Auto-Markt nach dem Mauerfall : Der große Auto-Rausch

In den Monaten nach dem Mauerfall herrschte Goldgräber-Stimmung auf dem Automarkt. Der Wert der einst so hoch gehandelten Trabis fiel ins Bodenlose und „West-Autos“ wurden plötzlich mit exorbitanten Aufschlägen gehandelt. Einige wurden reich und viele eine Menge Geld los.

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Grenzübergang Bornholmer Straße am 10. November 1989. Voller Euphorie fuhren die Bürger der DDR in ihren Trabis gen Westen. Wenige Tagen später wollten die meisten ihre DDR-Autos so schnell wie möglich loswerden.
Grenzübergang Bornholmer Straße am 10. November 1989. Voller Euphorie fuhren die Bürger der DDR in ihren Trabis gen Westen. Wenige...Foto: picture-alliance/ dpa

Jeder kennt die Bilder von den Trabis, die in der Nacht des Mauerfalls am 9. November 1989 die Grenzübergänge passierten. Beklatscht und bejubelt wurden die Zweitakter, die sich da, einer nach der anderen, auf den Weg in den Westen machten. Der Trabi, der die Mauer durchbricht, wurde von der Künstlerin Birgit Kinder im Juli 1990 gar auf der Berliner East Side Gallery als Mauergemälde verewigt. Eine Ikone der DDR, aber auch ein Symbol der Wendezeit. Schon kurz danach gab es für viele DDR-Bürger jedoch nichts Wichtigeres als möglichst schnell ein "West-Auto" zu bekommen. Den Plaste-Bomber aus Zwickau hingegen wollte niemand mehr. Das wirbelte den Automarkt ordentlich durcheinander.

"Als die Wende kam war klar: Wir wollten Westautos reparieren und verkaufen", erinnert sich Manfred Zellmann. Der gelernte Ingenieur hatte damals eine Trabant-Werkstatt in Alt-Glienicke. Trotz seines Studiums ging es in der DDR für ihn ohne das passende Parteibuch nicht weiter. Also tauschte er fünf Jahre vor dem Mauerfall den Anzug gegen einen Overall und machte sich selbstständig. "Wir kannten den westdeutschen Automarkt kaum und wussten wenig über Marktanteile." Zellmann ging auf Volkswagen zu und versuchte Vertragspartner zu werden. "Irgendwann stand ein Vertreter von VW vor der Tür und sagte, dass sie es mit uns versuchen wollten." Der Startschuss für sein Autohaus, das heute über mehrere Standorte vier Marken vertreibt und mehr als 200 Mitarbeiter beschäftigt.

Ein El Dorado für Auto-Händler

Geschichten wie diese gab es viele in den Monaten nach dem Fall der Mauer. Schon im Juli 1990 hatte der Volkswagen-Konzern 420 Standorte für VW und Audi in der damals noch existenten DDR akquiriert. Andere Autobauer waren ähnlich umtriebig. Schon Mitte 1990 waren mehr als 1400 Händler in der DDR bei einem der großen Autokonzerne aus dem Westen unter Vertrag. Der ehemals sozialistische Staat wurde innerhalb weniger Wochen zum El Dorado für Auto-Händler.

In den ersten Wochen nach dem Mauerfall galt das besonders für Gebrauchtwagen. "Der Markt war nach dem Mauerfall so gut wie leergefegt", weiß Siegfried Trede, Leiter der Fahrzeugbewertung bei der Deutschen Automobil Treuhand (DAT). Die Bürger der DDR wollten massenweise ihre Trabant und Wartburg gegen Volkswagen, Opel und Co. loswerden, manche um jeden Preis. Viele fühlten sich stigmatisiert durch die DDR-Autos. Das führte skurrilen Entwicklungen und machte vielen Betrügern den Weg frei. Besonders berüchtigt war der Dresdner Gebrauchtwagenmarkt auf einem abgeernteten Getreideacker am südlichen Stadtrand. Von Dresden aus war es weit bis in den goldenen Westen und viele skrupellose Händler nutzten die Gelegenheit. Da fanden schon mal Autos zum doppelten Listenpreis oder mehr ihre Abnehmer. Frühe Exzesse des Marktes sicherlich. Aber Siegfried Trede kann belegen: "Im Bundesdurchschnitt gingen die Preise für Gebrauchtwagen aufgrund der gestiegenen Nachfrage rasant in die Höhe. Etwa zehn Prozent war ein Gebrauchter über Nacht mehr wert." Viele Westdeutsche verkauften so schnell es ging ihren Alten und holten sich einen Neuwagen. Und das Gros der Gebrauchten aus dem Westen fuhr über die Grenze gen Osten.

