Ausfahrt mit dem Porsche 911 Cabriolet : Die Legende bebt

Rechtzeitig zum Frühlingsanfang geht mit dem neuen 911 Carrera Cabriolet ein Auto an den Start, das nicht nur Profis anmacht. Zur Abwechslung haben wir einen blutigen Porsche-Anfänger gebeten, den Schönling auszuprobieren: Eindrücke einer Jungfernfahrt.

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Freie Fahrt. Rechtzeitig vor dem Genfer Autosalon hat Porsche den ersten Freiluft-Star auf die Straße gebracht – einen Klassiker mit neuem Blechkleid, neuer Technik und neuem Innenraum.
Freie Fahrt. Rechtzeitig vor dem Genfer Autosalon hat Porsche den ersten Freiluft-Star auf die Straße gebracht – einen Klassiker...Foto: Hersteller

Vor diesem Autotest steht die Anreise per Flug und im Terminal steht ein kleiner Junge. "Ein Porsche!", schreit er, als vor dem Fenster ein startendes Flugzeug vorbeirast. Der Ruf des ahnungslosen Kleinen beweist, dass diesmal nicht nur um ein Auto geht. Sondern um einen Traum von Jungs jeden Alters, der über Jahrzehnte zum Ruf von "Made in Germany" und zum deutschen Exportweltmeistertitel beigetragen hat. Selbst wer immun gegen unvernünftige Autos ist, hat beim Stichwort "Porsche" ein Bild vor Augen. Und zwar meist das des 911ers, der über 50 Jahre zu Herz und Seele der Marke geworden ist. Seit 30 Jahren gibt es ihn auch oben ohne. Jetzt, rechtzeitig zu den ersten lauen Lüftchen, steht die neueste Generation des Cabrios am Start. Und mit ihr die Frage, wovon wir Jungs eigentlich träumen.

Der Test fängt klein an – mit der Basisversion namens Carrera mit 350 PS und Schaltgetriebe. Die sieben Gänge sind zunächst ungewohnt, aber dem Auto ist relativ egal, in welchem man fährt. Gut, bei Tempo 100 im Zweiten schlackern die Ohren und bei Tempo 60 im Siebten fühlt sich das Auto nach verstopfter Nase an. Doch sonst schnürt man einfach mit einem verblüffend vertrauten Gefühl um unbekannte Kurven in die Berge hinauf. Dieses Gefühl ist wohl das Geheimnis: Man sitzt urgemütlich, führt das eben noch fremde Auto präzise wie eine Straßenbahn auf Ideallinie und fragt sich, warum nicht alles im Leben so gut funktionieren kann. Die Hauptverantwortung liegt im rechten Fuß, der die Sportskanone ebenso mühelos mit Tempo 15 über Fahrbahnschwellen vor Kitas geleiten wie mit Gebrüll zu den Gipfeln jagen kann. Dank elektronischer Regelung kann das Fahrwerk sowohl Rennen mitmachen als auch Rumpelstraßen bügeln. Da staunt der Laie.

Ein Hyundai gibt Bedenkzeit

Gerade als es am schönsten ist, hängt man hinter einem kleinen Hyundai fest. Man könnte jetzt auf die optionale Taste mit dem Auspuff drücken, um vulgäres Lass- mich-vorbei!-Gehuste zuzuschalten. Aber wir sind kein tiefergelegter Vorstadtrüpel, sondern Legende, und verhalten uns entsprechend. In der so gewonnenen Bedenkzeit merkt man, dass das Leben oft aus vorausschleichenden Kleinwagen besteht. Aber in diesem Porsche kann man – gereifte Persönlichkeit vorausgesetzt – schon deshalb dahinter bleiben, um nicht so schnell wieder aussteigen zu müssen. So bleibt Zeit, die beiden elektrischen Stützen in der Sitzlehne der Tagesform des Bürorückens anzupassen, die ausladenden Pobacken des Autos in den Außenspiegeln zu betrachten oder die Spiegelung der Wolken im Kofferraumdeckel zu beobachten, der sich seitlich hin sanft zu den Scheinwerfern wölbt. Das Leben ist schön, wenn der Tacho bis 330 geht und am Straßenrand die Amsel singt.

