Auf Kurs mit Rennsport-Legende "Strietzel" : Ein schnelles Leben

In der Lausitz dreht Altmeister Hans-Joachim Stuck ein paar schnelle Runden auf der Rennstrecke. Wir machen das, was jeder gute Beifahrer macht: Wir sorgen dafür, dass das Gespräch nicht abbricht.

Kai Kolwitz
Rennsport-Legende Hans-Joachim Stuck ist ein alter Hase im Geschäft. Trotzdem liegt er drei Nächte lang wach vor dem nächsten Rennen.
Rennsport-Legende Hans-Joachim Stuck ist ein alter Hase im Geschäft. Trotzdem liegt er drei Nächte lang wach vor dem nächsten...Foto: promo

Der Morgen ist kühl, die Lausitz leise. Tribünen ragen in den Himmel. Mechaniker schieben einen Rennwagen an die Boxengasse. Letzte Handgriffe, ein Fahrer steigt ein. Der Motor brüllt, als müsse er sich freihusten, so klingt er, wenn der Tempobegrenzer aktiviert ist. Doch dann gibt der Fahrer Gas und fährt Richtung Strecke. Und es ist wieder Stille.

Schon eine Runde später kommt das Auto allerdings wieder, die Frontscheinwerfer hängen lose an den Kabeln herunter. In der Boxengasse sieht man Gesichtsausdrücke zwischen Belustigung und Überraschung. „Die Firma, die den Wagen foliert hat, hat sie anscheinend nicht wieder festgeschraubt“, meint einer der Männer, die den Wagen vorbereitet haben, und macht sich daran, das nachzuholen.

"Die Bremspunkte sind das Schwierigste"

Der Porsche GT3 Cup absolviert hier seine ersten Runden. In einigen Wochen soll Hollywood-Schauspieler Patrick Dempsey ihn um die Strecke steuern, sein Name steht schon auf der Fahrertür. Heute dagegen sind andere Fahrer an der Strecke. Nick Tandy zum Beispiel, der gerade die 24 Stunden von Le Mans gewonnen hat. Jörg Bergmeister, für Porsche in der FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft unterwegs. Und Altstar Hans-Joachim Stuck, Ex-Formel-Eins-Pilot und ebenfalls doppelter Le-Mans-Sieger.

Die drei erledigen nicht nur das Einfahrprogramm für den Cup-Motor, Porsche veranstaltet am Lausitzring eine Art Leistungsschau. Neben dem Dempsey-Auto ist noch ein Porsche 911 RSR dabei, ebenfalls ein Le-Mans-Wagen und noch aufwändiger aufgebaut als der Rundstrecken-GT-3. Außerdem diverse schnelle Serien-Elfer, das hat den Vorteil, dass man als Zuschauer ein paar Runden mit den Profis mitfahren kann. In den Rennwagen ginge das nicht, denn die haben nur einen Sitz.

„Vorsicht, die grünen Curbs sind noch nass“, meint Stuck, als er das Steuer des Cup-Porsches weitergibt. Muss man sich nach so vielen Jahren im Cockpit eigentlich überhaupt noch an das Limit eines neuen Wagens herantasten? „Oh ja“, meint der Bayer, „die Bremspunkte sind das Schwierigste. Völlig anders als früher, wie spät man mit diesen Autos bremsen kann.“

Warmfahren und ausfahren. Der Porsche GT3 von Patrick Dempsey wird auf dem Lausitzring schon mal vorgewärmt.
Warmfahren und ausfahren. Der Porsche GT3 von Patrick Dempsey wird auf dem Lausitzring schon mal vorgewärmt.Foto: promo

Überhaupt ist der 64-Jährige in Sachen Technik pragmatisch, Nostalgie ist ihm da völlig fremd: „Als damals das erste Renn-ABS kam, das war total klasse. Das hat dir Sicherheit gegeben und Arbeit abgenommen. Oder die sequenziellen Getriebe: 1977 hatten wir im Brabham-Formel-Eins 1350 Schaltvorgänge in einem Rennen – alles mit H-Schaltung und Hand weg vom Lenkrad.“ Gerade bei Langstreckenrennen mit wechselnden Wetterbedingungen sei die Technik eine Lebensversicherung. Und die Fights würden eher spannender: „Man kann sich mehr aufs Fahren konzentrieren.“

