Automesse "Auto China Beijing" : Vom Schärfen, Aufblasen und Ankündigen

Soldaten, neue Autos, Soldaten, große Show und noch mal Soldaten: Ein Besuch auf der wichtigsten Automesse Asiens, der "Auto China Beijing" - mit kreischenden Mädchen, politischen Aktivisten und einem Star, der gar nicht kam.

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Abgeriegelt: Nach einer Protestaktion eines Tibeters wurde der Merceses-Stand kurzfristig abgesperrt.
Abgeriegelt: Nach einer Protestaktion eines Tibeters wurde der Merceses-Stand kurzfristig abgesperrt.Foto: Rainer Ruthe

In China tickten die Uhren anders. Ostern war dort kein Feiertag; China ist kein christliches Land. Also lud die wichtigste Automesse in Asien, die "Auto China Beijing" die restliche Welt just zu diesem Zeitpunkt ein. Und die Europäer kamen, als Peking rief – auch zu Ostern. Ein Aspekt, wie abhängig mittlerweile der kapitalistische Westen vom kommunistischen Osten in Sachen Auto ist.

Am Tag nach Karfreitag fand der obligatorische Pressetag für die internationalen Medienvertreter statt. Doch jene, die zum ersten Mal in der chinesischen Hauptstadt, erlebten schon bei der Anreise die andere Seite der China-Messe: Stau, Stau, Stau – eine Stunde Fahrzeit für weniger als 20 Kilometer. Dabei oft nur Zentimeter von einer Berührung mit dem Nachbarmann entfernt. Neapels Verkehr ist harmlos dagegen. Endlich angekommen. Kontrollen. Überall Armee und Polizei. Endlich geschafft. Nun an die Arbeit.

Doch das war schwierig. Denn in Peking scheint es viele Tausend "Journalisten" zu geben – ein wüstes Gedränge wie auf dem Münchner Oktoberfest! Sehr viele ohne die umgehängte Akkreditierungskarte, für die zu Hause ein umständliches Procedere nötig gewesen ist. Viele Kinder, Kinderwagen und noch mehr Kids, die sich überall nassforsch vordrängten, um mit ihren Smartphons alles in Grund und Boden zu fotografieren. Und immer wieder in hunderttausende Euro teure Autos vor anderen als Erster reinzuspringen, um sich selbst abzulichten.

Junge Autobegeisterte: Kinder, Kinderwagen und noch mehr Kids, die sich überall nassforsch vordrängten, um mit ihren Smartphons alles in Grund und Boden zu fotografieren.
Junge Autobegeisterte: Kinder, Kinderwagen und noch mehr Kids, die sich überall nassforsch vordrängten, um mit ihren Smartphons...Foto: Rainer Ruthe

Und wieder das gleiche Bild: Polizisten und Soldaten, wo man auch war. Wenn Chinesen neugierig und etwas Besonderes erwarten, verlieren sie die Beherrschung. Rüttelten an verschlossenen Türen der Halle W4, überwanden schließlich diese und auch die Polizisten – und stürmten in die Halle. Weil dort David Beckham am Stand von Jaguar Land Rover kommen sollte. Doch er kam nicht. Stattdessen nur ein Einspieler mit ihm. Bereits am Vorabend hatten kreischende Mädchen das Hotel belagert. Offensichtlich hatten Jaguar und Beckham, der in China ein Superstar ist, kalte Füße bekommen. Die Erstürmung des britischen Standes fand dennoch statt.

Pressetag? Am Stand von Mercedes dann ein Eklat; ein Tibet-Aktivist hatte sich reingeschmuggelt – und mit einem Plakat protestiert. Sekunden später war er weg und anschließend der Stand erst einmal von Soldaten umstellt. Nebenan mühte sich eine junge chinesische Pianistin an einem Steinway-Flügel, gegen den Lärm des Nachbarstandes vom chinesischen Hersteller Haval anzukämpfen. Vergebens! Doch sie spielte unbeirrt weiter; wie ein Roboter.

Soldaten über Soldaten: Die chinesische Armee war auf der Messe omnipräsent.
Soldaten über Soldaten: Die chinesische Armee war auf der Messe omnipräsent.Foto: Rainer Ruthe

Automessen sind nicht nur Orte, wo neue Autos gezeigt werden, sondern wo sich für den kundigen Betrachter auch Trends zeigen. Der erste: Jeder guckt mehr denn je zum anderen, was der macht – und reagiert entsprechend. Es hat sich inzwischen herumgesprochen, dass der CLA, das viertürige kompakte Coupe von Mercedes sehr gut bei den Kunden ankommt, obwohl es teuer ist und vergleichsweise wenig Platz bietet.