Auto-Papst trifft ersten Trabi

Glück hatte da, wer an einen fairen Verkäufer geriet. Frank J. etwa. Er war wenige Wochen vor dem Fall der Mauer über Ungarn und Österreich in den Westen gekommen und arbeitete am Berliner Hebbel-Theater. Dort traf er Andres Kessler, heute besser bekannt als der "Auto-Papst" von Radio Eins. Wenige Tage nach der Öffnung der Grenzen holte Frank seinen Trabi nach West-Berlin. "Als ich ihn sah dachte ich nur: Was für ein Vehikel!", erinnert sich Kessler. Der Auto-Experte sah den Preisverfall kommen und riet seinem Kollegen das Auto so schnell wie möglich loszuwerden. Gerade noch rechtzeitig konnte J. seinen Trabi in Ost-Berlin verkaufen.

Der Erlös reichte gerade so für einen phönixroten Audi 80 Baujahr 1974. "Der Wagen war verbraucht und hätte wegen seines sehr angefressenen Unterbodens wohl keinen Tüv mehr bekommen“, so Kessler. Aber die Hauptuntersuchung hatte er gerade hinter sich und so schlug Frank J. zu, wissend um die vielen Problemzonen, die ihm Kessler gezeigt hatte. Die ersten beiden Nachwendejahre hielt der rote Audi durch, dann ging er in den Schrott. Befreundet sind die beiden bis heute, aber Frank J. fährt mittlerweile eine Ente.

Einige blieben auf der Strecke

Eine Bescheidenheit, die bei vielen erst Jahre nach dem großen Rausch eintrat - Und manchmal vorher zum großen Kater führte. Denn die Masse an betagten Autos aus dem Westen war oft ihr Geld nicht wert und seriöse Händler wie Manfred Zellmann rar gesät. "Die Kunden haben uns damals viel Vertrauen entgegen gebracht", sagt er heute über die Zeit. Die Kapitaldecke der Händler in der DDR war dünn und so mussten Kunden, selbst für Gebrauchte oft im Voraus zahlen. Enttäuscht hat er seine Kundschaft nicht und so konnte sein Betrieb langsam aber stetig aufbauen. Andere hatten da weniger Geduld. "Einige Kollegen haben sich in den ersten Nachwendejahren übernommen", sagt Zellmann. Um den Anforderungen der Autobauer aus dem Westen an die richtige Gestaltung eines Autohauses zu entsprechen, wurde schnell und viel gebaut, meist auf Pump. Einige haben das finanziell nicht überlebt.

Und was wurde aus den vielen Trabis, die vor 25 Jahren freigesetzt wurden? Die meisten landeten auf dem Schrott. Aber heute hat der einst so geschmähte Plaste-Bomber wieder viele Freunde. "Für ein gutes Exemplar werden mittlerweile wieder vier- bis fünftausend Euro fällig. Damals war der Wert gleich Null", sagt Manfred Zellmann, der mittlerweile in Rente ist. Tochter und Sohn leiten mittlerweile die Geschicke des Unternehmens. Auch er hat sich noch zwei Trabis gesichert, die er gemeinsam mit Azubis restauriert hat. "Man sollte sich ja manchmal erinnern, wo man herkommt."

So sah der Mauerstreifen aus
Beengend, der Familienausflug mit dem Fahrrad im Jahr 1981. Bis zur Panzersperre führte der Ausflug, im Hintergrund sind die Hochhäuser der Leipziger Straße im Osten der Stadt zu erkennen. Liebe Leserinnen, liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos des Berliner Mauerstreifens an leserbilder@tagesspiegel.de!Weitere Bilder anzeigen
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07.06.2017 13:58Beengend, der Familienausflug mit dem Fahrrad im Jahr 1981. Bis zur Panzersperre führte der Ausflug, im Hintergrund sind die...

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Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken.

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