Den Satz hören, einsteigen und anschnallen, Stuck nimmt auf dem Fahrersitz Platz und gibt Gas. Ist Angst eigentlich ein großes Thema im Rennwagen? „Oh ja, die hatte ich unzählige Male“, sagt Stuck, bremst scharf und lenkt danach wieder ein, „Vor allem dann, wenn ich viel zu schnell war und es irgendwie noch gut gegangen ist. Wenn es wirklich knallt, dann hat man zu viel zu tun, um sich zu fürchten - da muss ich gucken, dass ich den Wagen noch so drehe, dass es glimpflich ausgeht.“

Drei Schlaflose Nächte vor dem nächsten Rennen

Der Wagen knallt über die Randsteine, wenn Stuck Gas gibt, ist das wie ein Tritt ins Kreuz. Man spürt das Heck rutschen, wenn der Altmeister einlenkt und hängt im Gurt, wenn er vor der Kurve in die Eisen geht. Es ist beeindruckend, wie ruhig Rennprofis ihre Arbeit verrichten, kein wildes Gekurbel, kein Quietschen, nur kleine Bewegungen, die sitzen. Was einem der Magen dazu erzählt, scheint nicht zu der Optik zu passen, da ist Terror und Alarm.

Hans-Joachim Stuck hat seine Profi-Karriere im Jahr 2011 beendet. Nach einem Unfall musste ein Blutgerinsel aus seinem Kopf entfernt werden, ihn brachte das auf die Intensivstation. „Da wurde mir klar, dass ich 43 Jahre lang wahnsinniges Glück gehabt habe“, beschreibt er, zumal in einer Zeit, in der jedes Jahr Fahrer starben. „Da merkst Du, was für ein kleines Rädchen Du als Fahrer bist“, er schweigt und wechselt das Thema.

Neben dem Dempsey-Auto ist noch ein Porsche 911 RSR dabei, ebenfalls ein Le-Mans-Wagen und noch aufwändiger aufgebaut als der Rundstrecken-GT-3.
Neben dem Dempsey-Auto ist noch ein Porsche 911 RSR dabei, ebenfalls ein Le-Mans-Wagen und noch aufwändiger aufgebaut als der...Foto: promo

„Der Grenzbereich kündigt sich hier sehr gut an, deshalb kann man nah ans Limit gehen“, beschreibt er den 911 Turbo S, mit dem er mich gerade chauffiert. „Bei einem Rennwagen wäre er viel schmaler.“ Liebster Rennwagen aller Zeiten? „Der Porsche 962C war perfekt“, sagt Stuck, das Auto, mit dem er seine beiden Le-Mans-Siege herausfuhr. „Der Abtrieb, die Reifen, die Leistung – das war ein Wagen, da hat man gesagt: „Das geht nicht“ und ist trotzdem voll gefahren. Weil ich damals am nächsten an Stuttgart gewohnt habe, habe ich auch die Erprobungsfahrten für alle Kundenautos gemacht. Man musste voll mit dem Abtrieb arbeiten, dann funktionierte es.“

Größter Alptraum war dagegen ein ATS-Formel-Eins, den Stuck originellerweise heute immer noch besitzt, weil er einen Teil seines Fahrerhonorars darstellte. Daneben parken noch ein BMW 700 aus den Sechzigern und ein BMW 2002ti, ein Wagen aus Stucks Renn-Anfängerzeit. Aber was fasziniert einen eigentlich so sehr am Fahren? „Ich weiß es nicht, bei mir war es immer so“, lautet die Antwort. „Aber wenn ich heute höre, dass ich noch einmal fahren soll, dann kann ich drei Tage vorher nicht schlafen.“

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