Auto : Auf Linie gebracht

An diesem Wochenende startet Volkswagens neuer Tiguan – mit einer Schnauze, die in der Familie keinen Ärger mehr macht

von

Eigentlich wäre diese Überarbeitung gar nicht nötig gewesen. Denn der Tiguan ist so was wie der Traum eines jeden Autoherstellers. Ein Selbstläufer. Er führt unangefochten die Verkaufsliga bei den kleinen SUV an. Doch ließe man ihn unverändert, würde der erfolgreiche Softroader ab Herbst eine Sonderrolle im VW-Konzern spielen. Im September wird der Passat CC als letzter Volkswagen auf Einheitslinie gebracht und vom Chromlätzchen-Gesicht befreit, wie es der im Januar 2007 geschasste VW-Chefdesigner Murat Günak entworfen hatte.

Günaks Spuren will man endgültig tilgen. Also macht VW klar Schiff und verändert das kleine Schiff nicht nur außen, sondern gleich auch innen. Nach vier Jahren gibt’s also außen eine kleine Schönheitsreparatur. Im Rückspiegel sieht der überarbeitete Tiguan aus wie ein Touareg – jedenfalls von weitem. Vor allem aber gab es eine Kraftkur. Unter der Haube zieht neue Fröhlichkeit ein, die keinen schalen Beigeschmack der Völlerei hat. Denn drei der sieben Motoren – vier Benziner, drei Diesel – sind nicht nur neu, sondern vor allem richtig sparsam.

Die beiden Diesel (110 und 140 PS), als Blue-Motion-Technology-Modelle mit serienmäßiger Start-Stopp-Automatik, besitzen bei den Versionen mit dem Direktschaltgetriebe DSG einen Freilauf. Beim Gaswegnehmen auf der Autobahn wird nun ausgekuppelt. Der Motor fällt in den Leerlauf; das Dahingleiten ohne Motorbremse bringt einen gewissen Spareffekt. Verbrauch: 5,8 Liter mit Allrad und 140 PS oder nur 5,3 Liter mit 110 PS und Frontantrieb. Für solche, die es gern brennen lassen und nicht auf den Spritverbrauch achten, gibt es neu den großen TSI mit 210 PS (ab 31 775 Euro). Es handelt sich um die Maschine, die auch den Golf GTI befeuert.

Bei unserer Probierrunde sind wir bewusst den brandneuen 160-PS-Benziner mit Frontantrieb gefahren (ab 25 725 Euro). Es ist der bekannte 1,4-Liter-Vierzylinder mit Kompressor und Turbo sowie Start-Stopp-System. Ein feiner Motor, der sich nie unangemessen in den Vordergrund drängt. Das Sechsganggetriebe funktioniert exakt und bietet passende Anschlüsse. Wer einen sensiblen Gasfuß und keine Scheu vor niedrigen Drehzahlen bei einem Benziner hat, der fährt mit diesem neuen Triebwerk im Tiguan überraschend sparsam. Auf unserer 180-km-Testrunde schwankte der reale Verbrauch zwischen 8,6 und 9,4 Liter. Der Tiguan federt soft, und die Geräuschdämmung ist sehr gut.

Kaum besser als der 160-PSer ist der Zweiliter-TSI mit 180 PS, aber gleich 2850 Euro teurer, weil er nur mit Allradantrieb zu haben ist. Beiden Turbos ist jedoch eines gemeinsam: Werden sie getreten, rächen sie sich mit ungezügelten Trinksitten – für Autobahnbolzer also die falschen Motoren. Für die ist der 140-PS-TDI (ab 29 600 Euro; immer als Allradversion) die goldene Mitte. Zumal es ihn mit der komfortablen DSG-Automatik (1825 Euro) gibt. Unser Durchschnittsverbrauch mit dem beliebtesten Motor im Tiguan: 6,2 Liter. Der 170-PS-Diesel ist gleich 3100 (!) Euro teurer, denn er wird nur in der Topversion Sport & Style geliefert; und erst im nächsten Jahr kann für ihn das sehr gute Doppelkupplungsgetriebe geordert werden. Sparfüchse nehmen den „kleinen“ TDI mit 110 PS (ab 26 050 Euro).

Beim Einstiegspreis hält es VW – fast schon untypisch – volkstümlich: Das Basismodell mit 122 PS und Frontantrieb kostet nämlich auf den Cent genauso viel wie der Vorgänger: 24 175 Euro. Doch wer es stärker und edler wünscht (zum Beispiel mit Müdigkeitswarner, automatischem Einparksystem oder Kurvenlicht mit Bi-Xenonscheinwerfern), der landet unter dem Strich schnell bei 30 000 Euro und mehr.

Der Tiguan gehört zu jenen Automobilen, die nicht auffallen, aber in Wirklichkeit vieles besser können als jene, die nur vordergründig schillern. Deutschlands Liebling unter den SUV wird die anderen auch weiterhin in der Verkaufsstatistik abhängen: Ich bin zwar ein Musterschüler, aber ihr werdet auch künftig nur meine neuen LED-Leuchten sehen. Tschüss!

Wie sehr diese Taktik von VW zieht, belegt eine beeindruckende Zahl: Noch vor dem offiziellen Marktstart an diesem Wochenende liegen für den neuen Tiguan 18 000 Blindbestellungen vor.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

Mehrfahrgelegenheit –
ein Projekt von MEHR BERLIN

0 Kommentare

Neuester Kommentar