch noch die Kupplung selbst wegen Verschleiß ausgetauscht werden musste. Wir profitieren von den niedrigen Löhnen in Portugal und fühlen uns ein bisschen schlecht dabei. Gleichzeitig sind wir aber erleichtert, dass unsere ohnehin schon ziemlich ausgelaugte Urlaubskasse noch ausreichend Reserven für die Rückfahrt hat. Die Algarve werden wir dieses Mal aber nicht mehr sehen.

Am Ende haben wir rund 8500 Kilometer in zehn Wochen abgespult, fünf Länder bereist, zwölf Campingplätze besucht, ein Vorzelt verloren, einen Heckschaden durch Unfall erlitten, einen technischen Defekt gehabt und unzählige Stunden in unserem Wohnmobil verbracht. Die Erkenntnisse unserer Tour? Wir haben viel gelernt über Reisen mit dem Wohnmobil, haben viele Fehler gemacht, ungeheure Strapazen erlebt, außerordentlich schöne Ecken Europas entdeckt und sind immer noch als Familie zusammen. Und der Camper? Der steht vor unserem Haus und wartet auf neue Abenteuer. Er gehört jetzt irgendwie auch dazu.

Gutes von Gestern
Zeitreise: Eine Reise nach Kirgisistan wirkt wie eine Reise ins Auto-Deutschland der 90er Jahre. Viele ausrangierte Modelle fahren im zentralasiatischen Staat noch jahrelang im Straßenverkehr. Foto: Sven JürischWeitere Bilder anzeigen
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19.03.2014 13:55Zeitreise: Eine Reise nach Kirgisistan wirkt wie eine Reise ins Auto-Deutschland der 90er Jahre. Viele ausrangierte Modelle fahren...

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Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

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