Autonomes Fahren auf der CES Asia in Shanghai : Steuermann im Chaos

CES, das ist doch Las Vegas? Nein, das Spielerparadies hat die Hightech-Messe nicht mehr exklusiv. In Shanghai fand in dieser Woche zum ersten Mal die CES Asia statt. Der deutsche Autobauer Audi zeigt dort eine bemerkenswerte Weltpremiere. Und fährt autonom durch Shanghai.

Janine Ziemann
Härtetest für den Staupiloten von Audi: Der Verkehr der Megacity Shanghai ist unberechenbar. Genau deshalb bringen Testfahrten hier die meisten Erkenntnisse.
Härtetest für den Staupiloten von Audi: Der Verkehr der Megacity Shanghai ist unberechenbar. Genau deshalb bringen Testfahrten...Foto: Audi

Wie das Casino, so ist auch die CES (Consumer Electronics Show) unweigerlich mit Las Vegas verknüpft. Seit fast 40 Jahren treffen sich hier die Global Player der Unterhaltungselektronik, um die neuesten Trends und Innovationen der Branche zu präsentieren. Zugegeben, bis zum Commodore 64 waren auch New York und Chicago ab und zu Austragungsort der Messe, die mittlerweile zum weltgrößten Branchentreff für elektronische Konsumgüter avanciert ist. Aber seit jeher gehört die Messe zu Amerika, dem Land von Hightech und großem Entertainment. Bis letzte Woche jedenfalls. Denn am 25. Mai öffnete die erste CES Asia ihre Pforten. Warum nun dieser Ableger im Land der aufgehenden Sonne? Und warum hält der Vorstandsvorsitzende eines deutschen Autoherstellers die Eröffnungsrede in Shanghai?

Der neue Trendmarkt in Fernost

China ist längst nicht mehr nur ein Synonym für Billigware, sondern steht zunehmend für Hightech und rasanten Fortschritt. Kaum eine andere Nation ist technologischen Neuerungen so aufgeschlossen, das wirtschaftliche Potential in China ist gewaltig. Denn hier erobern neue Trends und Technologien in kürzester Zeit den Markt, und das nicht mehr nur in den Wohnzimmern. Das haben auch die Autohersteller erkannt, welche die traditionelle CES in Las Vegas ohnehin schon seit einigen Jahren fest belegen. Der Grund dafür ist naheliegend: In der Branche läuft ein heißer Wettbewerb um autonom fahrende Autos, Vorsprung in der Elektromobilität, neue Techniken wie Gesten-Steuerung und die Vernetzung der Fahrzeuge untereinander und mit ihrer Umwelt. Ganz vorne mit dabei ist Audi. Kein Wunder, denn wer sich „Vorsprung durch Technik“ auf die Fahnen geschrieben hat, der muss Pionierarbeit leisten. Außerdem führt erstmals in der über hundertjährigen Firmengeschichte nicht das Heimatland der vier Ringe, sondern China die Absatzrangliste der Ingolstädter an. Wie ernst es Audi mit der Vorreiterrolle auf dem chinesischen Markt nimmt, beweist die Keynote zur Eröffnung der CES Asia. Die hielt nämlich kein Geringerer als der Vorstandsvorsitzende Rupert Stadler. Dort präsentierte er den pilotiert fahrenden Audi R8 e-tron, der eigenständig auf die Bühne rollte. Ein gelungener Auftakt, denn eine echte Weltpremiere hatte sonst kein anderer Autohersteller auf der CES Asia zu bieten.

Glänzender Auftritt: Der neue R8 e-tron rollt nach der CES Eröffnungsrede von Rupert Stadler, dem Vorstandvorsitzenden der Audi AG, pilotiert auf die Bühne.
Glänzender Auftritt: Der neue R8 e-tron rollt nach der CES Eröffnungsrede von Rupert Stadler, dem Vorstandvorsitzenden der Audi...Foto: Audi

Den neuen, elektrischen Supersportler dürfen wir leider nicht fahren. Dafür aber Kong Ming, den Nachfolger des pilotiert fahrenden Audi RS7 mit dem Namen Jack. Ein Meer aus Wolkenkratzern umgibt mich auf dem Weg zu Kong Ming. Ich entdecke ein Seil, das von einem der gigantischen Türme herunterbaumelt. Als ich genauer hinsehe, traue ich meinen Augen kaum. In schwindelerregender Höhe kleben fünf kleine Männchen an der spiegelglatten Fassade – Fensterputzer. Ohne Plattform, Kran oder sonstige Absicherung hingen sie an Schnüren, die heftig im Wind schlackern. Die mutigen Kerle haben bereits das obere Viertel des Hochhauses erreicht, vielleicht das sechzigste Stockwerk? Fast ähnlich viel Mut braucht es auf den Straßen der Megacity. Der quirlige Verkehr lässt sich gut mit einem Wort beschreiben: abenteuerlich. Fahrräder, früher fast symbolhaft für die Fortbewegung des Massen in China, scheinen in den letzten Jahren aus der Mode gekommen zu sein. Dafür gibt es nun umso mehr Elektroroller. Der Verkehrsfluss erinnert an einen wabernden Organismus, der seinen eigenen Gesetzen folgt. Die Ströme lenken sich akustisch, ich hupe, also fahre ich. Unklar, wie das Ganze funktioniert, aber es geht. Wie soll pilotiertes Fahren in diesem Chaos ablaufen?