BMW Vision Future Luxury: Künftiger 7er? Oder doch ein 9er? Die neue Front mit riesiger Niere und schmalen Laser-Scheinwerfern gibt einen Ausblick auf das neue BMW-Gesicht der Luxusklasse.
BMW Vision Future Luxury: Künftiger 7er? Oder doch ein 9er? Die neue Front mit riesiger Niere und schmalen Laser-Scheinwerfern...Foto: Promo

Also antwortet VW auf der Pekinger Auto China mit der Studie NMC. Die Bezeichnung steht für New Midsize Coupé. Ein schnittiges viertüriges Coupé, das mit 4,6 Metern etwas kürzer als der VW Jetta ist, mit 1,84 Metern aber etwas breiter und mit 1,42 Metern etwas flacher. Das Designteam unter VW-Chefdesigner Klaus Bischoff hat geschärfte Formen gefunden, obwohl die VW-Formensprache nicht grundlegend verändert worden ist. Das Showcar macht bereits auf der Bühne einen so seriennahen Eindruck, dass es wohl bald auf der Straße stehen wird. Vorerst nur in China, wie extra betont wird. Die Betonung liegt auf vorerst.

Mercedes Concept Coupé SUV: Das Trumm auf Basis der M-Klasse wird Mercedes MLC heißen, wenn es 2015 auf den Markt kommt. Es ist die schwäbische Antwort auf den erfolgreichen BMW X6, der das neue Segment der SUV Coupes begründete.
Mercedes Concept Coupé SUV: Das Trumm auf Basis der M-Klasse wird Mercedes MLC heißen, wenn es 2015 auf den Markt kommt. Es ist...Foto: Promo

Bei Audi ist man da schon etwas mutiger. Laut Entwicklungsvorstand Hackenberg ist der TT offroad concept in zweieinhalb Jahren serienreif. Mit diesem Auto, in dem man den künftigen Audi Q4 und damit die Antwort auf den BMW X4 sehen könnte, schärfen die Ingolstädter ihr Designprofil. In den letzten Jahren hat es ja zunehmend Kritik am einfallslosen Einheitsdesign von Audi gegeben. Der neue Designchef von Audi, der von VW gekommene 44jährige Marc Lichte, soll endlich für frische Formen und neue Gesichter sorgen.

Der TT offroad concept zeigt eines davon. 4,39 Meter Länge, 1,85 Meter Breite und 2,63 Meter Radstand; mit diesen Abmessungen ähnelt das Showcar dem heutigen Q3. In der Höhe unterbietet er ihn mit 1,53 Metern jedoch um acht Zentimeter Und sein Plug-in-Hybrid-Antrieb mit einem Zweilliter-TFSI, zwei Elektromotoren und 408 PS Systemleistung soll andeuten, welche Möglichkeiten sich auftun können: 5,2 Sekunden von 0 auf 100 km/h, eine elektronisch begrenzte Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h bei einem theoretischen Verbrauch von 1,9 Liter. Der Audi kann über 50 Kilometer weit rein elektrisch und damit lokal emissionsfrei fahren.

VW NMW: Volkswagen zeigt die speziell für den chinesischen Markt konzipierte 4,6 Meter lange Studie New Midsize Coupé, die von jungen Chinesen regelrecht umlagert wurde. Hinter NMW verbirgt sich das neue viertürige Coupé auf Basis des VW Jetta.
VW NMW: Volkswagen zeigt die speziell für den chinesischen Markt konzipierte 4,6 Meter lange Studie New Midsize Coupé, die von...Foto: Promo

Gerade in China, wo Leistung alles ist, kann ein weiterer Trend beobachtet werden, dem die deutschen Hersteller Audi, BMW und VW frönen. Leistung ist nur zu ersetzen durch noch mehr Leistung. Bestes Beispiel ist der Golf R 400. Dieses Conceptcar, das bis auf die 19-Zoll-Räder und die neuen schwarz-gelben Applikationen (VW-Chefdesigner Klaus Bischoff kann sie sich als künftiges Element vorstellen) recht normal daher kommt, hat es faustdick unter der Haube: einen 400 PS starken Zweilliter-TSI, und damit den serienstärksten Zweilliter-Serienmotor: 40 PS stärker als der des Mercedes A45 AMG.