"Stoffdach" würden Laien das Verdeck wohl nennen, aber die Mütze vereint Ingenieurskunst mit Zauberei. Der 911er öffnet und schließt sich per Knopfdruck in einer nur 13-sekündigen Choreografie, an deren Ende je nach Richtung sich der Deckel perfekt in die Karosserie faltet oder samt integrierter Glasheckscheibe so akkurat über den Insassen liegt, dass die Eisheiligen kommen können. Selbst ein Windschott, das sonst immer einzeln herumpurzelt, ist Teil dieser Offenbarung. Zwar klingt das Cabrio immer ein bisschen, als wäre irgendwo ein Fenster offen, aber das liegt am Material und nicht an etwaigen Ritzen. Zumal im mehrlagigen Stoff eine Magnesiumkonstruktion steckt, die die Schwaben so weit perfektioniert haben, dass das Cabrio statt der Bürzelmütze jetzt dieselbe Silhouette hat wie der Carrera mit Blechdach. Wer so ein Dach zu bauen vermag, hat zur Belohnung einen Porsche verdient.

Getriebe adaptiert des Fahrers Pläne

Einen weiteren gibt es bei der nächsten Tour in einem 911er mit Doppelkupplungsgetriebe. Wieder sieben Gänge, aber diesmal automatisch und dank Vorab-Schaltvorgang (Doppelkupplung!) ohne jede Unterbrechung. Wer will, kann auch über Paddel am Lenkrad schalten, aber der Automat macht es sowieso besser. Vor allem macht er es, als sähe er, was der Fahrer vorhat: Zum schnellen Überholen schaltet er auch mal fünf Gänge zurück, beim allmählichen Gaswegnehmen kann er das Auto ausgekuppelt „segeln“ lassen. Das spart Sprit.

Life is good - Die Fahrt mit dem Porsche 911 Cabrio gleicht einem Frühlingstraum. Wunderbar, aber auch zu schnell vorbei und dann auf lange Zeit unerreichbar.
Life is good - Die Fahrt mit dem Porsche 911 Cabrio gleicht einem Frühlingstraum. Wunderbar, aber auch zu schnell vorbei und dann...Foto: Hersteller

Apropos Sprit: Die Suche nach der Verbrauchsanzeige führt über ein unergründliches Multifunktionsdisplay, dessen schönster Menüpunkt "G-Force" heißt. G ist die Erdbeschleunigung, und im darunterliegenden Kreisdiagramm oszilliert ein Punkt, der einen um den Verstand bringen kann: Sehr flott durch den Kreisverkehr? Punkt schwimmt links-rechts -links. Ab etwa 0,3g fliegen lose Taschen umher. Bei 0,5 muss sich der allzu lässig-langarmige Fahrer am Lenkrad festhalten, bei 0,9 wird das Gehirn weich und bei 1,1 glaubt man, dass die walzendicken Reifen anfangen, über den Asphalt zu schrappen. Ein Kavalierstart, bei dem ein Feuerstrahl aus den vier Auspuffrohren zu schießen scheint, schiebt den Punkt etwa 0,7g nach unten im Diagramm und eine Vollbremsung auf 1,1g nach oben, wenn man ganz fest tritt. Eigentlich viel schöner als die Frage nach dem Durchschnittsverbrauch, der im Gewirr der Tasten und Menüs ohne Anleitung eh nicht zu finden ist. Im Prospekt stehen knapp zehn Liter Super Plus. Nutzt man die Höchstgeschwindigkeiten von 284 bis 301 km/h und beschleunigt öfter mal in weniger als fünf Sekunden auf Tempo 100, ist es vermutlich das Dreifache. Aber das ist egal, denn wir fahren nun wieder vernünftig. Damit die Legende noch lebt, wenn wir sie zurückgeben müssen. Und wieder umsteigen in den ewigen Kleinwagen, der unser Leben ist.

Die Mehrfahrgelegenheit - Carsharing in Berlin


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