Härtetest auf der Autobahn

Ich reiche die Frage an Thomas Müller weiter. Er ist Leiter der Entwicklung von Fahrerassistenzsystemen bei Audi und empfängt mich zur Testfahrt vor dem Hotel. „Genau deshalb haben wir die Entwicklung nach China verlegt. Wenn es hier klappt, dann klappt es überall auf der Welt“, sagt der Audi-Mann. Außerdem sei man noch in der Konzeptphase, das pilotierte Auto für die Stadt sei noch nicht serienreif – erst recht nicht für China. Zum unberechenbaren Fahrverhalten gesellen sich hier noch Smog, der die Sicht einschränkt, Schlaglöcher, die das Auto aus der Spur bringen, hohe Temperaturen, durch die sich die Batterien zu schnell entladen, und übereinander gestapelte Highways, die dem Navi zu schaffen machen. Klingt alles einleuchtend, wenn auch nicht gerade beruhigend.

Der gute alte "Jack" hatte eine ganze Kofferraumladung voll Technik mit sich herumzuschleppen, um das pilotierte Fahren zu ermöglichen.
Der gute alte "Jack" hatte eine ganze Kofferraumladung voll Technik mit sich herumzuschleppen, um das pilotierte Fahren zu...Foto: Jan Gleitsmann

Als Beifahrer nehme ich in Kong Ming Platz. Darüber bin ich nach den ersten Eindrücken über den Verkehr in der Moloch mit mindestens 23 Millionen Einwohnern nicht sonderlich enttäuscht. Sicherheitsabstand scheint in dieser 22-Millionen-Metropole ein Fremdwort zu sein, von rechts und links drängeln sich gleichzeitig Busse, Autos und Mopeds auf die Fahrbahn, meist nur wenige Zentimeter neben dem Kotflügel oder der Stoßstange. Es gibt eine simple Erklärung, warum Chinas Metropolen besonders berüchtigt sind für eine der größten Herausforderungen, die autonom fahrende Autos zu bewältigen haben, die „Cut Ins“:  Wer es zulässt, dass der eigene Wagen vor der A-Säule gerammt wird, ist selber schuld. Nein, das ist kein ungeschriebenes Gesetz; so lautet die offizielle Straßenverkehrsordnung. Daher achtet jeder aufmerksam auf das, was vor dem Wagen passiert - und weicht freiwillig aus. Was hinter einem liegt, ist Sache der Nachfolgenden. Klingt nach einem System, wenn auch ein für Europäer befremdliches. Aber nun verstehe ich das Chaos auf den Straßen schon etwas besser, theoretisch jedenfalls.

Der Herzstück des Autopiloten ist kleiner als ein Notebook

Bevor es losgeht, zeigt uns Müller das zentrale Nervensystem des pilotierten Fahrzeugs: das zFAS. Noch vor zwei Jahren wurde Jacks Kofferraum von einer wild verkabelten Computerkonstruktion ausgefüllt - und zwar komplett. Als die Heckklappe des Nachfolgemodells geöffnet wird, staune ich nicht schlecht. Zwar hatte ich schon Fotos von Audis neuem „Supergehirn“ zu Gesicht bekommen, aber mir war nicht bewusst, dass die kleine silberne Platine, die zentrale Steuereinheit für das pilotierte Fahren, nicht mal 20 mal 10 Zentimeter misst. Damit nimmt das Steuerungsgerät weniger Platz weg, als ein Erste-Hilfe-Kasten. Wirklich beachtlich, denn Audi ist einer der wenigen Hersteller, der die Hardware und die Basis-Software selbst entwickelt. Natürlich in Kooperation mit Partnern und Zulieferern, wie zum Beispiel Nvidia. Das besondere am zFAS-Board ist aber nicht nur das Miniformat: Dank dieser Entwicklung werden erstmals alle verfügbaren Umfeldinformationen in einer zentralen Schnittstelle zusammengeführt und von dort aus an die vorhandenen Fahrerassistenzsysteme weitergeleitet – ob Park-, Fernlicht-, Spurhalteassistent, oder eben Staupilot. Dabei wird mit einer Rechenleistung in der kleinen Kiste gearbeitet, die der kompletten Elektronik-Architektur eines heutigen Audi A4 entspricht.

Audis Ass im Ärmel: Der Staupilot übernimmt Steuerung, Gas und Bremse, bis sich der Stau auflöst oder die Geschwindigkeit über 60 km/h steigt. Ab Ende 2017 soll das System serienreif sein.
Audis Ass im Ärmel: Der Staupilot übernimmt Steuerung, Gas und Bremse, bis sich der Stau auflöst oder die Geschwindigkeit über 60...Foto: Audi


Aber genug der Theorie, nun soll der A7 Sportback endlich zeigen, was er kann. Das erste Stück fährt Thomas Müller auf herkömmliche Weise, denn der Stauassistent ist bislang nicht für die Stadt ausgelegt. Doch kaum auf der gut befahrenen Autobahn angekommen, blinkt auch schon der Hinweis „piloted driving available“ im Cockpit auf. Am Lenkrad befindet sich ein kleiner unscheinbarer Knopf, den Thomas Müller drückt. Wir haben uns gerade unterhalten, daher realisiere ich erst einige Sekunden später, dass wir bereits pilotiert fahren. Tatsächlich, der Technikprofi hat die Füße von den Pedalen genommen und die Hände in den Schoß gelegt. Kong Ming hält nicht nur perfekt die Spur, sondern folgt selbstständig dem Vordermann und bremst ab, wenn es eng wird. Beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit das Auto alleine fährt.

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