Audi TT offroad concept: Diese in Sonoragelb lackierte TT-Studie hat in etwa die Größe eines Audi Q3. Wenn sie, wie Audi-Entwicklungsvorstand Hackenberg andeutet, in etwa zweieinhalb Jahren serienreif ist, könnte sie nicht nur eine Erweiterung der TT-Familie sein, sondern auch Basis für einen Audi Q4.
Audi TT offroad concept: Diese in Sonoragelb lackierte TT-Studie hat in etwa die Größe eines Audi Q3. Wenn sie, wie...Foto: Promo

Nur Porsche hat einen noch stärkeren zu bieten: einen Zweilliter-V4 mit über 500 PS, aber im Le Mans Renner 919. Ob dieser Golf wirklich auf die Straße kommt, wollte keiner verraten. Bei 300 PS ist derzeit Schluß beim Golf R. Man wolle einfach zeigen, was man könne, heißt es hinter vorgehaltender Hand.
VW, die Chinesen sagen "da zhong", hat bislang über 20 Millionen Autos in China verkauft, der Konzern macht mittlerweile über 40 Prozent seines Gesamtumsatzes dort. Die Volkswagengruppe eröffnet in China derzeit jeden Tag einen neuen Händlerbetrieb. Bis zum Jahr 2025, so Marktbeobachter, könnte die Zahl der jährlich verkauften Autos in China auf 35,5 Millionen ansteigen.

BYD Denza: Das gemeinsam von Daimler und BYD (Build your Dreams) entwickelte Elektroauto soll im Sommer, mit zwei Jahren Verspätung, auf den chinesischen Markt kommen. Es basiert auf der Mercedes B-Klasse, soll mit einer Batterieladung 300 Kilometer weit fahren und eine fünfköpfige Familie bequem transportieren können.
BYD Denza: Das gemeinsam von Daimler und BYD (Build your Dreams) entwickelte Elektroauto soll im Sommer, mit zwei Jahren...Foto: Promo

Doch ob dieses optimistisch anvisierte Wachstum wirklich so ungebremst weitergeht, ist ungewiss. Denn die Umweltprobleme sind nicht mehr zu übersehen. Laut Aussagen des Vizechefs der chinesischen Umweltbehörde, Wu Xiaoqing, hatten 71 der analysierten Orte im vergangenen Jahr mit massiven Smogproblemen zu kämpfen. Nur drei Orte blieben unter den staatlichen Grenzwerten.

Hinzu kommen die täglichen Dauerstaus in den Mega-Millionenstädten, welche die Autofahrer immer mehr nerven. Der Parteistaat reagiert auf seine Weise. Er führt immer mehr Einschränkungen für Neuzulassungen ein. So gibt es bereits Kennzeichen-Lotterien. Viele müssen auf ein Nummerschild jahrelang warten oder mehrere Tausend Euro zahlen. Nur Elektro- und Hybridautos bekommen noch Gratis-Kennzeichen.

Und so reagierte VW und kündigte auf der Auto China in Peking an, über die beiden Joint Venture Partner – FAW Volkswagen und Shanghai Volkswagen – bis 2018 insgesamt 18,2 Milliarden Euro in Modelle mit alternativen Antrieben zu investieren. Der VW-Konzern startet die Aktion E-Mobilität: e-Up und e-Golf sollen dieses Jahr eingeführt werden, Audi A3 Sportback e-tron und Golf GTE nächstes Jahr. Anschließend sollen weitere Hybrid-Modelle folgen.

Der Weg in eine bessere Umwelt? So einfach ist das nicht. China ist ein stromhungiges Land, das die meiste Energie – auch für Elektrofahrzeuge – aus umweltschädlichen Kohlekraftwerken bezieht. Derzeit gibt es keine Infrastruktur für die Elektromobilität; es fehlen schlicht die nötigen Ladesäulen in den beengten Städten. Und selbst eine Parteistaatsregierung, die fast alles reglementiert, kann die Chinesen derzeit nicht für Hybridautos begeistern. Von der aktuellen dritten Toyota Prius-Hybrid-Generation, so die "China Automotive Review", sind bislang nur 313 Autos zugelassen worden.

Wüstes Gedränge wie auf dem Münchner Oktoberfest: Der Publikumsandrang in Peking war kaum zu bändigen.
Wüstes Gedränge wie auf dem Münchner Oktoberfest: Der Publikumsandrang in Peking war kaum zu bändigen.Foto: Rainer Ruthe

Zurück zur größten Automesse in Asien im größten Autoabsatzmarkt der Welt. Es war ungewohnt mühevoll, in diesem so noch nie erlebten Gedränge seine Arbeit auf der Auto China 2014 zu tun. Irgendwie hatte man es doch geschafft. Nun nur noch gut zwei Kilometer Fußweg, weil alles von der Polizei weiträumig abgesperrt war. Und nun "nur" noch die Stunde Rückfahrt für die knapp 20 Kilometer. Unter bedecktem Himmel, denn die Sonne wurde durch den allgegenwärtigen dichten Smog verdeckt. Wieder einmal.

Vom Mini bis zum großen C
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11.01.2014 03:25Das neue Jahr spült eine regelrechte Flut an Neuheiten auf den Markt. Schon im Januar will Mercedes die neue C-Klasse...

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